kalaydo.de Anzeigen

Michael Mann im Interview: "Einfach ist es nicht mit Gut und Böse"

US-Regisseur Michael Mann spricht mit der Frankfurter Rundschau über Sympathie für Bankräuber, die Leidtragenden der Finanzkrise und seine Hommage an die Verbrecher-Legende Dillinger.

US-Regisseur Michael Mann hält bei der Vorbereitung seiner berühmten Schiessszenen nichts von Platzpatronen.
US-Regisseur Michael Mann hält bei der Vorbereitung seiner berühmten Schiessszenen nichts von Platzpatronen.
Foto: ddp

Mr. Mann, was ist das größte Verbrechen, das Sie je begangen haben?

Ich? Gar keines!

Zur Person

Der Mann kennt sich mit Verbrechern fast besser aus als Verbrecher. Sein halbes Leben hat er darauf verwandt, sie ins (un)rechte Licht zu rücken.

Michael Mann wurde am 5. Februar 1943 in Chicago geboren. Nach seinem Studium an der London Film School erzielte er seinen ersten großen Leinwanderfolg mit "Der Einzelgänger", der Geschichte eines Einbrechers, der aus einem Syndikat aussteigen will.

Nach einigen kommerziellen Flops konzentrierte sich Mann, der als besessener Arbeiter und Perfektionist gilt, zunächst auf die Produktion von TV-Serien, "Miami Vice" wurde durch ihn zur weltweiten Kult-Serie.

1992 übernahm er die Regie für "Der letzte Mohikaner", seinen ersten großen Erfolg an den Kinokassen. 1995 folgte die düstere Verbrecher-Parabel "Heat" mit Robert DeNiro und Al Pacino, mit der Mann seinen Ruf als einer der großen Stylisten der Branche festigte.

Weitere - von Kritikern meist hoch gelobte - Filme waren "Insider (1999), "Ali" (2001), "Collateral" (2004) und eine Kinoversion von "Miami Vice" (2006).

Nicht mal einen Kaugummi geklaut?

Tja, na gut, als Kind habe ich mal das eine oder andere mitgehen lassen. Aber das bleibt für immer in der Geschichte von Chicago verborgen.

Warum sind die meisten von uns so von Kriminellen fasziniert?

Kriminelle reizen ihr Leben bis ins Extrem aus. Wir alle leben ja in mehr oder weniger engen Grenzen. Vermutlich beneiden wir ein wenig all diejenigen, die außerhalb dieser Grenzen leben und ihr eigenes Schicksal in die Hand nehmen, ohne sich dabei um Moral oder Anstand zu kümmern. Da geht es um Leben und Tod, mehr nicht, da steckt eine ungeheure Konsequenz dahinter, fast schon Besessenheit, sich von anderen zu unterscheiden

So wie bei John Dillinger, dem Helden Ihres neuen Films?

Dillinger war der meist gesuchte Mann Amerikas und - nach Präsident Roosevelt - auch der berühmteste. Der schlenderte ungerührt durch die Straßen von Chicago, brach mal eben aus zwei Gefängnissen aus, ließ sich anschießen - als sei das alles nichts. Er hat nach dem Motto gelebt: klüger, besser, schneller. Was mich daran interessiert hat, war: Was denkt so einer? Wer war er? Wie ist es, sein Leben als einzigen großen Exzess zu betrachten? Ich wollte wissen, wie es ist, in seinen Schuhen zu laufen.

Es gibt eine Szene in "Public Enemies", in der Dillinger zu einem Arbeiter sagt: "Wir wollen nicht dein Geld, wir wollen das Geld der Bank." Klingt fast nach Robin Hood.

Ich bin tatsächlich überzeugt davon, dass er im Grunde ein gutherziger Kerl war. Er mochte die Leute und die Leute mochten ihn. Er war sehr unterhaltsam. Leute, die ihn getroffen haben, sagten, nach zehn Minuten habe man das Gefühl gehabt, dass er der beste Freund sei.

Er hat Menschen erschossen.

Natürlich hat er Menschen erschossen. Das machen Schwerverbrecher meistens so. Und trotzdem haben ihn die Leute bewundert. Er war ja auch ein virtuoser Manipulator der Medien. Wenn seine Gang Geiseln nahm, und einer seiner Kumpane sich im Fluchtauto erdreistete, Ladys mit anzüglichen Sprüchen zu kommen, war es Dillinger, der das sofort unterband. "Keine Kraftausdrücke vor jungen Damen!" Er wusste verdammt genau, dass sie später von der Presse interviewt werden würde und dass sie dann sagen würde: Mr. Dillinger war ein echter Gentleman. Er wusste das! Er war PR-Profi lange vor der Erfindung von PR. Er hat ja auch alles verfolgt, was über ihn geschrieben wurde - dass er seine Häscher wieder mal zum Gespött gemacht hatte, oder dass er sich wie Houdini aus einer ausweglosen Situation befreit hatte.

Sie reden ja fast wie ein Fan. Mögen Sie Dillinger?

Ich denke, wer ihn getroffen hat, der mochte ihn. Aber würde ich wollen, dass er meine Tochter heiratet? Nein! Ist er ein Krimineller? Ja! War er ein Soziopath? Natürlich! War er geistig verwirrt? Sicher! Hat er immer alle anderen dafür verantwortlich gemacht, was ihm passierte? Noch mal ja. Ist er als Kind brutal vermöbelt worden? Bestimmt. Ist er ein Opfer? Auch das.

Ein Opfer?

