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05. August 2013

Minenunglück von Chile: Überlebt und vergessen

 Von 
70 Tage lang mussten die Bergleute unter Tage ausharren.  Foto: dpa

Vor genau drei Jahren, am 5. August 2010, brach in der chilenischen Atacama-Wüste ein Bergwerk ein. Nach 69 Tagen bangen Wartens wurden unter weltweiter Anteilnahme 33 Bergleute gerettet. Heute interessiert sich niemand mehr für die Überlebenden.

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Copiapo –  

Ales, sagt Edison Peña, alles auf der Welt würde er dafür geben, wenn er abends einschlafen und am nächsten Morgen als der Edison Peña aufwachen könnte, der er vor dem 5. August 2010 war. „Ich habe in der Zeit danach alles verloren, meine Frau, meine Tochter, und zum Schluss die Menschen, die immer für mich da waren, meine Freunde“, klagte Peña sein Leid der Lokalzeitung, die ihn vor ein paar Wochen in Ventanas, einem Fischerdorf nordwestlich von Santiago, auftrieb.

Vor einem Jahr hat er so etwas wie ein neues Leben begonnen. Der 37jährige zog sich in die Isolation zurück. Er wohnt alleine in einem kleinen Haus neben dem Leuchtturm von Ventanas. Er hält kaum Kontakt zu den Einheimischen. Wenn der den Strand entlang rennt, um sich fit zu halten, laufen immer nur seine beiden Hunde mit.

Edison Peña ist einer der 33 Bergleute, die am 5. August 2010 in einer Mine in der Atacama-Wüste verschüttet und 69 Tage später spektakulär gerettet wurden. „Wenn dir klar wird, dass du womöglich am nächsten Tag stirbst, dann lernst du, jede Sekunde deines Lebens wertzuschätzen“, erkannte er. Aber als die Todesgefahr vorbei war, ging er umso verschwenderischer damit um. „Ich hab‘ eine Menge Scheiß gemacht, ich war zweimal wegen Alkohol und Drogen in der Entzugsklinik“, resümiert er, „ich versteh‘ auch nicht, warum mein Leben so voller Hindernisse war“.

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Die 33 Bergleute, deren Schicksal im Herbst 2010 die ganze Welt gebannt verfolgte, sind drei Jahre später so gut wie vergessen. Und so fatal eng sie die 69 Tage lang in 700 Metern Tiefe zusammengeschweißt waren – heute sind sie als Gruppe zerstreut und zerstritten. Jeder ging seinen eigenen Weg, sie sehen sich kaum noch, zu manchen ist der Kontakt abgerissen.

Einige profitierten ein bisschen vom flüchtigen Ruhm des Heldentums, das ihnen der überschäumenden chilenische Patriotismus und die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit zugewiesen hatten. Neid, Missgunst und Misstrauen kamen auf, viele sind arbeitslos, nicht wenige haben mit psychischen Problemen zu kämpfen. Anderen gelang es in den drei Jahren halbwegs, den Weg zurück in die Normalität zu finden. Wie auch immer: Richtig glücklich scheint keiner zu sein. 33 Männer, die dasselbe Drama durchmachen und 33 verschiedene Traumata erleiden – und dennoch ist Edison Peñas Schicksal in gewisser Weise symptomatisch. Denn das mit Sucht und Drogen betäubte Scheitern seiner menschlichen Bindungen steht in krassem Gegensatz zu dem Überlebenswillen der 33 Männer in Not, den er damals, mehr noch als andere, verkörperte.

Er hat sich nicht nach dieser Rolle gerissen, aber die Medien haben sie ihm zugewiesen, und er hat sich natürlich auch nicht gewehrt: Ein Verschütteter, der da unten eisern Sport macht! Der, noch bevor man ihm das gewünschte Paar Laufschuhe hinunter schicken konnte, zu rennen, zu trainieren, sich fit zu halten beginnt! Bei 40 Grad Hitze und extrem hoher Luftfeuchtigkeit, immer hin und her in der Dunkelheit jener 800 Meter, auf die der Schacht begehbar war! Und dass Edison auch noch für Elvis Presley schwärmte und ihn wunderbar imitieren konnte – ein gefundenes Fressen für die nach menschlich Anrührendem gierenden Journalisten.

Konstruktion des Mythos

Als Chiles Präsident Sebastián Piñera am 22. August den Zettel mit der ebenso lapidaren wie sensationellen Überlebensnachricht („Wir sind okay im Schutzraum, alle 33“) vor die Kameras hielt, hatten die 33 schon das Schlimmste hinter sich: Die Todesangst und die Ungewissheit, die Aussichtslosigkeit und die Verzweiflung.

