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Medico: Große Probleme schon vor dem Beben

Die Gesundheitsprobleme der haitianischen Bevölkerung waren bereits vor dem Beben enorm. Spezialisierte medizinische Hilfe darf nicht zu Lasten der Basisversorgung gehen. Von Dieter Müller

Nach Erdbeben in Port-au-Prince. Mädchen tragen Stoffe (29.01.2010).
Nach Erdbeben in Port-au-Prince. Mädchen tragen Stoffe (29.01.2010).
Foto: dpa

Hospital Cardenal Leger, Leogane, Haiti. Während ich mit Rafael und Vitalina von der dominikanischen Gesundheitsbrigade spreche, die wir über COSALUP mit Medikamenten und medizinischen Bedarfsmaterial unterstützen, marschiert eine Gruppe US-Marines auf, die in der Nähe mit einem Hubschrauber gelandet ist. Sie sind auf Assessment-Tour, wollen sich ein Bild verschaffen. Freundlich geben die Kolleginnen Auskunft und verweisen auch auf die kubanische Brigade, die im Kreiskrankenhaus von Leogane arbeiten. Ja, da werden sie auch mal vorbei schauen. "Vielleicht hilft das ja mal die Beziehungen zwischen den USA und Kuba zu verbessern", raunt mir Rafael zu, als die Soldaten sich entfernen.

Wenig war bislang von den 400 Kubanerinnen, die bereits seit Jahren das haitianische Gesundheitssystem unterstützen, in den internationalen Medien zu sehen und zu hören. Noch weniger von den haitianischen Helferinnen und Gesundheitsarbeiterinnen, die unmittelbar nach der Katastrophe vielerorts völlig auf sich gestellt waren, bis die internationalen Helfer einflogen. Die meisten Menschen wurden von Angehörigen und Nachbarn aus den Trümmern gerettet und erstversorgt.

Noch in der Nacht des 12. Januars entsendete die Regierung der Dominikanischen Republik Hilfe und die dortige Zivilgesellschaft organisierte umgehend Unterstützung, zum Beispiel im Rahmen von "Ayuda Haiti", einem breiten Bündnis dominikanischer und internationaler Organisationen. Für Medico war es keine Frage, dem Aufruf der Basisgesundheitsorganisation COSALUP zu folgen und rasch eine erste finanzielle Unterstützung bereit zu stellen.

Rafael und Vitalina sind Teil des zweiten dominikanischen Gesundheitsteams, das im Garten des Hopital Cardenal Leger eine Gesundheitsstation eingerichtet hat. Am vergangenen Samstag haben sie rund 300 Patientinnen versorgt. In den ersten Tagen waren es über 500. "Wir betreuen vor allem Menschen, die keine aufwändigen Interventionen benötigen und daher in den Krankenhäusern keine Aufnahme finden. Und man darf nicht vergessen, dass die Gesundheitsprobleme der haitianischen Bevölkerung bereits vor dem Erdbeben enorm waren", erklärt Vitalina, eine brasilianische Nonne in "Zivil", die seit Jahren in der Dominikanischen Republik mit Flüchtlingen und Illegalen aus Haiti arbeitet.

Vitalina berichtet vom Rassismus, der Stigmatisierung und Ausbeutung dieser Haitianer in der Dominikanischen Republik. Die Unterstützung von Ayuda Haiti muss auch als Beitrag verstanden werden, um dem etwas entgegen zu setzten.

Die Ruhe und das Grün im Garten der Anlage täuschen auf den ersten Blick darüber hinweg, dass das Krankenhaus Cardenal Leger der Schwestern der katholischen Kongregation Cristo Rey komplett zerstört ist. Sie betreiben dort auch ein Altenheim. Glücklicherweise waren die Senioren fast alle im Garten, als sich das Beben ereignete. Im nahe gelegenen Waisenhaus starben zwei der 80 Kinder. Sie waren krank und lagen deshalb in ihren Betten, während die anderen sich zum Unterricht im Garten versammelt hatten.

Auch diese Einrichtungen werden von "Ayuda Haiti" basismedizinisch betreut. Zusätzlich gehen sie jetzt auch in die marginalen Viertel. Die Nonnen kennen sich dort bestens aus und so kann die Hilfe, in Koordination mit den lokalen Selbsthilfekomitees, gezielt jenen zugeführt werden, die es am nötigsten haben. Das bestätigt einmal mehr, dass die lokalen Netze in den Vierteln vielerorts gut funktionieren.

Denn eins steht fest: So wichtig die spezialisierte medizinische Hilfe ist, sie darf nicht zu Lasten der Basisgesundheitsversorgung, der Schwangerschaftsvorsorge, der Grundimpfungen und der Menschen mit chronischen Krankheiten gehen.

Autor:  Dieter Müller
Datum:  29 | 1 | 2010
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