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02. März 2013

Michael und Matthias Schweighöfer: Na klar, man will geliebt werden

 Von Anja Reich
Vater und Sohn, Schauspieler und Schauspieler: Michael und Matthias Schweighöfer Foto: bLZ/Paulus Ponizak

Manchmal ist er schon etwas neidisch, sagt Michael Schweighöfer. Auf seinen Sohn Matthias, der jetzt so berühmt ist, wie er es mal war. Andererseits: Er hat es ja von ihm. Die Schauspieler Matthias und Michael Schweighöfer über Erfolg, Lieblingsfilme und die Schwierigkeit, ein guter Vater zu sein.

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Die Kantine vom Deutschen Theater in Berlin um halb zwölf. Michael Schweighöfer sollte hier gestern Abend als Hauptdarsteller von „Juno und der Pfau“ auf der Bühne stehen, aber die Vorstellung fiel wegen Krankheit einer Kollegin aus. Nun trinkt er Kaffee und wartet auf seinen Sohn Matthias, der das Interview schon einmal um zwei Wochen, heute Morgen noch einmal um eine halbe Stunde verschoben hat und jetzt auch noch nicht da ist. Das liegt daran, dass Matthias Schweighöfer inzwischen nicht nur als Schauspieler, sondern auch als Regisseur und Produzent arbeitet, womit er sehr erfolgreich ist. An diesem Vormittag zum Beispiel sehen sich 400 ausländische Filmvertreter seinen neuesten Film „Schlussmacher“ an, was zur Folge hat, dass, als er schließlich da ist, sein Handy unentwegt klingelt, weil ihn seine Partner auf dem Laufenden halten. Und einmal muss er aus dem Stegreif übers Telefon den ganzen Saal auf Englisch begrüßen. Sein Vater, der dem Theater die Treue gehalten hat, aber jetzt manchmal kleine Rollen in den Filmen seines Sohnes spielt, wartet geduldig. Er war auch mal berühmt. Er weiß, wie das ist.

SOHN: Alles gut bei dir?

Vater: Wie meinste das jetzt?

SOHN: Wir haben uns ja schon ewig nicht mehr gesehen. Das letzte Mal bei der Premiere von „Schlussmacher“.

VATER: Wo du mir das nette Kompliment über meine Kilos gemacht hast.

SOHN: Mussten alle sehr lachen.

VATER: Das kann ja ganz lustig sein, aber das bei „Wetten, dass..?“ über deine Mutter...

SOHN: Ich weiß gar nicht mehr, was ich da gesagt habe.

VATER: Meine Mutter schenkt mir zu Weihnachten höchstens ein paar Socken für 2,99.

SOHN: Ich hab gesagt: Strümpfe und Seife, praktische Sachen. Das schenkt sie mir ja auch wirklich.

Matthias Schweighöfer

… wurde am 11. März 1981 in Anklam als Sohn von Gitta und Michael Schweighöfer geboren und wuchs in Frankfurt (Oder) und Chemnitz auf. Seine Eltern trennten sich, als er drei war.

… hatte sein Leinwanddebüt mit 16 in dem Film „Raus aus der Haut“ von Andreas Dresen, brach die Schauspielschule ab, spielte u. a. in „Soloalbum“, „Schiller“, „Valkyrie“, „Reich-Ranicki: Mein Leben“, bekam viele Preise.

… lieferte sein Regiedebüt 2011 mit „What a Man“ und produziert seine Filme jetzt selbst. „Schlussmacher“ hatte mehr als zwei Millionen Zuschauer. Er hat eine Tochter und lebt in Berlin Prenzlauer Berg.

VATER: Gitta ist vom Sofa gerutscht. Danach kriegte ich gleich ’n Anruf.

Warum haben Sie sich solange nicht gesehen?

SOHN: Wir sehen uns selten.

VATER: Ja, wir sehen uns selten, ist aber nicht so schlimm.