17 Tagen saßen sie, die winzigen Standard-Rationen im Schutzraum in noch winzigere Tagesrationen unterteilend, in 700 Metern Tiefe. 900.000 Tonnen Gestein, so die Experten später, hatten sich in zwei Einstürzen abgesenkt und den sich spiralförmig in die Tiefe windenden Stollen versperrt. Was in diesen 17 Tagen vor sich ging, belegten die 33 später mit einem Schweige-Schwur. Dennoch wurde ausgesprochen, was auf der Hand lag: Dass sie abmachten, den aufzuessen, der als erster stürbe.

Mit der aufwändigsten Rettungsaktion in der Geschichte des Bergbaus begann auch die Konstruktion des Mythos. Was den weit über 2000 Journalisten, die am 13. Oktober in der eiskalten Nacht der Atacama-Wüste auf den ersten heraufgeholten der 33 warteten, präsentiert wurde, waren Helden – nicht Opfer eines Unfalls, der auf Schlampigkeit bei den Sicherheitsvorkehrungen der alten, für ihre Risiken bekannten Mine San José zurückzuführen gewesen wäre.

So wie Chiles Regierung über Wochen hinweg die 33 darstellte, lief alles wie am Schnürchen: Sie bildeten Gruppen, fügten sich den hierarchischen Strukturen ihres Arbeitsteams und räumten insgesamt 700 Tonnen Gestein weg, das ständig aus dem Loch der Such-Bohrung rieselte, das von oben her auf die Breite der Rettungskapseln erweitert wurde. Sie beteten fleißig, schrieben brave Briefe an ihre Familien, zeigten sich in gespenstisch-bläulichen Kamera-Bildern der Welt, und wenn sie gegen die von oben kommenden Vorschriften aufbegehrten, dann war auch das nur sympathisch: Warum sollten sie nicht ein paar Zigaretten rauchen oder ein Schlückchen trinken?

„Einer hatte schon zwei Selbstmordversuche hinter sich, zwei waren manisch-depressiv, zwei schizophren, und mindestens vier waren drogen- und alkoholabhängig“, sagt der Psychologe Alberto Iturra heute, der die 33 in ihrem Schacht betreute, „und stellen Sie sich vor, was für Machtkämpfe ausbrachen bei all der Gereiztheit, der Ungewissheit, dem hohen Aggressionspotenzial!“ Iturra nennt die 33 zwar auch Helden, aber in einem anderen Sinn als dem patriotisch-schwärmerischen von damals: „Sie sind Helden des Überlebens, weil sie das hingekriegt haben“. Sie hätten damals die Losung „32 kümmern sich um einen“ ausgegeben, also trotz aller Machtkämpfe auf gegenseitige Unterstützung gebaut, „und das in einer Gesellschaft, die ja normalerweise darauf aus ist, entweder Gewinner oder Verlierer zu erzeugen“.

Während sie unten warteten, dass sich der Bohrer zu ihnen durchfraß, um einen gut 50 Zentimeter breiten Kanal für die Rettungskapsel zu schaffen, schlugen die Politiker oben so viel politischen Gewinn wie möglich aus der spektakulären Aktion. Der heute selten unbeliebte Piñera war damals auf dem Höhepunkt seiner Popularität, sein Bergbauminister Laurence Golborne profilierte sich als Krisenmanager und war Kandidat für die Piñera-Nachfolge, bis er vor drei Monaten über einen Skandal aus seiner Zeit als Geschäftsmann stolperte und aufgab.

Iturra sagt, die Regierung habe pro Bergmann eine Zeitspanne von einer Stunde veranschlagt, viel mehr, als das Herab- und Heraufwinden der Kapsel jeweils benötigte – „die Politiker wollten sich eben möglichst lange vor den Kameras zeigen!“ Und dass vom Ärzteteam niemand an das Bohrloch durfte, als die Kapsel mit einem nach dem anderen oben ankam, habe denselben Grund: „Wir hätten ihnen Fernsehbilder weggenommen!“

Gewinner und Verlierer

Als sie oben war, trat wieder die übliche Trennung zwischen Gewinnern und Verlierern in Kraft, und sie waren – von ihrer Herkunft, ihrer Bildung, ihrer sozialen Stellung her – eher auf die Verliererseite gebucht. Die Politik schmückte sich mit ihnen, aber als sie in Santiago mit Pauken und Trompeten empfangen wurden, hatte sich niemand Gedanken über ein Programm für die Frauen und die Kinder gemacht. Die Reisen, zu denen sie eingeladen wurden, waren durchaus spektakulär. Aber von vier Tagen nach Los Angeles zum Beispiel waren 32 Stunden Flugzeit. Nicht nur die Politik wollte ihren Ruhm ausbeuten: Edison Peña, von Beruf Elektriker, wurde von Jesse Garon nach Las Vegas eingeladen, dem Fahrer eines pinkfarbenen Cadillacs, der den Titel des Offiziellen Elvis-Presley-Verkörperers trägt.

