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16. Dezember 2012

Massaker in Connecticut: Ratlosigkeit nach dem Amoklauf in Newtown

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Trauer in der ganzen Stadt: Ein Polizist steht einer Kreuzung, hinter ihm steht in großen Leuchtlettern "Hope" (Hoffnung) und "Love" (Liebe).Foto: REUTERS

Bis zum Freitagmorgen war Newtown ein amerikanisches Vorzeigestädtchen. Den Menschen ging es finanziell gut, es gab kaum Kriminalität, die idyllischen Wälder Neuenglands boten Erholung. Jetzt fragen sich die Bewohner, wie einer von ihnen zum Massenmörder werden konnte.

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Bis zum Freitagmorgen war Newtown ein amerikanisches Vorzeigestädtchen. Den Menschen ging es finanziell gut, es gab kaum Kriminalität, die idyllischen Wälder Neuenglands boten Erholung. Jetzt fragen sich die Bewohner, wie einer von ihnen zum Massenmörder werden konnte.

Als Adam Lanza am Freitagmorgen kurz nach 9.30 Uhr vor der Eingangstür der Sandy-Hook-Grundschule in Newtown steht, hat er schon einen Mord begangen. Im Haus Yogananda Street Nummer 36 liegt seine Mutter Nancy. Sie ist tot. Adam Lanza hat sie mit zwei Schüssen in den Kopf getötet, ihre Waffen ins Auto gepackt und ist losgefahren. Drei Meilen etwa sind es bis zur Grundschule. Die Straße führt durch die Wälder Neuenglands.

Die Schultür ist verschlossen. Wer nach halb zehn in das Gebäude will, muss klingeln. Adam Lanza schießt. Etwa ein halbes Dutzend Kugeln aus einem halbautomatischen Schnellfeuergewehr reißen ein Loch in die Glastür, durch das der 20 Jahre alte Lanza in die Schule schlüpft.

Gedenktafel an einem Bürgersteig in Newton: Trauernde betrachten eine US-Flagge mit den Namen der Opfer des Amoklaufs vom Freitag.
Gedenktafel an einem Bürgersteig in Newton: Trauernde betrachten eine US-Flagge mit den Namen der Opfer des Amoklaufs vom Freitag.
Foto: dapd

In diesem Augenblick, so lassen Rekonstruktionen der Polizei über den Tathergang vermuten, muss sich Adam Lanza entscheiden. Genau vor ihm ist das Büro der Schuldirektorin Dawn Hochsprung. Rechts ist ein Raum, in dem zwei Dutzend Kinder ein Theaterstück üben. Links von ihm liegen die Zimmer der Erstklässler.

Lanza geht nach links. Auf dem Weg dorthin erschießt er die Direktorin und auch Mary Scherlach, die Schulpsychologin. Die Frauen sind aus ihren Büros gelaufen, als sie die ersten Schüsse gehört haben. Am Ende wird die Polizei 27 Tote zählen, unter ihnen 20 Kinder im Alter von sechs und sieben Jahren, sechs Erwachsene und der Täter selbst.

14 Jacken, 14 Leichen

Adam Lanzas Amoklauf hat wahrscheinlich Methode. Eine eigene Methode. Die Ermittler fragen sich am Wochenende, warum der Täter am Klassenzimmer von Lehrerin Kaitlin Roig vorbei geht. Warum er ausgerechnet die Räume heimsucht, in denen Lauren Rousseau und Victoria Soto die Erstklässler unterrichten. In der Regionalzeitung „Hartford Courant“ wird am Sonntag ein Polizist zitiert, der die Abscheulichkeit von Adam Lanzas Tat in Rousseaus Klassenzimmer nüchtern kommentiert: „Da hingen 14 Jacken und da waren 14 Leichen. Er hat sie alle getötet.“

Lanza zieht weiter – in ein Klassenzimmer, in dem sich die 27 Jahre alte Lehrerin Victoria Soto als menschliches Schutzschild zwischen den Eindringling und ihre Schüler stellt. Sechs Kinder versuchen zu fliehen. Lanza tötet sie und nur kurz darauf auch die Lehrerin und eine Kollegin, die sich ebenfalls in dem Zimmer aufhält. Später, heißt es, habe die Polizei noch sieben Kinder in dem Zimmer entdeckt, die sich dort in einem begehbaren Einbauschrank versteckt hatten, während Lanza durch den Raum lief und schoss und schoss und schoss. Victoria Sotos Cousin Jim Wiltsie sagt am Samstag im Fernsehsender ABC News über seine Verwandte: „In unseren Augen ist sie eine Heldin.“

Ungefähr zehn Minuten dauert das Gemetzel in der Schule. Lanza verbraucht fast 100 Schuss. Dann tötet er sich selbst.