SOHN: Seit Micha auf dem Land wohnt, ist das auch noch schwieriger.

VATER: Am 2. März werde ich meinen Geburtstag feiern. Wenn du da Zeit hast. Wir wollen Lagerfeuer machen. Schön wäre, wenn noch ein bisschen Schnee läge.

SOHN: Am 2. bin ich da. Am 12. oder 13. fliege ich nach L. A.

VATER: Du fliegst?!

SOHN: Ja, wahrscheinlich, obwohl ich solche Flugangst habe.

VATER: Viel Whiskey vorher, ordentlich.

SOHN: Ich will es zumindest mal wieder versuchen.

VATER: Das ist ’ne Granate. Flieg einfach, ich hatte ja auch Flugangst. Allerdings, bevor ich jemals geflogen bin. Ich hab geträumt, dass ich die Prenzlauer Allee langlaufe, und da fallen die Flugzeuge vom Himmel. 1988 bin ich von Leipzig nach Amsterdam zum Gastspiel geflogen. Seitdem steige ich in jedes Flugzeug ein.

Michael Schweighöfer

… wurde am 29. Februar 1952 in Borna, Sachsen, geboren und wuchs bei seiner Mutter in Suhl auf. Er besuchte die Schauspielschule, spielte in Anklam, Frankfurt/Oder und gehört seit 1985 zum Ensemble des Deutschen Theaters in Berlin. Derzeit ist er als Hauptdarsteller in „Juno und der Pfau“ unter der Regie von Milan Peschel zu sehen.

… inszenierte zahlreiche Stücke, darunter „I hired a contract Killer“ in Leipzig. Derzeit führt er Regie in „Der Garten“ in Halle (Saale).

… ist mit der ehemaligen Tänzerin und Kostümbildnerin Ines Schweighöfer verheiratet und lebt mit ihr in einem alten Haus in Brandenburg.

SOHN: Bei mir ist das, seitdem ich mal im Schneesturm in New York gestartet bin. Der Pilot hat die Maschine im Start runtergezogen. Alle haben gedacht, wir sterben. Der ist dann 20 Minuten um die Wolkenkratzer gekreist.

VATER: Warst du da nüchtern?

SOHN: Ich war zu dem Zeitpunkt schon sehr betrunken. Aber dann wurde ich nüchtern. Und bin nicht mehr geflogen danach.

Wovor genau haben Sie Angst im Flugzeug?

SOHN: Vor dem Kontrollverlust. Ich bin auch kein guter Beifahrer im Auto. Ich mag nicht irgendwo drinsitzen und weiß, dass ich nichts machen kann. Ich hasse das. Mittlerweile kriege ich selbst in Zügen ’ne Macke.

VATER: Diese ICEs sind ja auch versiegelt. Da kannste kein Fenster aufmachen, nichts. Ne luftdicht abgeschlossene Röhre.

Hatte Matthias immer schon solche Angst? Auch als Kind?

VATER: Nee, daran kann ich mich nicht erinnern.

Wie war er denn damals so?

VATER: Lustig. Ein sehr fantasievoller Junge. Matthias hat Spaß gemacht als Kind. Wir beide wohnten ja gleich hier zwei Häuser weiter. Zwei Monate war er im Jahr bei mir, den Rest bei Gitta, seiner Mutter, in Chemnitz. Bei mir hat er immer Holiday gemacht. Ferien.

SOHN: Ich erinnere mich noch an Fanta Mango, dieses Getränk. Wenn ich mit meiner Mutter aus Chemnitz gekommen bin. Da in der Nähe vom Zoo, vom Ost-Zoo, wie hieß der noch gleich?

VATER: Tierpark.

SOHN: Genau, da war so ein großer Parkplatz. Da haben wir immer die Übergabe gemacht. Und da gab’s einen Stand, wo Fanta Mango verkauft wurde. Vorher haben wir alle zusammen in Anklam und Frankfurt (Oder) gelebt.

