Nach der Räumung eines der letzten besetzten Häuser Berlins ist es am Mittwoch zu Zusammenstößen zwischen Polizei und autonomer Szene gekommen. Bei der Räumung im Stadtbezirk Friedrichshain seien am Mittwoch sechs Männer und drei Frauen in dem Haus in der Liebigstraße festgenommen worden, teilte eine Polizeisprecherin mit. Am Abend demonstrierten in Friedrichshain mehr als 1000 Menschen gegen die Räumung, es kam erneut zu Festnahmen.
Zusätzlich zu den neun Festnahmen in dem besetzten Haus seien im Zuge der Räumung 23 Demonstranten in Gewahrsam genommen worden, erklärte die Polizeisprecherin. Die Hausbesetzer stünden unter dem Verdacht der gefährlichen Körperverletzung und des Widerstands gegen die Staatsgewalt. „Die Beamten wurden bei ihrem Gang durchs Haus mit einer unbekannten Flüssigkeit besprüht“, sagte die Sprecherin.
Bereits kurz nach acht Uhr am Mittwochmorgen hatte sich die Polizei Einlass in das Haus in dem Szene-Kiez verschafft. Laut einem Sprecher hatte ein Gerichtsvollzieher sie um Amtshilfe bei der Vollstreckung eines Räumungsbeschlusses gebeten. Mehrere hundert Personen aus der Hausbesetzer-Szene beobachteten die Räumung.
Rund 400 Menschen hielten am Vormittag eine spontane Demonstration auf einer Hauptverkehrsstraße in der Nähe des Hauses ab. Nach Flaschen- und Steinwürfen kam es zu Prügeleien mit der Polizei. Deren Sprecherin teilte mit, dass fünf Polizisten verletzt worden seien, einer davon schwer. Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Bernhard Witthaut, nannte das Verhalten der Demonstranten „brutal“ und „menschenverachtend“.
Am Abend nahmen in Friedrichshain mehr als 1000 Menschen an einer Demonstration gegen die Räumung teil, wie ein Polizeisprecher sagte. Nachdem der Anmelder der Kundgebung die Demonstration vorzeitig für beendet erklärt habe, habe die Polizei die verbliebenen Versammlungsteilnehmer zunächst begleitet. Diese hätten mit gezielten Würfen von Pyrotechnik und Flaschen mehrere Polizisten verletzt. Es habe zahlreiche Festnahmen gegeben, sagte der Sprecher. Genaue Angaben zur Zahl der Verletzten und der Festnahmen konnte er nicht machen. Der Protestzug löste sich später auf, die Demonstranten zogen in kleineren Gruppen durch das Viertel.
Das Haus in der Liebigstraße 14 gilt als eine der letzten Wohnstätten der Hausbesetzer-Szene in Berlin. Die Besetzer erklärten, dort ein Wohnprojekt zu unterhalten. Die anstehende Räumung hatte bereits am Wochenende zu Krawallen in Friedrichshain geführt. Aus der autonomen Szene hatte es Ankündigungen gegeben, bei einer Räumung den Sitz des Berliner Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit (SPD), das sogenannte Rote Rathaus, zu stürmen, ebenso eine Senatsverwaltung. Wegen der erwarteten Ausweitungen der Proteste hatte die Polizei nach eigenen Angaben insgesamt mindestens 2500 Kräfte im Einsatz. (afp)
Die Räumung im Live-Ticker der Berliner Zeitung:
.
Autor Paul Linke, der seit vier Jahren gleich nebenan wohnt, schreibt in der FR über seine Erfahrungen im Kiez:
Meine Nachbarn die Revolutionäre
Der erste Schuss fiel gegen drei Uhr morgens, mitten im Schlaf. Es folgten ein zweiter, ein dritter, und während ich noch halb im Traum verirrt überlegte, ob es jetzt die Zeit sei für Zivilcourage, jetzt mal aufspringen und rausgehen und den Helden spielen, passierte nichts: keine Schreie, keine Hilferufe, kein Blaulicht, nichts.
Ein paar Minuten später, vom Fenster aus, sah ich drei schwarz gekleidete Männer. Die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen, die Bierflaschen routiniert am Körper baumeln lassend, so standen sie da – standen einfach nur da, ein vierter, ein fünfter Knall, und verballerten ihre Silvestervorräte auf einer Kreuzung in Friedrichshain, die man Dorfplatz nennt. Und wo sich 30 linksalternative Dorfbewohner seit Jahren gegen die Räumung ihres mal besetzten Hauses wehren. Das Haus steht neben meinem. Liebigstraße 14, Berlin-Friedrichshain. Die Besetzer sind meine Nachbarn.
Vor vier Jahren bin ich hergezogen. Die Dezembernacht, in der ich lernte, einen Schuss von einem Böller zu unterscheiden, war eine meiner ersten hier. Ich war der Neue. Heute sollen meine Nachbarn rausgeschmissen werden. Bis zu tausend Polizisten werden das erledigen. Ich bin mir noch nicht sicher, was ich davon halten soll.
