Wir brauchen Ihren Rat," sagte Joseph Ratzinger, damals noch Präfekt der Glaubenskongregation, heute Benedikt XVI., in eine Runde von Experten und Beobachtern, zu denen auch ich gehörte, die sich anlässlich eines internationalen Kongresses zum Thema sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche im Jahr 2003 für einige Tage im Vatikan aufhielten.
Die Horrorberichte aus den USA über immer neue Fälle von sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Priester hatten schließlich auch den Vatikan auf den Plan gerufen. Um weiteren Schaden zu vermeiden, musste sich die katholische Kirche ernsthafter als bisher mit der Tatsache sexuellen Missbrauchs Minderjähriger in ihren eigenen Reihen auseinandersetzen.
Wunibald Müller, geboren 1950, leitet seit 1991 das therapeutisch-spirituelle Zentrum "Recollectio Haus" in Münsterschwarzach - eine Einrichtung für Priester in seelischer Not.
Der zweifache Familienvater arbeitet seit Jahren mit Tätern und Opfern von Missbrauch in der Kirche und hat zahlreiche Aufsätze veröffentlicht, u.a. in "Sexualisierte Gewalt im Schutz von Kirchenmauern", LIT-Verlag 2007.
Der vorliegende Text ist ein geringfügig bearbeiteter Vorabdruck aus der am Freitag erscheinenden März-Ausgabe der Herder Korrespondenz.
Die jüngsten Berichte über sexuellen Missbrauch im Orden der Jesuiten haben gezeigt, dass das Thema längst nicht, wie vielfach erhofft, vom Tisch, sondern nach wie vor sehr aktuell ist und viele Fragen aufwirft.
Eine dieser Fragen ist: Wie ist es zu erklären, dass, auch wenn über 90 Prozent der Fälle von sexuellem Missbrauch in der Familie und Verwandtschaft stattfinden, dieses Fehlverhalten unter Priestern sich nicht auf einige wenige beschränkt, sondern bis zu vier Prozent des Klerus betrifft?
Diese Frage kann man zum Teil beantworten,wenn man die Risikofaktoren für sexuellen Missbrauch Minderjähriger näher in den Blick nimmt. Der erste Risikofaktor besteht darin, ein Mann zu sein. Auch wenn es immer wieder sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch Frauen gibt, so sind es vorwiegend Männer, die Minderjährige sexuell missbrauchen.
Das relativ hohe Ausmaß an sexuellem Missbrauch durch Priester lässt sich also auch von daher erklären, dass nur Männer zu Priestern geweiht werden.
Bezogen auf das Problem innerhalb der katholischen Kirche müssen sexuell unreife erwachsene homosexuelle oder bisexuelle Männer als zweiter Risikofaktor gesehen werden. Denn auffällig ist, dass es in den allermeisten Fällen Jungen sind, an denen sich Priester vergehen.
Immer wieder wird daher die Frage gestellt, ob es einen Zusammenhang zwischen Pädophilie und Homosexualität gibt. Um diese Frage zu beantworten, kann es hilfreich sein, zunächst einmal zu unterscheiden zwischen Pädophilie und Ephebophilie. Von Pädophilie spricht man, wenn sich jemand von 13-jährigen und jüngeren Kindern, von Ephebophilie, wenn sich jemand von Jugendlichen im Alter von etwa 14 bis 17 Jahren sexuell angezogen fühlt beziehungsweise mit Kindern oder Jugendlichen dieses Alters sexuelle Kontakte unterhält.
Unter den Priestern, die Minderjährige missbrauchen, gibt es pädophil und ephebophil veranlagte. Aus einer Umfrage, die unter den US-amerikanischen Diözesen durchgeführt wurde - dem so genannten John Jay Report -, geht hervor, dass 40 Prozent der Opfer sexuellen Missbrauchs durch Priester Kinder oder Jugendliche im Alter zwischen 11 und 14 Jahren waren und es sich bei über 80 Prozent der Opfer um männliche Kinder beziehungsweise Jugendliche handelte. Bisherige Untersuchungen sprachen davon, dass es sich bei den Tätern vor allem um ephebophile Priester handelt, glaubt man dem erwähnten John Jay Report, muss man aber davon ausgehen, dass der Anteil der pädophilen Priester doch größer ist als bisher angenommen. Dass es sich bei den Opfern überwiegend um Jungen handelt, wird dagegen auch durch den John Jay Report bestätigt.
Bei der Frage, ob es einen Zusammenhang zwischen Pädophilie und Homosexualität gibt, ist weiter zu bedenken, dass nach Untersuchungen aus den USA dort bis zu 30 Prozent der katholischen Priester und Ordensleute homosexuell sind. Auch wenn man nach meiner Einschätzung, was Deutschland, Österreich oder die Schweiz angeht, nicht von einem so hohen Prozentsatz ausgehen kann, dürfte der Anteil an homosexuellen Männern unter den katholischen Priestern in diesen Ländern deutlich über dem Durchschnittsprozentsatz von rund fünf Prozent, der für die Gesamtbevölkerung angenommen wird, liegen.
Kann man daraus jetzt schlussfolgern, dass homosexuelle Priester in besonderer Weise anfällig sind für pädophiles oder ephebophiles Verhalten? Generell kann man das so nicht behaupten. Vielmehr muss man davon ausgehen, dass der Anteil sexuell unreifer homosexueller Priester überdurchschnittlich hoch ist und diese Gruppe von sexuell unreifen homosexuellen Priestern für pädophiles oder ephebophiles Verhalten besonders anfällig ist. Diese homosexuellen Priester haben die notwendige Auseinandersetzung mit ihrer Sexualität und Homosexualität, die auch zu einer Annahme ihrer homosexuellen Veranlagung führen sollte, unterlassen.
Die Folge davon ist, dass ihre sexuelle Entwicklung auf der Strecke geblieben ist und die Gestaltungsfähigkeit ihrer Sexualität beeinträchtigt bleibt. Diese Vermeidungshaltung dürfte durch eine nach wie vor vorhandene Tabuisierung von Homosexualität im kirchlichen Kontext noch verstärkt werden. Daneben gibt es unter den homosexuellen Priestern viele, die sehr wohl in der Lage sind, auf eine reife Weise und verantwortungsvoll mit ihrer Sexualität umzugehen.
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