VATER: Seine Mutter und ich waren beide in Anklam am Theater, wobei man da nicht von Theater sprechen kann. Wir haben versucht, die Bauern vom Feld zu locken und als wir gemerkt haben, es klappt nicht, sind wir in die Kneipe gegangen. Gitta und ich haben dann versucht, ein Doppelengagement zu bekommen, so sind wir nach Frankfurt (Oder) gekommen.

Können Sie sich an Frankfurt (Oder) erinnern, Matthias?

SOHN: Ja, klar. Ernst-Thälmann-Straße 48. Wenn ich aus dem Fenster geguckt habe, war da so eine riesige Funkuhr. Und das Kleist-Theater war auch da.

VATER: Da hat er immer in der Kantine den Boden gebohnert. Er hat Anlauf genommen und ist dann den Gang runtergerutscht. Einmal, in Berlin am DT, hat er eine Probe unterbrochen. Das „Fuchsquartett“ von Mrozek. Ich spielte einen Hahn. Matthias saß unten in der ersten Reihe. Und da unterbrach Dieter Mann mich, der die Inszenierung übernommen hatte, und sagte: Micha, das musst du anders machen. Da hat sich Matthias umgedreht und gesagt: Wieso, das war doch gut.

Wie war das, mit Eltern aufzuwachsen, die beide Schauspieler waren?

SOHN: Cool. Ich war der Einzige in der Klasse, dessen Eltern Schauspieler waren. Wir waren immer mit der Schulklasse im Theater. Und ich bin dann mit auf die Bühne und konnte ein bisschen angeben.
VATER: Ich hatte dann auch in einer siebenteiligen Fernsehserie mitgespielt, und da standen die Fans bei mir so Schlange, wie sie heute bei Matthias anstehen.

Wenn Sie Matthias heute so sehen, erinnert er Sie dann an Sie selbst?

VATER: Natürlich. Sieht aus wie ich, nur einen halben Kopf größer.

SOHN: Und ohne Bart.

Was ist das für ein Gefühl?

VATER: Ein gutes, ist doch mein eigen Fleisch und Blut. Das hab ich doch gemacht. Kann er gar nichts dafür. Den ganzen Scheiß hat er doch geerbt.

SOHN: Finde ich klasse, dass du das mit Gitta so in Angriff genommen hast.

VATER: Wir haben uns gesagt, wir machen jetzt mal ’nen Jungen, der ein ganz großer Filmstar wird. Na ja, in Anklam biste auf so ’ne Sachen nicht gekommen.

Wann stand denn für Sie, Matthias, fest, dass Sie Schauspieler werden?

SOHN: Das ging so schleichend. Ich hing eben immer im Theater rum. Das war für mich die interessanteste Form, sich auszudrücken. Und es war was Besonderes. Vielleicht war ich so elf, zwölf.

Wie war das bei Ihnen, Michael?

VATER: Mein Vater war ja auch Schauspieler, in Borna, wo ich geboren bin, und später in Altenburg. Ich bin aber auch nicht bei ihm aufgewachsen, sondern bei meiner Mutter und meinen Großeltern in Suhl in Thüringen. Ich habe Verkäufer für Fahrzeug- und Ersatzteile gelernt und war so ein richtiger Gammler, es war die Beatles- und Stones-Zeit. Und ich habe auf der Straße rumgehangen. Kneipe, Mädels, Musik. Aber schon in der Schule nannte man mich immer Schwejk, weil ich lustig war. Ich habe auch im Jugendtheater gespielt. An Film habe ich nie gedacht. Die DDR war ja ein Theaterparadies. Es gab 56 Theater. Man konnte in den Stücken Botschaften unterbringen. Das gibt’s heute gar nicht mehr. Du kannst ja machen, was du willst. Es wird ja schon auf die Bühne geschissen. Es wird auch nicht mehr lange dauern, bis man Geschlechtsverkehr auf der Bühne hat.

Kam für Sie, Matthias, Theater jemals infrage?

