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08. Januar 2016

Mexiko: Größenwahn bringt Guzmán zu Fall

Ende einer spektakulären Verfolgungsjagd: Joaquin „El Chapo“ Guzmán wird abgeführt.  Foto: AFP

Der im Juli aus einem Hochsicherheitsgefängnis geflohene mexikanische Drogenboss Joaquín "El Chapo" Guzmán ist gefasst worden. Mexiko will den Chef des Sinaloa-Kartells an die USA ausliefern.

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Mexiko-Stadt –  

Im Morgengrauen kreisen Hubschrauber über der Stadt Los Mochis im Westen von Mexiko. Schwerbewaffnete Soldaten durchkämmen die Straßen, inspizieren sogar die Abflusskanäle, durch die der meistgesuchte Drogenboss der Welt getürmt ist. Joaquín „El Chapo“ Guzmán wird, nachdem er diese Unterwelt wieder verlassen hat, schließlich von Marine-Infanteristen auf einer Landstraße stadtauswärts gefasst und in ein Motel zum Abtransport geführt. In einem schmutzigen Unterhemd sitzt er in Handschellen auf einem Bett.

Seit seiner Flucht im Juli durch einen 1,5 Kilometer langen Tunnel aus einem Hochsicherheitsgefängnis hatten Polizisten, Soldaten und Geheimdienstagenten den Chef des Sinaloa-Kartells im ganzen Land gejagt – währenddessen machte dieser Filmpläne über sein verbrecherisches Leben. Und das wurde ihm offenbar zum Verhängnis.

Am Sonntag veröffentlicht das US-Magazin „Rolling Stone“ einen spektakulären, umstrittenen Scoop. Der Hollywoodstar Sean Penn traf „El Chapo“ Anfang Oktober in einem Geheimversteck in Mexiko zu einem siebenstündigen Interview über sein Leben. Darin brüstet sich „El Chapo“: „Ich liefere mehr Heroin, Methamphetamin, Kokain und Marihuana als jeder andere auf der Welt. Ich habe eine Flotte von U-Booten, Flugzeugen, Lastwagen und Booten.“ Die Einnahmen brachten Guzmán auf die „Forbes“-Liste der reichsten Menschen der Welt.

Gegenüber dem zweifachen Oscar-Gewinner Sean Penn inszeniert sich der Kartellchef als Kind armer Eltern, das die Not in den Drogenhandel getrieben habe. „In unserer Gegend gibt es keine Jobs. Die einzige Möglichkeit, um Geld für Essen zu verdienen, ist der Anbau von Opium, Marihuana“, sagt „El Chapo“, der nach eigener Aussage selbst keine Drogen nimmt.

„Mission erfüllt.“

Penn beschreibt den Drogenbaron als Familienmensch mit Charisma: Im Gegensatz zu vielen Kollegen, die unnötig Entführungen und Morde begehen, habe „El Chapo“ den Ruf, zuerst Geschäftsmann zu sein und nur dann auf Gewalt zurückzugreifen, wenn er es für sich oder seine Geschäftsinteressen für vorteilhaft halte. Guzmán selbst sagt in einer Video-Aufzeichnung, die er Penn nach dem persönlichen Gespräch zukommen ließ: „Ich verteidige mich nur selbst, nicht mehr. Ob ich Streit anfange? Niemals.“ Schon die Anbahnung des umstrittenen und in US-Medien kontrovers diskutierten Treffens ist filmreif – stundenlang ist Penn mit Wagen und Kleinflugzeugen unterwegs, ohne zu wissen, wo ihn Guzmáns Leute hinbringen.

Organisiert hat die Anbahnung die Telenovela-Schauspielerin Kate de Castillo. Die Mexikanerin spielt in „La Reina del Sur“ (Die Königin des Südens) ausgerechnet eine Drogenhändlerin und stand mit Guzmán in Kontakt. Generalstaatsanwältin Arely Gómez, die ihn an die USA ausliefern will, betont, man sei Guzmán auch deshalb auf die Spur gekommen, weil er „Schauspielerinnen und Produzenten“ kontaktiert habe, um einen Film über sein bewegtes Leben drehen zu lassen.

„Mission erfüllt. Wir haben ihn“, twitterte Präsident Enrique Peña Nieto am Freitag nach der Festnahme. Der Gefängnisausbruch im Juli war die bislang peinlichste Schmach in der Amtszeit des Staatschefs. Als er die Festnahme im Nationalpalast in Mexiko-Stadt verkündete, brandete Jubel auf. Der Präsident, Innenminister Miguel Ángel Osorio Chong und Generalstaatsanwältin Arely Gómez fielen sich in die Arme.

Wird „El Chapo“ ausgeliefert

Die Flucht von „El Chapo“ aus dem Hochsicherheitsgefängnis El Altiplano im Zentrum von Mexiko hatte gezeigt, wie wenig die Behörden dem langen Arm und den tiefen Taschen der Drogen-Kartelle bisweilen entgegenzusetzen haben. Damals floh Guzmán durch einen 1,5 Kilometer langen Tunnel, der bis in die Dusche seiner Zelle führte. Der unterirdische Gang war professionell gebaut und verfügte über elektrisches Licht, Luftzufuhr und Schienen für ein Spezialmotorrad.

Für den Bau des Tunnels seien Ingenieure drei Monate lang in Deutschland ausgebildet worden, berichtet jetzt Sean Penn in dem „Rolling Stone“-Artikel, der glaubt, dass die US-Antidrogenbehörde DEA von seiner Reise Wind bekommen haben könnte. Was wird nun aus Guzmán, der schon zweimal aus Gefängnissen geflohen ist? Er sitzt nun wieder in der Haftanstalt El Altiplano, aus der er im Juli getürmt war. Damals wurde die Regierung kritisiert, Guzmán nicht an die USA ausgeliefert zu haben, wo mehrere Haftbefehle gegen ihn vorliegen. Die USA beteiligten sich an der Suche nach „El Chapo“ – dieses Mal könnte es zur Auslieferung kommen, Mexikos Generalstaatsanwaltschaft treibt sie jedenfalls voran. „Das US-Ministerium ist stolz, eine enge und effektive Beziehungen zu den mexikanischen Kollegen zu pflegen und freut sich auf die weitere Zusammenarbeit, um die Sicherheit aller Bürger zu gewährleisten“, so US-Justizministerin Loretta Lynch.

Aber es gibt Zweifel, ob die mexikanische Regierung ihren wichtigsten Gefangenen abgeben will. Erstens möchten die Behörden beweisen, dass sie selbst in der Lage sind, Guzmán zu bestrafen. Zweitens gibt es wohl Befürchtungen, dass die US-Behörden ihm einen Deal vorschlagen und er auspackt. Dann könnten pikante Details über Verwicklungen mexikanischer Politiker in den Drogenhandel ans Licht kommen. (dpa)

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