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Miss Venezuela: Schönheit nach Maß

Stefanía Fernández ist die neue Miss Venezuela - geformt nach einem nationalen Standard.

Helle Haut, einheitliche Maße: Bewerberinnen-Riege 2008.
Helle Haut, einheitliche Maße: Bewerberinnen-Riege 2008.
Foto: rtr

Sie heißt Stefanía Fernández, und die Herausforderung, an der in der Geschichte der venezolanischen Miss-Wahlen schon manche Schöne gescheitert war, meisterte sie elegant: Das Frage-und-Antwort-Spiel. Berüchtigt ist der Fall Ana Tereza Oropeza, einer Kandidatin, die 1982 auf die Frage nach ihrem Lieblingskomponisten "Shakespeare" sagte. Seitdem nennt man solche Schnitzer "Miss-Antworten".

Stefanía Fernández gab jedoch auf die Juroren-Frage, welche Werte im Leben wichtig seien, hinreichend Tiefsinniges zu Protokoll, und während die Konkurrentinnen vor lauter Aufregung der Ohnmacht nahe zu sein schienen - eine kippte bei der vierstündigen Miss-Gala in der Nacht zum Donnerstag tatsächlich um -, machte die 17-Jährige einen souveränen Eindruck. So empfing am Ende sie, die ohnehin als Favoritin galt, das Diadem der Miss Venezuela aus der Hand ihrer Vorgängerin. Die heißt Dayana Mendoza und ist seit Juli die amtierende Miss Universum.

Alle sind gleich schön

Kein anderes Land der Welt bringt mehr Schönheitsköniginnen hervor als Venezuela, und nirgendwo spielen die Miss-Wahlen eine so große Rolle wie hier. Was anderswo als sexistische Fleischbeschau in Verruf geraten ist, gilt in Venezuela als Quell vaterländischen Stolzes: Fünfmal wurden Landestöchter zur Miss Universum gewählt, und jeweils fünfmal wurden Venezolanerinnen zur Miss World und zur Miss International gekürt, sozusagen die unteren Ligen des Miss-Wesens.

Auch wenn Stefanía bei der Juroren-Befragung glänzte - natürlich gibt nicht der Intellekt den Ausschlag bei der Wahl einer Schönheitskönigin. Das Problem ist nur: Die 28 Konkurrentinnen sind alle schön - alle gleich schön. Sie sind dem vorherrschenden Ideal so angeglichen, dass ihnen die Individualität abhanden gekommen zu sein scheint - eine Parade der lebenden Barbie-Püppchen, wie Kritiker lästern.

Dabei sind auch gebildete, redegewandte, kluge junge Frauen im Wettbewerb vertreten. In den bürgerlichen Kreisen hat es nichts Anrüchiges, wenn das Töchterlein an einem "concurso de belleza" teilnimmt. Miss zu werden ist keine Strategie des sozialen Aufstiegs für sozial Benachteiligte. Irene Sáez, die Miss Universum von 1981, ist studierte Politologin und war Bürgermeisterin, und 1998 trat sie, wenn auch erfolglos, sogar bei der Präsidentenwahl an.

Der Mann, der die Frauen gleichmacht, heißt Osmel Sousa. Der gebürtige Kubaner bestimmt seit 1982 die Wahl der Señoritas - "wie ein Diktator", finden selbst seine Bewunderer. Er hat die Vereinheitlichung der weiblichen Schönheit erfunden. Er ist es, der die in diesem Jahr 28 Finalistinnen aus rund 4000 Bewerberinnen aussiebt und auf die Formel "90-60-90" trimmt.

Senor Sousa "schleift die Rohdiamanten", wie er selbst sagt: Er befiehlt Gymnastikstunden, ordnet Abmagerungsdiäten oder Ess-Kuren an, schickt die Anwärterinnen zum Zahn- und zum Schönheitschirurgen. "99,9 Prozent der venezolanischen Misses sind operiert", lästerte kürzlich Taliana Vargas, amtierende Miss Kolumbien.

Sousa beteuert, die Hautfarbe spiele keine Rolle. Dennoch sehen seine Mädchen fast immer so aus wie in den Gesellschaftsspalten der Zeitungen: eher hellhäutig, oft blond, immer mit langer Mähne - und das in einem Land mit einem sprichwörtlich bunten Rassenmix. Eine dunkelhäutige Miss? Kaum vorzustellen in Venezuela.

Warum die Miss-Parade in Venezuela zur nationalen Obsession geworden ist? Der Soziologe Tulio Hernández erinnert an die alte Tradition der Baseball-Königin in den Vierzigern, an die die Schönheitswettbewerbe später angeknüpft hätten. Die Kulturindustrie habe sozusagen altes Volksgut aufgegriffen und umgeformt. Inzwischen suchen die Venezolaner schon im Kindergarten nach den Schönsten. Wettbewerbe gibt es in der Volksschule, beim Militär und sogar in Frauengefängnissen. Aber ist das nun die Ursache der Obsession? Oder ihre Folge?

Nach einer etwas älteren Umfrage sind die Venezolaner das eitelste Volk der Welt. 65 Prozent der weiblichen und 47 Prozent der männlichen Venezolaner sagten, sie würden "die ganze Zeit" über ihr Aussehen nachdenken; in den USA geben das nur 27 beziehungsweise 17 Prozent zu.

Vielleicht gilt dann, was Osmel Sousa von sich sagt, für ganz Venezuela, und vielleicht erklärt das auch die Miss-Sucht: "Ja, ich betrachte mich gerne im Spiegel. Da vermisse ich niemanden."

Autor:  WOLFGANG KUNATH
Datum:  12 | 9 | 2008
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