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Medienschelte nach Amoklauf: "Die schrecken ja vor nichts mehr zurück"

Nach den Ereignissen von Winnenden wird über neue Medien und deren Ethik heftig diskutiert. Erste Meldungen kamen über das elektronische Netzwerk "Twitter" - und das Magazin Focus meldet sich dort als User "Amoklauf" an. Von Harry Nutt

Nach den Ereignissen von Winnenden wird über neue Medien und deren Ethik heftig diskutiert.
Nach den Ereignissen von Winnenden wird über neue Medien und deren Ethik heftig diskutiert.
Foto: ddp

Tontaube war die schnellste. Kurz nachdem die Schüsse in der Realschule von Winnenden fielen, gab die Trägerin dieses Twitter-Pseudonyms eine Nachricht über den Amoklauf in Umlauf ihres elektronischen Netzwerks.

Tontaube war nicht dabei. Sie saß zwei Kilometer entfernt auf dem Winnender Bahnhof, als die ersten Gerüchte vom Schulmassaker dort eintrafen. Im Wettlauf der Twitterer gegen professionelle Nachrichtenagenturen, der spätestens seit der spektakulären Wasserung eines Düsenjets auf dem New Yorker Hudson River öffentlichen Ereignissen ausgerufen wird, kann man Tontaubes Weitergabe des Gerüchts aus der Albertville-Realschule kaum als Punkt verbuchen.

Focus bei Twitter
Focus bei Twitter
Foto: Screenshot

Über Twitter und andere Netzwerke wurde am Mittwoch viel getippt und gesendet, doch das Meiste erstreckte sich auf die für das neue Medium wohl unvermeidliche Mitteilungswut.

Über das Twittern des Tages ist nun ein Streit entfacht, den das Onlinemedium Netzeitung losgetreten hat. "Wie pervers ist das denn", fragte diese. "Focus Online twittert unter @amoklauf! Die schrecken ja vor nichts mehr zurück...."

Bei Focus Online war man nach bekannt werden der Ereignisse in Winnenden auf die Idee gekommen, Kurzmitteilungen auf Twitter zum Amoklauf unter einer Adresse zusammenzufassen und legte dazu eigens einen Benutzer namens Amoklauf an. In der Szene ist nun eine Diskussion über das Vorgehen von Focus Online entbrannt.

Einer der prominentesten Wortführer ist darin Stefan Niggemeier. Der frühere FAZ-Medienredakteur und Gründer des medienkritischen Watchblogs Bildblog hat das Twitterverhalten von Focus-Online auf seiner Hompage (stefan-niggemeier.de) heftig kritisiert. "Man muss es nicht gleich pervers nennen", schreibt Niggemeier, "aber es ist in jeder Hinsicht unangemessen. Es geht um Pietät, Prioritäten und Perspektive. Ich finde es falsch, angesichts des Unglücks so vieler Menschen über die eigene Anreise (...) über die Hektik dieser Berichterstattung zu berichten, auch wenn es nur zehn Sekunden dauert."

Focus Online hatte über Twitter so Bewegendes berichtet wie: Online Team fliegt über A8. Polizeiwagen blockiert Auffahrt... Offenbar verwirrende Lage in Winnenden... Focus-Reporter fast am Ziel, um sich selbst ein Bild zu machen.

"Angesichts der Kurzatmigkeit, die solche Breaking News ohnehin schon bei den Medien auslösen", meint Niggemeier, "sind Journalisten, die ihr ADS auch noch auf Twitter ausleben ... ungefähr das Letzte, was wir brauchen."

Das sieht man bei Focus anders. Deren Online-Chefredakteur Jochen Wegner rechtfertigte gegenüber Meedia.de sein Vorgehen. "Ich kann verstehen, dass Einträge zum Entstehen einer Geschichte von manchen in dieser Situation als pietätlos empfunden werden, ich selbst habe dies nicht so empfunden." Einen allzu launigen Beitrag habe man aber wieder gelöscht. Inzwischen ist auch der Useraccount @amoklauf bei Twitter wieder gelöscht worden.

Soviel Selbstbeherrschung und ein waches Bewusstsein für Medienethik ist in der Branche nicht überall verbreitet. Bereits am Mittwochnachmittag gingen Fotos des mutmaßlichen Täters Tim K. über verschiedene Nachrichtensender, im Internet war bald der vollständige Name des 17-Jährigen zu erfahren. Über die strafrechtlichen und psychischen Folgen hinaus dürfte für die Eltern von Tim K. bereits jetzt feststehen, dass ihnen allein die Bekanntheit ihrer Identität ihre zukünftige Lebensgrundlage weitgehend nehmen wird.

Den öffentlich-rechtlichen Sendern, die im Umgang mit Aspekten der Medienethik etwas besonnener zu Werke gehen, war unterdessen die Dramatik des Tages bis in den späten Abend hinein anzumerken. Ein hilflos wirkender ZDF-Reporter hatte gegen lautes Glockengeläut anzusprechen, das die Winnender Gemeinde zum ökumenischen Trauergottesdienst rief.

Den Journalisten schien das sichtlich zu stören. Die aufdringlichen Signale des "Wir sind dabei"-Reports unterschieden den Habitus der live berichtenden Journalisten am Mittwoch kaum vom hektischen Geschwätz der Twitter-Gemeinde.

Wie heikel das Phänomen des Mikrobloggens in Verbindung mit Nachrichtenjournalismus ist, sieht auch Jochen Wegner. "Twitter ist eben kein klassischer Medienkanal. Redaktionen, die sich auf Twitter einlassen, wandeln grundsätzlich auf einem schmalen Grad." Wer sich an Neues wagt, so Wegner, mache hin und wieder auch Fehler.

Für die Befriedigung der journalistischen Neugier, soll das wohl heißen, ist man notfalls auch bereit, Opfer in Kauf zu nehmen. Davor warnt unterdessen Michael Konken vom Deutschen Journalistenverband (DJV). "Der zunehmende Konkurrenzdruck unter den Medien darf nicht dazu führen", so Konken, "Nachrichten selbst zu produzieren, wenn es einige Minuten lang keine gibt."

In der eifrig diskutierenden Blogger-Szene geht man derweil etwas abgebrühter an die Sache heran. Was ist ein Amoklauf ohne Bewegtbild? "Nichts" kommentierte ein Teilnehmer am Mittwoch und 16.58 und Blogger Ewald meinte: Naja, Twitter ist sowieso nichts für Reporter.

Für Abhilfe des Problems der Bilderlosigkeit sorgte übrigens am Donnerstag der Privatsender RTL. Dort zeigte man Handybilder vom Amokschützen in den Augenblicken des Sterbens.

Die Ereignisse von Winnenden sind auch ein Beleg dafür, dass der Kampf um die schnellste Nachricht unter Zuhilfenahme privater Elektronik dabei ist, in eine neue Dimension einzutreten.

Autor:  HARRY NUTT
Datum:  12 | 3 | 2009
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