SOHN: Zum Anfang ja. Ich kannte die ja alle. Aber irgendwann kippte das dann. Man konnte im Film ganz andere Welten kreieren als im Theater.

War das auch eine Möglichkeit, sich von den Eltern abzugrenzen?

SOHN: Ja, klar. Auf der Schauspielschule hieß es, du sitzt ja hier sowieso nur wegen der Kontakte deines Vaters.

VATER: In der Theaterszene kannte mich einfach jeder.

SOHN: Die gingen mir alle einfach auf den Wecker. Der Knackpunkt war, als die Klasse entscheiden sollte, ob ich in „Soloalbum“ mitspielen darf. Ich musste mich in die Runde setzen und sollte mir von einem Mädchen, die gerade vom Abi kam und noch nie gespielt hatte, anhören, warum ich spielen sollte oder nicht. Da habe ich gesagt, wisst ihr was, ich glaube, es wäre besser, wenn ich die Klasse verlasse. Ein halbes Jahr später habe ich den Grimme-Preis bekommen und dann wurde mir eine Gastprofessur angeboten.

Und?

SOHN: Ich hab gesagt, leckt mich am Arsch.

Fragen Sie sich manchmal, was aus Ihnen geworden wäre, wenn Sie geblieben wären?

SOHN: Nee.

Wer war denn noch in der Klasse?

SOHN: Kennt man keinen.

Und was ist aus Ihren Mitschülern in Frankfurt (Oder) und Chemnitz geworden?

SOHN: Keine Ahnung. Hab keinen Kontakt mehr. Ich habe ja schon in meiner Schulzeit als Schauspieler gearbeitet und bin nur noch zum Abiball geflogen, von München aus, wo ich gedreht habe. Hab allen gesagt, Tschüss, ich bin dann weg, und bin nie wieder zurückgegangen. Warum guckst du mich da so entsetzt an?

VATER: Ich denke darüber nach.

SOHN: Ich bin dann nach Berlin gezogen und hab in der Wohnung über Micha gewohnt. War eine klasse Zeit. Die Neunziger. Wie sich alles verändert hat. Wie es hier damals noch aussah! Und ich war dann weg, hab drei, vier Filme pro Jahr gemacht.

Woher nehmen Sie eigentlich diese Energie?

VATER: Hat er auch von mir. Ich hatte ja 15 Stücke zu laufen früher, im Monat zwischen 25 und 28 Vorstellungen. Es gibt diesen wunderbaren Satz: Wenn du einen Beruf hast, den du liebst, brauchst du nicht arbeiten gehen. Das ist der Antrieb. Einen besseren Beruf kann man ja gar nicht finden.

Was genau lieben Sie an dem Beruf?

VATER: Da ist schon ein bisschen Exhibitionismus dabei. Ich wollte auf der Bühne stehen und bewundert werden.

SOHN: Wie ein Gott.

VATER: So, wie Matthias heute auf dem roten Teppich steht. Na klar, man will geliebt werden. Heute will ich vor allem Geschichten erzählen.

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SOHN: Ich finde gut, dass man was macht, was bleibt. Ich bin auch stolz, als Teil dieser deutschen Kultur wahrgenommen zu werden. Der Film „Schiller“ zum Beispiel wird in Schulen gezeigt. Das ist absurd, ist mir aber wichtig.

VATER: Mir nicht so. Diese Dinge vergehen, verglühen. Ich war auch nie traurig, wenn Stücke abgesetzt wurden. Da habe ich gesagt, okay, letzte Vorstellung.

Haben Sie jemals auf der Bühne zusammen gespielt?

SOHN: Auf der Bühne nie.

VATER: Kriegen wir aber nochmal hin.

Es war schon mal geplant, oder?

VATER: Ja, wir hatten mal eine gemeinsame Lesung von Nick-Hornby-Texten vor, mit Musik auflegen. Matthias hat dann aber irgendeinen Dreh gehabt.

