„Ich schäme mich, dass ich mich nicht rechtzeitig eingemischt habe“. Betroffen sitzt Anne B. auf dem Sofa in ihrem Wohnzimmer in Hamburg-Wilhelmsburg und erzählt von ihren ehemaligen Nachbarn. „Es war offensichtlich, dass Silvia L. Drogenprobleme hatte, manchmal ist sie wie ein Zombie durch die Straßen gewankt.“
Die umstrittene Leiterin des Jugendamtes, Pia Wolters, muss ihren Posten räumen. Vom Mittwoch an solle sie nur noch für die Ermittlungen und die Aufarbeitung des Falls Chantal zuständig sein. Auch in dem Fall der an Unterernährung gestorbenen, neun Monate alten Lara-Maria musste sich Wolters 2009 rechtfertigen.
Auch der Chef des Bezirksamtes Hamburg-Mitte, Markus Schreiber (SPD), gerät in die Kritik. Die Hamburger CDU forderte bereits seinen Rücktritt, am Mittwoch verlangten auch die Grünen seine Ablösung. Er hätte die Jugendamtsleiterin schon nach dem Tod von Lara-Maria abberufen müssen. Schreiber gab zu, dass das Jugendamt im Fall Chantal viele Fehler gemacht habe, bei sich selbst hingegen sieht er bislang „keine persönliche Schuld“.
Silvia L. war die Pflegemutter der elfjährigen Chantal, die am 16. Januar an einer Vergiftung mit der Heroin-Ersatzdroge Methadon gestorben war. Sie war leblos in einem Bett gefunden worden Seit 2008 lebte das Mädchen bei ihren Pflegeeltern im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg. Beide Eltern waren drogenabhängig und Teilnehmer in einem Methadon-Programm. Wie konnte ein Pflegekind vom Jugendamt in eine derart vorbelastete Familie gegeben werden? Und warum hat niemand etwas gemerkt oder gesagt?
Das fragt sich nun auch Anne B. als sie sich an das Mädchen erinnert. Chantal habe zusammen mit Alisha, dem anderen Pflegekind von Silvia L. (47) und Wolfgang A. (51), oft die drei Hunde der Familie ausführen müssen. „Sie wirkte immer so blass und kränklich“, sagt sie. Oft habe sie überlegt, ob sie das Jugendamt von ihren Beobachtungen unterrichten solle. Aber sie habe sich nie dazu entschließen können. „Ich hatte Angst, mich mit Drogen-Leuten anzulegen – vor allem, dass meiner Tochter etwas passieren könnte“, sagt Anne B., die nun einen Trauermarsch für Chantal organisiert. „Ich möchte, dass wir besser aufeinander aufpassen. Das hätten wir schon früher tun sollen.“
Staatsanwaltschaft ermittelt
Ob es etwas genützt hätte? An Hinweisen aus der Nachbarschaft hat es im Fall Chantal nicht gemangelt. „Es gab fünf Hinweise auf Drogen, denen nicht nachgegangen wurde“, räumte der Bezirksamtschef von Hamburg-Mitte, Markus Schreiber, am Dienstagabend vor dem Familienausschuss der Hamburger Bürgerschaft ein. Man habe die Hinweise leichtfertig als üble Nachrede abgetan. Die Leiterin des Jugendamtes, Pia Wolter, wurde daraufhin von ihren Aufgaben entbunden.
Ausgestanden ist der Fall damit noch lange nicht: Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts der Verletzung der Fürsorgepflicht. Die Ermittlungen richteten sich aber noch gegen „bislang unbekannte Mitarbeiter“, sagte Oberstaatsanwalt Wilhelm Möllers. Bereits am Dienstagmorgen ließ die Staatsanwaltschaft die Büros des Jugendamtes und des Verbunds sozialtherapeutischer Einrichtungen (VSE) durchsuchen, der vom Jugendamt mit der Betreuung von Chantal und ihrer Pflegefamilie beauftragt worden war.
Weder den Mitarbeitern des Amts noch denen des VSE war bei ihren Besuchen bei der Familie Negatives aufgefallen, alle Berichte klangen äußerst positiv. Zuletzt hatte ein Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes Chantal besucht – wenige Tage vor ihrem Tod. „Dem Kind ging es gut, bis zuletzt“, mit diesen Worten hatte der auch sonst unglücklich agierende Markus Schreiber die Arbeit von Amt und VSE zunächst noch verteidigt.
Jugendamt nicht zum ersten Mal in der Kritik
Doch im Laufe der vergangenen Woche sickerten immer mehr Details von den Zuständen in der Familie an die Öffentlichkeit: Da war eine verwahrloste Wohnung in der zwei Erwachsene, vier Kinder und drei Hunde hausten und in der es für Chantal weder ein eigenes Zimmer, noch ein eigenes Bett oder einen eigenen Schrank gab. Der Kühlschrank soll voll verschimmelter Lebensmittel gewesen sein und auf den Matratzen fehlten die Laken. Hinzu kommt das Vorstrafenregister und die Gefängnisaufenthalte des Pflegevaters, die zum Teil aktenkundig waren. Es stellte sich heraus, dass das Jugendamt Hamburg-Harburg, das zunächst für die Pflegefamilie zuständig war, offiziell von der Drogensucht der Pflegeeltern und deren Substitution mit Methadon unterrichtet war. Sie befinden sich heute an einem den Behörden bekannten Ort.
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