Im gegenüberliegenden Haus ging kurz nach dem ersten Knall ein Licht an, trat ein Mann ans Fenster und rauchte eine Zigarette. Unsere Blicke trafen sich, seiner wach und gelassen, meiner schläfrig und immer noch erschrocken. Als zwei Mannschaftswagen der Polizei vorfuhren, waren die Kapuzenträger bereits verschwunden. Hinter der Haustür der Liebigstraße 14, auf der in weißen Buchstaben geschrieben steht: Das Leben ist kein Ponyhof.
Zurückgelassen hatten sie ihre zerbrochenen Bierflaschen und zwei Anwohner am Fenster, von denen einer, ich, sich am nächsten Morgen fragte, warum ich eigentlich Prenzlauer Berg verlassen habe, um hierher zu kommen? War es wegen der günstigen Mieten? Wegen der niedrigen Bierpreise? Weil ich glaubte, dass mich in diesem Kiez niemand wortlos dazu auffordern wird, morgens am Laptop zu frühstücken und abends bei diffusem Designerlampenlicht ein Kind zu zeugen? Oder war es doch eher wegen der ruppigen Straßenbilder? Wegen der uneitlen Gespräche? Weil ich mir hier insgeheim erhoffte, das Bürgerliche in mir am Ausbruch zu hindern? Und war dies schon ein Trugschluss?
Dem Bedürfnis, wenigstens ein Mindestmaß an Unzufriedenheit und Unangepasstheit zu zeigen, so dachte ich, der Langzeitstudent und sporadische Steuerzahler Ende zwanzig, könne man in Berlin am ehesten noch im nördlichen Friedrichshain nachgehen. Auf Demonstrationen mitlaufen, die Basisarbeit erleben, vielleicht nicht unbedingt in der ersten Reihe, aber auch nicht weit dahinter. Als sich die Vormieter bei der Schlüsselübergabe über dreckige Bürgersteige und Hundescheiße beschwert hatten, über ein latentes Gefühl der Unsicherheit sprachen, hielt ich das für eine Flucht aus der Realität. Das sei doch kein Grund zum Wegziehen, hätte ich, der nie ein Auto und nie Ersparnisse besessen hat, beinahe gesagt.
In den nächsten vier Jahren sollte ich zwei Dinge lernen über das Leben am Dorfplatz, über den Ort, an dem die asphaltierte Rigaer Straße auf das Kopfsteinpflaster der Liebigstraße trifft und wo, zum Andenken an vergangene Nächte, Brandspuren zu sehen sind, wie Narben im Asphalt.
Erstens lernte ich: Wenn es knallt, weiterschlafen. Zweitens: Wenn es brennt, auch weiterschlafen. Hier braucht niemand einen Helden, der um drei Uhr morgens auf die Straße rennt, um Menschen zu retten oder Motorhauben zu löschen. Ich lernte also, was mein am Fenster rauchender Nachbar von gegenüber wahrscheinlich damals schon wusste, was er mir damals voraushatte: die Gelassenheit. Gelassenheit im Umgang mit Pyrotechnik, brennenden Mülltonnen und Autos. Gelassenheit beim Anblick von Gewalt und Vandalismus.
Gepflegte Feindbilder
Denn der Dorfplatz ist nicht nur eine Kreuzung, an der sich Menschen im Sommer zu Picknick und Sonnenbad verabreden, Couchen und Boxen vor ihre Haustür stellen und mit Hunden über selbst gepinselte Zebrastreifen tänzeln, nein, der Dorfplatz ist auch ein Ort, an dem sie aus Wut Fenster einschmeißen und Farbbeutel auf frisch sanierte Fassaden schleudern.
Hier pflegt man seine Feindbilder so gründlich wie die eigene Existenz und beschwört eine Gefahr, die immer von außen kommt: die Gier der Immobilienmakler und Hausbesitzer, die Repression des Rechtsstaats, das Gedankengut der Rechten. Doch irgendwo zwischen Picknick und Punkrock geht zuweilen unter, was linksalternative Aktionen vielleicht früher mal ausgezeichnet hat: ein Echo, das über die eigene Szene hinaushallt, ein Effekt, der gesellschaftliche Akzeptanz hervorruft. Oder wenigstens Anerkennung.
Was sich parallel abspielt im Kampf um dieses Minimalziel der Dorfplatzanwohner, in diesem so kuscheligen und so krawalligen Kiez, das ist ein Prozess, den weder eine angekündigte Demonstration noch ein illegales Konzert aufhalten werden. Diesen Prozess würden einige vielleicht ganz einfach als Veränderung bezeichnen. Andere nennen es Gentrifizierung.
Schräge Kandidaten, internationale Musik: Das ist der Eurovision Song Contest in Baku. Wegen der politischen Zustände in Aserbaidschan wird er dieses Jahr heftiger Kritik begleitet. Mehr dazu im Spezial.
Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.
Werben auf dem iPad
Das iPad als Werbeform bietet besonders viele Möglichkeiten. Gerne beraten wir Sie persönlich.