Wayne Carver, der Chef der Gerichtsmediziner im Bundesstaat Connecticut, gibt am Samstag in Newtown eine Erklärung ab und sagt, so etwas Schlimmes habe er in seiner ganzen, mehr als 30-jährigen Laufbahn noch nicht gesehen. Jedes der Opfer trage zwei bis elf Schusswunden. „Alle Wunden, die ich bislang gesehen habe, wurden von dem Gewehr verursacht“, sagt der Forensiker.

Hunderte von Journalisten

Verzweifelt fragen sich nun die Menschen, wie das geschehen konnte. Ausgerechnet in Newtown, dem friedlichen Städtchen in Connecticut, in dem es den meisten Menschen finanziell gut geht, in dem es kaum Kriminalität gibt und in das Leute von auswärts in den letzten Jahren gezogen sind – gerade weil Newtown so friedlich ist und es sich so schön leben lässt in den Wäldern Neuenglands.

Niemand hat bislang auch nur den Hauch einer Ahnung, was dazu führte, dass Adam Lanza, der zurückhaltende, scheue und ein wenig merkwürdige Junge aus der Yogananda Street, das schlimmste Schulmassaker in der US-Geschichte anrichtete. War es die Trennung seiner Eltern vor zehn Jahren, die Lanza nicht verwunden hat? War es der Einfluss von Gewaltvideospielen, die der junge Mann angeblich gespielt haben soll?

Warum suchte sich Lanza ausgerechnet die Sandy-Hook-Grundschule aus? War Lanzas Mutter als Kindergärtnerin an der Schule beschäftigt? Das immerhin hätte auf eine Verbindung ihres Sohnes zu der Schule hingewiesen, und daraus hätte sich vielleicht ein Motiv für die Tat ergeben. Doch die Polizei will das nicht bestätigen. Und auch die Meldungen, wonach Adam Lanza am Tag vor dem Amoklauf einen Streit mit einigen Angestellten der Schule gehabt haben soll, erhärten sich nicht.

Bislang gibt es nur wenige Antworten. Hunderte von Journalisten sind nach dem Massaker nach Newtown gekommen. Sie ziehen durch die Straßen und stellen Tausende von Fragen. Weil nicht auseinander zu halten ist, wer Journalist ist und wer Einheimischer, kommt es mitunter zu absurden Dialogen: „Entschuldigung, ich bin vom georgischen Fernsehen. Könnten Sie mir einen Kommentar zu dem Amoklauf geben?“ – „Entschuldigung, ich bin auch Journalist.“ – „Na dann, verzeihen Sie.“

Suche nach einem Motiv

Auf einem Parkplatz nahe des Treadwell Parks steht Polizeisprecher Paul Vance vor einem bedrohlich wirkenden Wall von Kameras und Mikrofonen. Vance hat an diesem Wochenende nicht viel Neues zu sagen. Immerhin: Seine Beamten hätten womöglich vielversprechendes Material in der Schule und im Haus der Lanzas sichergestellt. „Unsere Ermittler haben (…) sehr gute Beweisstücke gefunden, die wir nutzen können, um herauszufinden, wie und vor allem warum das alles passiert ist“, sagt Vance. Details will er aber nicht nennen. Die Suche nach einem Motiv für die Tat geht weiter.

Robbie Parker treibt seit den Morden nur eine Frage um: Warum Emilie? Das Mädchen wurde sechs Jahre alt. Am Freitag starb sie in ihrem Klassenzimmer. Knapp 36 Stunden später spricht ihr Vater zum ersten Mal in der Öffentlichkeit über den Tod seiner Tochter. Es ist ein bewegender Moment, als Robbie Parker das Wort ergreift. Er kämpft mit den Tränen. Er sagt, er wolle auch die Familie des Täters in seine Gebete einschließen. „Ich kann mir nicht vorstellen, wie hart diese Erfahrung für sie sein muss“, sagt der Mann.

Er spricht von einer schrecklichen Tragödie, die sich ereignet habe. Emilie sei wunderschön und blond gewesen. Immerzu habe sie gelächelt. „Sie war ein Mensch, der jeden Raum zum Leuchten bringen konnte. Für jeden Menschen fand sie ein nettes Wort.“ Dann wechselt Parker in die Gegenwartsform, als habe er noch immer nicht begriffen, dass Emilie tot ist. Er sagt: „Sie ist ein unglaublicher Mensch. Und ich bin so gesegnet, dass ich ihr Vater bin.“

JR Shine sitzt auf einem wackligen Stuhl vor einem Tisch, den er zusammen mit Freunden aufgestellt hat. Rechts ist der örtliche Schnapsladen, hinter ihm ein Café. Shine trägt eine Nikolausmütze. Er sammelt Geld. „Santas for Sandy Hook“ steht auf einem Pappschild. Shine ist 21 Jahre alt, in der Nachbarschaft groß geworden und studiert Marketing im rund 100 Kilometer entfernten New York. Er sagt, das Geld sei für die Familien der Opfer bestimmt. Er wisse zwar auch nicht, ob Geld in dieser Situation helfe, sagt Shine: „Aber ich dachte mir, ich müsse irgendetwas tun.“

