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09. November 2012

Maya-Kalender: Prophezeiung aus dem Dschungel

 Von Günter Marks
Die Pyramide der Inschriften in der ehemaligen Mayametropole Palenque. Foto: dpa

Am 21. Dezember 2012 endet angeblich der Maya-Kalender. Für viele Esoteriker ist das ein entscheidendes Datum. Die Ureinwohner Mittelamerikas zählen jedoch einfach weiter in die Zukunft.

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Ein kosmischer Blitz trifft die Erde. Das Klima kippt. Die Welt geht unter. Nur die Außerirdischen können uns retten!“ Die Sätze zum vermeintlichen Weltende am 21. Dezember 2012 klingen weit entrückt. Für den Ethnologen Lars Frühsorge sind sie jedoch fester Bestandteil seiner Arbeit. Wenn der Wissenschaftler der Universität Hamburg sich in den vergangenen Jahren mit Vertretern der Esoterik über das Ablaufen des Maya-Kalenders unterhalten hat, konnte er oft nur staunen. „Debatten haben meist keinen Sinn“, sagt der Forscher. Es sei nicht möglich, mit jemanden zu diskutieren, dessen Glaube an eine angebliche Maya-Prophezeiung dem logischen Denken enge Grenzen setze.

Trotzdem lässt sich Frühsorge auf diese Debatten ein. Er beobachtet und hört zu. Denn er untersucht die Auswirkungen, die die westliche Esoterik auf die heutige Kultur der Maya hat. Er kam auf diesen Schwerpunkt, als er bei Studien in Guatemala merkte, dass die Aufregung um das Jahr 2012 das Alltagsleben der Maya immer stärker prägte. Frühsorge sagt, dass die Esoterik und der Tourismus den Weltuntergangskult überhaupt erst nach Mittelamerika gebracht hätten. Viele Maya stellten sich gegen diese Entwicklung. Manche hätten aber ihre Chance im Tourismus erkannt. Sie halten am Fuße der Pyramiden Segnungszeremonien und spirituelle Beratungen ab, halten Vorträge und erstellen Ritual-Horoskope.

Es war im Jahr 2006, als Frühsorge zum ersten Mal einen Angehörigen der Maya in Guatemala über ein Szenario zum Weltuntergang reden hörte. Der Ethnologe war damals schon seit drei Jahren im Land. Er interviewte einen Schamanen für eine breit angelegte Feldforschung zur Sprache und Geschichte der Maya. Während des Gesprächs sagte der Schamane eher beiläufig, dass es ja sein könne, dass die technische Welt bald zusammenbreche. Er habe gehört, dass 2012 irgendetwas geschehen solle.


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Frühsorge sagt, ihm sei schnell klar gewesen, dass dieses vage Wissen nicht an dem Ort in Guatemala entstanden sein konnte. Wäre der Weltuntergang Teil des Maya-Kosmos’ gewesen, hätte der Schamane nicht im Konjunktiv gesprochen. Das Datum 2012 sei vielen Maya zwar bekannt gewesen. Aber in Hunderten Interviews, die er vor und nach der Begegnung mit dem Schamanen führte, sahen seine Gesprächspartner im Ablaufen der Maya-Zählung meist kein apokalyptisches Schicksal, dem man sich zu beugen habe, sondern einen Neuanfang, den man gestalte.

Die Missdeutung konnte laut Frühsorge nur entstehen, weil die Maya-Zählung eine Besonderheit aufweist. Die Zählung ist in unterschiedliche Zyklen aufgeteilt. Einer dieser Zyklen wird Baktun genannt und umfasst 394 Jahre. Nachdem die Zeitrechnung 3114 v. Chr. begonnen hat, endet am 21. Dezember dieses Jahres der 13. Baktun. Die Zahl 13 wiederum ist in der Maya-Mythologie eine heilige Zahl. Deshalb begann die Zeit auch mit dem 13. Baktun – was einen Ursprung bedeutet, also null. Wenn Ende 2012 nun wieder der 13. Baktun erreicht ist, stellt sich der Kalender wieder auf null, so wurde es zumindest gedeutet. Der Kalender würde damit ablaufen. Für die Maya geht die Zeitzählung aber lediglich von vorne los.