Ja, natürlich. Sie haben ihn als Teenager wegen eines dilettantischen Überfalls zehn Jahre in den Knast gesteckt - und als er wieder rauskam, war er ein ausgebildeter Krimineller. Eine Folge von Dillingers Lebensgeschichte war, dass 1936, zwei Jahre nach seinem Tod, das ganze Jugendstrafsystem in den USA reformiert wurde. Da hatte man wohl etwas gutzumachen. Heute denken die meisten, dass John Dillinger grundsätzlich ein lieber Junge war, der im Gefängnis erst zum richtigen Schwerverbrecher gemacht wurde. Hollywood hat aus dem Stoff - keine Ahnung - vielleicht ein halbes Dutzend Filme gemacht. So einfach ist es halt nicht mit Gut und Böse.

Apropos: Es gibt in Ihrem neuen Film - wie schon in "Heat" oder "Collateral" - wieder eine schicksalhafte Begegnung zwischen Gut und Böse. Diesmal mit Johnny Depp als Dillinger und Christian Bale als FBI-Agent Purvis. Wer ist für Sie eigentlich der Gute von beiden?

Ich glaube nicht an gute Jungs und schlechte Jungs. Ich glaube an das, was Menschen tun. Und das ist mal gut, mal weniger gut. Wobei, wenn ich drüber nachdenke, muss ich zugeben, dass ich schon einige wirklich durch und durch böse Menschen getroffen habe.

Zum Beispiel?

Keine Namen. Aber ich habe mal einen Politiker getroffen, der war, so leid es mir tut, wirklich ein Mistkerl. Sehr zuvorkommend und höflich. Aber politisch betrachtet ein Faschist. Aber im Film geht das nicht, da kann ich solche Leute nicht gebrauchen. Wenn ich im Kino hundertprozentig Gute gegen hundertprozentig Böse antreten ließe, würde ich der Komplexität des menschlichen Daseins doch nicht gerecht.

Ein, wenn man so will, orthodoxer Krimineller raubt während der Großen Depression die Banken aus und wird dafür von den Armen bejubelt. Das klingt fast nach einem aktuellen Kommentar zur Lage der Nation.

Das Gute an Banken ist ja, dass dort das Geld ist.

Sollte man es sich einfach holen?

Sie müssen sich Folgendes vorstellen: Anfang der 30er Jahre gab es im Prinzip ja noch keine vernünftige Versicherung für Bankeinlagen. Das heißt, du hast vielleicht dein ganzes Leben lang hart gearbeitet, du hast zwei Kinder, eines will auf die Uni, du kaufst dir ein Haus, hörst dann auf zu arbeiten, vielleicht wird deine Frau krank - und dann macht deine Bank pleite. Pech gehabt. Das war´s. Wenn du Glück hast, kriegst du noch ein bisschen Klimpergeld, das für zwei Tage beim Tante-Emma-Laden reicht und fertig. Der Rest ist weg. Weg! Das Kind geht dann nicht mehr zur Schule, deine Frau kriegt keine ärztliche Versorgung mehr - das ist es, was passiert. Ich denke, Dillinger war auch deshalb so beliebt, weil er sich das Geld von Leuten geholt hat, die nach allgemeiner Lesart ihrerseits Räuber waren.

1 von 2
Nächste Seite »
Datum:  7 | 8 | 2009
Seiten:  1 2
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Leute
        

Der Ultravox-Sänger Midge Ure wurde von der Queen zum Ritter geschlagen, was seine Mutter wirklich stolz macht.
Ultravox-Sänger Midge Ure 
Bushido ganz zahm und ordentlich im Anzug: Der
Bushido-Hochzeit 
Prinzessin Victoria und Prinz Daniel bei der Taufe ihrer Tochter Estelle.
Victoria von Schweden 
ESC 2012

Schräge Kandidaten, internationale Musik: Das ist der Eurovision Song Contest in Baku. Wegen der politischen Zustände in Aserbaidschan wird er dieses Jahr heftiger Kritik begleitet. Mehr dazu im Spezial.

Ressort

Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft


Anzeige

Fotostrecke
Meeresbewohner: Leuchtend grüne Quallen gleiten durch ein Aquarium.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Ein Jahr Fukushima
Test auf Strahlenspuren.

Ein Jahr nach dem 11. März 2011 zeigen wir, wie das Unglück Japan und die Welt verändert hat.

Anzeige

Video

Anzeige

 
Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

Academy Awards - "And the winner is..."
Zwischen 300 und 500 Euro ist eine Oscar-Statue wert, je nach Goldpreis. Der ideelle Wert ist für Schauspieler und Filmemacher unbezahlbar.

Alle Gewinner der 84. Academy Awards of Merit, die desaströsesten Outfits auf dem roten Teppich und mehr im Oscar-Spezial.

Kolumne
Tempo 30

Am Aschermittwoch 2009 wurde Sebastian Gehrmann 30. Alles war vorbei. Jetzt kann er darüber schreiben.

Anzeige

Werben auf dem iPad
Das iPad als Werbeform bietet besonders viele Möglichkeiten. Gerne beraten wir Sie persönlich.

Meistgeklickt
Sieger: Der zehnjährige Marco gewinnt das Finale von DSDS Kids. Moderator Daniel Assmann (l.) und DSDS-Kandidat Thomas Pegram freuen sich.
DSDS Kids: Das Finale 
Das DFB-Bundesgericht mit dem Vorsitzenden Goetz Eilers hat entschieden: Das Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC wird nicht wiederholt.
Kein Wiederholungsspiel zwischen Düsseldorf und Berlin 
 Mely Kiyak
Kolumne zum neuen Umweltminister 
Quiz
Dezember 2006.

Thomas Gottschalk hat sich bei "Wetten, dass..." verabschiedet. Er bewegt die TV-Nation. Testen Sie Ihr Wissen.