Seit gestern befinden sich mein Kollege Riad Othman und ich in Port au Prince, um gemeinsam mit haitianischen Kollegen vor Ort sinnvolle Hilfsmaßnahmen zu besprechen. Im Vergleich zu den Menschen, die hier unter Plastikplanen mit Großfamilien leben, haben wir Glück mit zwei Matratzen in einer Abstellkammer eines Hotels.
Auch wenn die haitianische Regierung eine dramatische, wenn auch unumgängliche Entscheidung getroffen hat und das Ende der Sucharbeiten verkündete, wirken die Menschen erstaunlich ruhig. Ab und zu sieht man Menschentrauben in der Stadt, weil eine Hilfslieferung erwartet wird.
Mitten in der unfassbaren Zerstörung entstehen Marktstände, sieht man Menschen, die Schutt wegtragen. In den Trümmern beginnt sich das Leben neu zu sortieren. Daran zeigt sich, dass Menschen auch in solchen Katastrophen ihr Überleben organisieren und soweit wie möglich selbst bestimmen wollen.
Bei allem Respekt für die Suchhunde, die aus aller Welt eintrafen - die meisten Menschen werden von ihren Nachbarn aus den Trümmern befreit. Die Selbsthilfe ist ein erster Schritt zur Bewältigung der Katastrophe. In den Medien und der internationalen Wahrnehmung unterschätzt man auch die Tatsache, dass diese Selbsthilfe nicht nur spontan entsteht, sondern auch zuvor eine selbstorganisierte Struktur vorhanden war und gleich nach der Katastrophe gearbeitet hat.
Ein Sinnbild dafür sind die selbstgemalten Schilder, die die internationalen Reporter in die Viertel lenken sollen, damit sie nicht nur die internationale Hilfe abfilmen. Diese Kraft zur Selbsthilfe und Selbstorganisation sollte man in solchen Momenten niemals außer Acht lassen. Deshalb hat für größere Unruhe das Gerücht gesorgt, die Regierung plane die Umsiedlung von 200.000 Bewohnern der Hauptstadt. Die Angst ist groß, dass andere das eigene Schicksal ungefragt bestimmen.
Wenn ich mich durch die haitianische Hauptstadt bewege, habe ich meinen eigenen Wohnort vor Augen. Managua wurde 1972 durch ein Erdbeben fast vollständig zerstört und gleicht seither einem unstrukturierten Dorf ohne Zentrum. Bis heute ist dieses Erdbeben ein zentraler Referenzpunkt für die Nicaraguaner, es leitete in letzter Konsequenz das Ende des damaligen Diktators Somoza ein. Wer sich in Managua zurechtfinden will, muss eigentlich bis heute die Stadt vor dem Erdbeben kennen.
Und doch - das Erdbeben in Haiti hat noch eine viel dramatischere Dimension. Die Zahl der Toten und die fast 200.000 Verletzten, das alles sind unvorstellbare Ausmaße auch für mich, der ich immer wieder mit großen Naturkatastrophen konfrontiert wurde.
Während wir in der Hauptstadt mit Kollegen über die Möglichkeit reden, zum Beispiel unsere salvadorianischen Prothesentechniker in die Versorgung der Überlebenden einzubinden, sind unsere dominikanischen Partner von der Gesundheitsorganisation COSALUP in Leogane, 30 Kilometer westlich von Port au Prince eingetroffen. Dieser Ort befindet sich in unmittelbarer Nähe des Erdbeben-Epizentrums und ist deshalb massiv betroffen. Es ist bereits das zweite haitianisch-dominikanische Team aus Ärzten, Pflegepersonal und Dolmetschern, das unterwegs ist. Alles Freiwillige, die medizinische Kompetenz und Hilfsmittel aller Art mitbringen.
Trotz der großen Vorurteile und des weit verbreiteten Rassismus gegen Haitianer hat die Dominikanische Republik große Solidarität mit dem Nachbarland gezeigt. Solche gemeinsamen haitianisch-dominikanischen Aktionen wie dieser medizinische Nothilfe birgt auch einen Funken Hoffnung, dass es gelingen möge in der Bewältigung der Katastrophe die nachbarschaftlichen Beziehungen auf eine neue menschlichere Basis zu stellen.
Dieter Müller leitet das Medico-Regionalbüro für Mittelamerika, Riad Othman ist Nothilfe-Koordinator von Medico International.
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