Zwischen umgerechnet 1300 und 36.000 Euro zahlten die Fernseh-Shows kurz nach der Rettung für einen Auftritt, sagt Iturra, und auch diese Spanne weist auf die Trennung zwischen Gewinnern und Verlierern hin. Manche bekamen, weil sie zu wenig Kamera-Charisma ausstrahlten, gar nichts ab, und andere produzierten sich prächtig vor dem Publikum.

Zum Beispiel Mario Sepúlveda, den die Medien schon „Super-Mario“ getauft hatten, als er noch unten war. Er produzierte die Videos aus der Unterwelt, und als er heraufkam, schien er kaum Zeit zu haben, seine Frau und seine Kinder zu umarmen, so grandios war seine Show, bei der er Präsident Piñera und dessen Frau mit Gesteinsbrocken von unten beschenkte.

Heute hält er Motivations-Vorträge und kassiert dafür, und er bringt es fertig, auf seiner Website seine Biografie zu schildern, ohne dass die Zahl 33 vorkommt – als wäre ganz alleine da unten verschüttet gewesen. „Das ist ein Scharlatan“, knurrt Osman Araya, einer der wenigen, denen nach der Rettung ein normales Leben gelang: Er kaufte von den umgerechnet 7500 Euro, die der exzentrische chilenische Millionär Leonardo Farkas jedem der 33 in die Hand gedrückt hatte, einen gebrauchten Lastwagen und begann einen Obst- und Gemüse-Handel.

Den 14 der Bergleute, die über 50 sind, gewährte der Staat eine Leibrente von rund 400 Euro. Einige arbeiten wieder im Bergbau, einige sind in psychiatrischer Behandlung, einer mag am Telefon kein Interview geben, weil er da kein Geld dafür verlangen kann. Jimmy Sánchez, der jüngste der 33, ist der Meinung, dass es damals „unten in der Mine besser war“ als heute oben. José Ojeda, der die berühmte Nachricht schrieb, hat Psycho-Probleme und kämpft dafür, seinen Zettel zurückzubekommen, den die Regierung zusammen mit Manuskript-Originalen der chilenischen Literaturpreisträger Pablo Neruda und Gabriela Mistral in einem Tresor verschlossen hält.

Die Minen sind sicherer

„Im Ausland ist das Interesse an ihnen größer“, hat Alejandro Pino beobachtet, der als Spezialist für Arbeitssicherheit an der Rettung beteiligt war, „in Chile ist das nur noch eine Anekdote“. Die Einigkeit der Bergleute habe sich verflüchtigt, „das Buch, das sie schreiben wollten, haben sie nie geschrieben, und der Film wird jetzt ohne sie gedreht, aber vielleicht kriegen sie ein bisschen Geld dafür“. Wiederkennen werden sie sich in dem Hollywood-Produkt wohl kaum; die Gattinnen der 33 sehen eben nicht so aus wie Jennifer López. Und dass die Hauptfigur an Mario Sepúlveda ausgerichtet wird, dürfte unter den anderen 32 auch keine Begeisterung auslösen.

Pino zufolge hat sich immerhin eines zum Besseren gewendet: Die Sicherheit in den Minen. „2010 hatten wir 5,6 Arbeitsunfälle je 100 Arbeiter und Jahr, nun sind es nur noch 4,05“, sagt er. Die Zahl der Sicherheitsinspektoren, die in den 1100 Minen der Region Atacama Stichproben machen, sei vervierfacht worden. Jorge Castillo, der Chef des Gewerkschaftsbundes CUT in Copiapó sieht das ein bisschen anders: „Wir haben über dem Zirkus um die 33 die Chancen verpasst, die Arbeitsbedingungen grundlegend zu verbessern“, sagt er. Chile sei „genauso krank wie eh und je, weil es dem alten neoliberalen Modell folgt“.

Und Castillos Befund, dass den Reichen und den Mächtigen in Chile nicht am Zeug geflickt wird, scheint die Justiz zu bestätigen. Pünktlich zum dritten Jahrestag gab die Staatsanwaltschaft vergangene Woche bekannt, dass sie das Ermittlungsverfahren gegen die Besitzer der Unglücksmine einstelle.

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