Stimmt es, dass Sie Angst hatten, von Ihrem Vater an die Wand gespielt zu werden.

SOHN: Das war bestimmt wieder sowas, was ich so rausgehauen habe. Ich musste wirklich drehen.

Gibt es etwas, was Ihr Vater besser kann?

SOHN: Die Energie und der Humor ist das Gleiche. Micha ist natürlich nicht mehr so schnell, weil er 30 Jahre älter ist. Der macht nicht mehr den Scheiß, den ich so mache. Die Schubladen hat er schon lange zugemacht. Micha ist viel fitter, was Kraft und Stimme angeht. Wenn der ’ne Stunde schreit, bin ich nach 20 Minuten raus. Da pfeif ich mir das erste Emser-Salz rein.

Und umgekehrt? Was kann Matthias besser?

VATER: Besser ist vielleicht das falsche Wort. Ich sehe meinen Sohn sehr gerne spielen. Wenn ich Filme mache, sieht man manchmal, dass ich weiß, dass ich gerade vor der Kamera stehe. Sieht man bei dir nicht mehr. Das ist etwas, was ich bewundere. Matthias hat in dem Moment ein ganz genaues Sendungsbedürfnis. Man kann zugucken, wie er denkt. Das kann ich auf der Bühne, das kann er besser im Film.

SOHN: Wenn Micha auf der Bühne steht, steuert er auch seine Kollegen. Und ich habe im Film gelernt, egal, wie man sich vorbereitet: Wenn einer nicht so richtig bei der Sache ist, weil er Stress hat mit seiner Frau oder so, versuche ich, ihn in der Szene zu steuern, zu gucken, wo ich ihn hinkriege.

Gibt es Konkurrenz zwischen Ihnen?

VATER: Der Schauspielerberuf ist ein Konkurrenzberuf. Das ist so.

SOHN: Na ja, aber wir sind jetzt nicht Konkurrenten. Ich bin natürlich froh, dass ich als Regisseur meine Eltern besetzen kann, die sind ja beide gute Typen.

Haben Sie, Michael, schon mal eine Rolle abgelehnt, die Ihr Sohn Ihnen angeboten hat?

SOHN: Micha macht alles mit.

VATER: Ich mach alles. Es waren ja bisher auch nur diese beiden kleinen Geschichten, also „Friendship“ und „Schlussmacher“. Da hat er leider eine wunderbare Stelle rausgeschnitten.

SOHN: Die hat nicht so funktioniert, wie ich sie mir vorgestellt hatte.

VATER: Aber um nochmal auf Konkurrenz zurückzukommen. Es gibt ja auch gute, gesunde Konkurrenz und nicht auf Kosten des anderen. In Hollywood freuen sich die Schauspieler, wenn der andere Erfolg hat. Es gibt da nicht so diesen Neid, wie er in Deutschland verbreitet ist. Klar, im Schauspielberuf geht es darum, geliebt zu werden. Es ist ein Konkurrenzberuf. Aber es darf nicht so weit gehen, dass man sagt, dem wünsche ich mal einen richtigen Flop.

SOHN: Das Gute ist ja, wenn man beides macht, Regie und Produzieren, dann kann man jemanden wie Milan Peschel besetzen oder Micha oder meine Mutter, Leute, vor denen ich großen Respekt habe, die aus einer ganz anderen Generation kommen.

Ist das nicht ein bisschen komisch, wenn Matthias gestandene Theaterschauspieler wie Sie oder Milan Peschel jetzt groß rausbringen will?

VATER: Nee, warum? Für mich ist Matthias nicht mehr der Kleine. Matthias ist ein sehr gestandener, erwachsener Mann, finde ich großartig.

Werden Sie weiter romantische Komödien drehen, Matthias, oder haben Sie Lust, auch mal eine Geschichte aus der deutschen Geschichte oder Wirklichkeit zu erzählen, die in Chemnitz spielt oder in Frankfurt (Oder)?