„Wir helfen uns.“

Dann rückt sich der junge Mann die Nikolausmütze auf dem Kopf zurecht und sagt: „Ich verstehe nicht, wie das passieren konnte. Jeder kennt hier jeden, das ist eine tolle Gemeinschaft hier. Wir helfen uns.“ Adam Lanza habe er aber nicht gekannt, sagt Shine: „Nie gesehen.“

Das sagt fast jeder, den man fragt. Keiner will etwas mit Lanza zu tun gehabt haben. Das mag stimmen oder eine Ausflucht sein. Wer will schon gerne zugeben, dass er einen Massenmörder gekannt hat. Und die wenigen, bei denen es anders ist, wollen Lanza seit ewigen Zeiten nicht mehr gesehen haben.

So wie Megan, die so alt ist wie Adam Lanza. 20 Jahre. Sie wohnt in der Yogananda Street von Newtown, an deren Seiten schmucke Häuser ein Bild des Wohlstands vermitteln. Die Rasenflächen sind getrimmt, ein paar Lichterketten in den Büschen und über den Eingangstüren weisen darauf hin, dass demnächst Weihnachten ist. Megan steht am Straßenrand und sagt, sie habe Adam Lanza bewusst zum letzten Mal vor vielen Jahren wahrgenommen.

2004 müsse das gewesen sein. Lanza habe denselben Schulbus wie sie benutzt: „Aber ansonsten weiß ich nichts über ihn und kenne auch seine Mutter nicht.“ Die Yogananda Street sei lang, sagt die junge Frau und zeigt mit dem Finger auf einen Punkt rund 300 Meter entfernt. Dort versperrt ein Polizeiauto allen Neugierigen den Weg. „Und dann kommt noch eine Kurve und erst in einer halben Meile oder so ist das Haus der Lanzas“, sagt Megan: „Das ist gar nicht mehr meine Nachbarschaft.“

Ein Phantom, von allen vergessen

Hinter Megan klingelt in diesem Augenblick ein japanischer Journalist an einer Haustür. Er wird abgewiesen. Die Menschen in Newtown trauern und ziehen sich zurück. Sie haben nur Fragen und keine Antworten. In den Lokalblättern stehen am Wochenende einige Beschreibungen von Adam Lanza. Von Beth Israel etwa, die eine Zeitlang in der Yogananda Street gelebt hat. Sie sagt, Adam sei ein ruhiger und schüchterner Mensch gewesen: „Er konnte anderen Leuten nicht in die Augen blicken. Er war ein bisschen merkwürdig.“

Ein früherer Mitschüler des Amokläufers erklärt, Adam sei eher ein ruhiger Typ gewesen: „Wenn man versuchte, mit ihm ins Gespräch zu kommen, kamen von ihm immer nur Antworten, die aus ein, zwei Worten bestanden.“ Informationen, die nicht helfen werden, bei der Suche nach einem Motiv. Es ist, als wäre Adam Lanza in den letzten Jahren unsichtbar gewesen. Ein Phantom, das alle vergessen hatten, bis es sich plötzlich auf grausame Weise wieder in Erinnerung brachte.

Obama spricht zu den Angehörigen

Am Sonntagabend sparch US-Präsident Barack Obama in Newtown zu den Angehörigen der Opfer: " „Tun wir genug, um unsere Kinder zu schützen? Ich habe darüber in den vergangenen Tagen nachgedacht und wenn wir ehrlich sind mit uns selbst, ist die Antwort: nein“, sagte er.

„Wir können das nicht mehr hinnehmen. Diese Tragödien müssen enden, und um sie zu beenden, müssen wir uns ändern“, sagte Obama vor Angehörigen von Opfern und Einsatzkräften, denen er sein Mitgefühl aussprach und die „Liebe und Gebete“ des ganzen Landes überbrachte. Er werde alles in seiner Macht stehende tun, damit sich solche Taten künftig nicht mehr wiederholen könnten. Die demokratische Senatorin Dianne Feinstein aus Kalifornien kündigte an, noch am ersten Tag der neuen Legislaturperiode ein neues Waffengesetz in den Kongress einzubringen.

Am Ende seiner Rede las Obama die Namen aller Opfer des Amoklaufs vor. Die Stille in der Highschool-Aula wurde dabei immer wieder von Schluchzen durchbrochen. Der 20-jährige Amokläufer Adam Lanza hatte am Freitag 20 sechs- und siebenjährige Schulkinder der Sandy-Hook-Grundschule sowie sechs Erwachsene getötet. Zuvor erschoss er zuhause seine Mutter. Nach dem Blutbad richtete er sich selbst. (aktualisiert mit afp)

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