Umso verblüffter war Frühsorge, als er nach seiner Begegnung mit dem Schamanen beobachtete, dass immer mehr Maya Vokabular aus der Esoterik aufnahmen. Wörter wie das von der New-Age-Bewegung geprägte „Channeling“ – die Kontaktaufnahme mit Engeln und Überwesen – habe er vor 2006 nie gehört. Auch der beim Kartenlegen wie auch bei Astralreisen häufig gebrauchte Begriff der Energie sei den Maya bis dahin fremd gewesen.

Der Dresdener Codex ist eine rund 800 Jahre alte Handschrift der Maya.
Der Dresdener Codex ist eine rund 800 Jahre alte Handschrift der Maya.
Foto: Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz BPK

Dieser Einfluss sei tragisch, sagt Frühsorge. Denn auch wenn sich die Vertreter der Esoterik häufig auf die Maya beziehen, setzten sie sich mit deren Kultur nur wenig auseinander. Ein Beispiel stellt der in Mazedonien geborene und heute in Australien lebende Esoteriker Pane Andov dar. Der ehemalige Computerfachmann gibt überall auf der Welt Seminare für Meditation und Astralreisen. Andov sagt, er sei als Kind von Außerirdischen kontaktiert worden und stehe noch immer mit ihnen in Verbindung. Im letzten Jahr rührte er noch die Trommel vom Weltuntergang. Auf Vorträgen referierte er über die gigantische Energieentladung eines Schwarzen Lochs im Zentrum der Milchstraße. Deren Schockwelle sollte im Dezember 2012 die Erde erreichen und so heiß sein, dass alles Leben auf der Erde erlösche. Das Sonnensystem kollabiere, sagte er, weil die Sonne innerhalb weniger Monate zum Roten Giganten anwachse.

Laut Andov bestehe die Rettung darin, die Energie der Menschheit in einer gemeinschaftlichen, weltweiten Meditation zu vereinigen. Da die Schockwelle eine intelligente Lebensform darstelle, könne ihr mit der Kraft der Meditation entgegengetreten werden. Wie das funktioniert, vermittelt er auf seinen Workshops. Teilnehmer bezahlen pro Wochenende und Person rund 500 australische Dollar. Das sei noch nicht mal viel Geld, sagt Frühsorge. Andere Seminare in Europa, den USA, Mexiko und Guatemala kosteten bis zu 4000 Euro.

Mittlerweile ist Andov etwas zurückgerudert. Der Weltuntergang sei nicht mehr unausweichlich, sondern: Was wirklich im Dezember 2012 geschieht, könne man nicht genau wissen. Es sei aber gut, auf alles vorbereitet zu sein, schreibt er auf seiner Homepage. Andov zeigt damit eine Entwicklung, die seit Mitte dieses Jahres in der gesamten Esoterik-Szene zu beobachten ist.

Angst vor dem Unwägbaren eindämmen

Der Theologe Harald Lamprecht verfolgt seit mehreren Jahren die esoterischen Strömungen rund um den Maya-Kalender. Vom Weltende werde zurzeit in Kreisen der Esoterik kaum noch gesprochen, sagt der Beauftragte für Weltanschauungs- und Sektenfragen der evangelischen Landeskirche in Sachsen. Nur skurrile Außenseiter beschwören noch den Untergang. Das angebliche Weltende 2012 werde vielmehr mittlerweile umgedeutet zur großen kosmischen Transformation auf höhere Bewusstseinsstufen.

Was alle Theorien der Esoterik jedoch verbinde, sagt Lamprecht, sei die willkürliche Vereinnahmung von Bruchstücken aus unterschiedlichen Schriften und Mythen. Die Offenbarung des Johannes sei Inspiration genauso wie die Prophezeiungen von Nostradamus. Dazu kämen Teile von Astrologie, Astronomie und Archäologie, bis man bei den Maya und dem Datum 2012 ankomme. „Die Maya umgibt der Nimbus des Geheimnisvollen“, sagt Lamprecht. Deshalb seien sie in der esoterischen Szene so populär.