SOHN: Ich muss ehrlich sagen, mich interessiert nur die westliche Filmwelt. Ich würde mir zehnmal lieber eine Kinokarte für „Herr der Ringe“ kaufen oder für „Minority Report“ als für „Das Leben der Anderen“. Auch gerade, weil ich da herkomme. Ich bin niemand, der seine eigene Geschichte gerne bearbeitet und auswälzt. Ich habe kein Gefühl dafür, und ich interessiere mich dafür nicht. Ich interessiere mich für Kameratechnik, aber nicht für Historie. Deshalb gucke ich mir solche Sachen auch nicht gerne an. Wahrscheinlich spielt es eine Rolle, dass ich in so einer Übergangszeit aufgewachsen bin, mit so viel superkommerziellem amerikanischen Zeug.

Was sind Ihre Lieblingsfilme?

SOHN: „Vergiss mein nicht“ mit Jim Carrey und Kate Winslet. Großartig! „ET – Der Außerirdische“ ist der Wahnsinn. Und eigentlich alle Animationsfilme von Pixar. Vor allem „Oben“. Wenn ich Filme mache, gucke ich mir auch nur Animationsfilme an, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wo die Emotionen liegen, wo man die Leute wirklich kriegt.

VATER: Meine sind „Spiel mir das Lied vom Tod“ und „Manche mögen’s heiß“. Auch Ernst Lubitsch. Oder von den neueren Filmen „In the Mood for Love“. Mich interessieren auch politische Zusammenhänge, wir haben ja täglich damit zu tun. Ich verstehe aber auch Matthias’ Haltung.

SOHN: Ich bin oberflächlicher geworden in der letzten Zeit. Ich habe einfach zu wenig Zeit und brauche sieben Monate, um ein Buch zu lesen. Gestern Abend hat wieder bis ein Uhr das Telefon geklingelt, da geht’s wieder um irgendwelche Pläne, und dann komme ich nicht zum Lesen und muss ins Bett wegen meiner Tochter.

Sie haben gesagt, dass Sie ja auch mal ein Star waren wie Matthias, Michael. Wann war das vorbei?

VATER: Nach der Wende, weil ja auf einmal alles auf war. Das Deutsche Theater war nicht mehr die Spitze des Eisbergs. Man konnte jetzt auch sagen, ich fahr nach Wien und geh ins Burgtheater.

Das war so etwa die Zeit, als es für Matthias bergauf ging. Hat das Ihre eigene Situation schwerer gemacht?

VATER: Eigentlich nicht. Ich wusste ja, das ist eine andere Generation. Dazu kam natürlich, ich hatte zwei schwere Einschnitte in meinem Leben, zwei richtig schlimme Unfälle, die mir beide fast das Leben gekostet hätten. Und dadurch war ich gesundheitlich so angeschlagen, dass ich gar nicht an meinen Beruf denken konnte. Klar, hat man auch gedacht, ach, so einen Goldenen Bären hätte man dir auch mal geben können. Müsste lügen, wenn es nicht so wäre. Da bin ich ein bisschen neidisch. Ich hoffe, dass man das nicht falsch auslegt. Erfolg hatte man auch. Das war dann sowas wie die Inszenierung des Jahres bei Castorf. Ja, aber so ist das. Das ist eben eine ganz andere Zeit. Als ich so alt war wie Matthias, war ich in Anklam. In dieser engen DDR. Ich wollte mit Theater was verändern. Das war was völlig anderes.

Denken Sie manchmal, dass Sie in der falschen Zeit geboren sind?

VATER: Das habe ich nie gedacht. Das Einzige, was ich gerne ausgelassen hätte, sind die drei Jahre in Anklam. Aber dann wäre Matthias nicht auf der Welt.

Haben Sie sich, Matthias, manchmal Sorgen um Ihren Vater gemacht?