Der Buch-Autor José Argüelles war einer derjenigen, denen immer wieder vorgeworfen wurde, ihr Wissen zusammenzuklauben. Der an der Universität in Chicago promovierte Kunsthistoriker galt bis zu seinem Tod im vergangenen Jahr als einer der einflussreichsten Vertreter der selbst ernannten Maya-Esoterik. In seinem 1987 erschienenen Werk „Der Maya-Faktor“ machte er das Datum 2012 auch über esoterische Kreise hinaus bekannt.

„Argüelles propagierte, dass 2012 ein kosmischer Strahl aus dem Zentrum der Galaxie die Erde treffen werde“, sagt Frühsorge. Dadurch sollte die Menschheit einen Sprung in ihrer Evolution machen und eine neue Bewusstseinsebene erreichen. Argüelles behauptete, er sei in der mexikanischen Ruinen-Stadt Palenque von dem Maya-Herrscher Hanab Pakal (615–683) heimgesucht worden. Der Maya-König sei eigentlich ein Außerirdischer gewesen. Nach diesem Ereignis setzte sich Argüelles für die weltweite Einführung eines von ihm entworfenen kosmischen Maya-Kalenders ein. Er sagte, dass jedem Unheil widerfahre, der den Kalender nicht annehme.

Frühsorge sagt, dass Argüelles noch heute vielen esoterischen Autoren als Vorlage für deren Ausführungen diene. Er habe jedoch dass Gefühl, dass sich viele dieser Autoren gerade noch rechtzeitig vor Ende des Jahres 2012 auf das Maya-Boot gesetzt hätten. Das Geschäft mit esoterischer Literatur sei lukrativ. Auch der Weltuntergang spiele auf dem Buchmarkt nach wie vor eine wichtige Rolle. Mehrere Überlebensratgeber sollen zum Beispiel auf die Begegnung mit dem Planeten X vorbereiten. Der vielfach auch Niribu genannte Planet soll im Dezember zwar nicht mit der Erde kollidieren, ihr aber so nahe kommen, dass er Stürme und Temperaturumbrüche hervorruft. Daraufhin soll das Klima zusammenbrechen.

Lamprecht hat eine Erklärung für die Popularität solcher Szenarien. „So paradox es klingen mag“, sagt er, „Spekulationen über den Weltuntergang sind ein Mittel, um die Angst vor dem Unwägbaren einzudämmen.“ Wenn man zu wissen meine, wann die Welt untergehe, treffe es einen nicht unerwartet und schon gar nicht gleich nächste Woche. Frühsorge sagt, die Weissagungen erinnerten ihn an das Millennium 1999. Nachdem sich im Jahr 2000 keine der vielen Endzeit-Prophezeiungen erfüllt habe, dauerte es nur wenige Jahre, bis sie durch den Maya-Kalender neu aufkamen. Laut Frühsorge wurde der Weltuntergang 2012 einem größeren Publikum erst bekannt durch die US-Fernsehserie „Akte X“. In der letzten Folge im Jahr 2002 lieferten die TV-Agenten Mulder und Scully in Millionen Haushalte den Mythos vom baldigen Ende des Daseins. Aber erst der Film „2012“ von Roland Emmerich im Jahr 2009 habe eine Lawine ins Rollen gebracht, meint der Ethnologe. In der Folge hätten sich die Anfragen zum Weltende bei der Nasa rasant erhöht. „In der Öffentlichkeit setzte eine Vermischung aus Fiktion und Realität ein“, so Frühsorge.

Die Frage bleibt, was den Maya zufolge im Dezember 2012 geschehen soll. Frühsorge sagt, dass die Parallelen zur westlichen Esoterik nicht zu übersehen seien. Die Deutungen der Maya kündigen ebenfalls einen Wandel an. Der soll sich jedoch nicht global äußern, sondern bezieht sich eher auf eine kollektive Hoffnung der Bevölkerungsgruppe. Aus seinen Interviews schließt Frühsorge, dass die Maya in 2012 eine Chance für ein Umdenken sehen, das die Diskriminierung, der sie in den Ländern Mittelamerikas täglich ausgesetzt sind, überwindet.

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