SOHN: Ja, habe ich. Es gab auch Zeiten, wo ich mich ein bisschen abgrenzen musste von der Familie. Wo ich auch so meinen Hass hatte auf beide Eltern wegen der Trennung. Das gehört wahrscheinlich zum Erwachsenwerden, die Eltern infrage zu stellen und sich zu lösen.

Dass Sie ein Scheidungskind sind, spielt auch in Ihren Filmen eine Rolle. Haben Sie unter der Trennung Ihrer Eltern sehr gelitten?

SOHN: Ich könnte sie mir gar nicht mehr zusammen vorstellen, muss ich sagen. Aber wenn man selbst Vater wird, beschäftigt man sich viel mit Sachen, die damals schiefgelaufen sind. Ich mache gerade so ein bisschen Therapie und merke, dass ich im Beruf ein Tier sein kann, aber im richtigen Leben, privat, bin ich immer noch das dreijährige Kind, das weggestoßen wurde. Ich habe zum Beispiel immer Stühle vors Bett gestellt und so die Ecken ausgestopft, dann die Decke über den Kopf gezogen und so geschlafen. Das ist das, was mit 31 geblieben ist.

Sie schlafen mit Decke über dem Kopf?

SOHN: Ja. Es ist immer noch das Bedürfnis da, die Welt abzuwehren gegen alles Schlechte. Heute weiß ich, meine Eltern haben ihr Leben gelebt, sie mussten mich eben alleine lassen, wenn sie zur Vorstellung mussten. Damals habe ich mich von ihnen weggestoßen gefühlt, und das Gefühl ist heute noch da. Wenn man mich wegstößt, das ist ganz schrecklich. Und das jetzt mit meiner eigenen Tochter selbst hinkriegen zu müssen, ist interessant.

Kann man etwas lernen aus seiner eigenen Kindheit, Dinge besser machen als seine Eltern? Oder muss man alles noch einmal neu lernen?VATER: Man macht dasselbe, und man macht Dinge neu.

SOHN: Manchmal frage ich mich, ob ich erwachsen genug bin, um ein Kind zu erziehen. Das kann man vielleicht beim zweiten Kind besser wissen.

VATER: Ich wurde von meinem Vater verlassen, da war ich drei Jahre alt. Matthias wurde von mir verlassen, da war er drei Jahre alt. Seine Tochter, Punkt, Punkt, Punkt.

SOHN: War auch drei, als wir uns getrennt haben. Wenn Leute zwischen 28 und 32 Kinder bekommen, sind sie noch jung, aber auch schon erwachsen. Man baut sein Leben auf, will sich selbst verwirklichen. Das ist ein Riesending, wenn man genau in dieser Zeit Kinder kriegt. Im Fall meiner Eltern waren es auch noch zwei Schauspieler, die beide Erfolg wollten.

VATER: Bei mir hatte das mit der Trennung aber nicht so viel mit beruflichen Dingen zu tun, sondern einfach mit einer neuen Frau, die bis heute in meinem Leben sehr wichtig ist und sich wundert, dass in den Medien über Matthias, Gitta und mich immer berichtet wird, als wären wir alle noch eine Familie. Das ist aber nicht der Fall. Für mich war diese Frau damals sehr wichtig. Ich war hoffnungslos verloren.

SOHN: Wir sind alle egomane Typen, sehr selbstzentriert. Wir müssten eigentlich mal wieder was miteinander machen, Micha, auch mal Theater. Ist nur nicht so leicht, wenn man der Chef von mehreren Firmen ist …

VATER: Da kommst du zu nichts, du hast ja Termine.

SOHN: Das DT will ja unbedingt, dass ich hier spiele. Vielleicht klappt es im nächsten Jahr.

VATER: Ich hab ’ne tolle Story, Matthias. Es geht um zwei Brüder, der eine älter, der eine jünger, stell dir mal vor, wir spielen Brüder. Ganz heißes Ding. Müssen wir mal in Ruhe besprechen. Zu meinem Geburtstag kommst du doch?

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