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Mode: Eine Branche sieht Grün

Früher dachte man bei Ökomode an unförmige Sackkleider aus Leinen. Das ist vorbei. Junge Designer zeigen, wie hip grüne Mode sein kann. Von Judith Kessler

Grün lässt sich auch verkehrt herum fair und öko tragen.
Grün lässt sich auch verkehrt herum fair und öko tragen.
Foto: Falco Peters Photography

London wollte ein Zeichen setzen. Statt einen jungen, hippen Designer aus der City zu bitten, die Fashion Week im Februar zu eröffnen, fragte das British Fashion Council, das die Modewoche ausrichtet, ausgerechnet Peter Ingwersen: einen Dänen! Der schickte die Models in schwarzen, fließenden Kleidern und schmutzig-golden glitzernden Oberteilen über den Laufsteg. Alles chic, alles tragbar - vor allem aber: alles öko.

Ingwersen gilt mit seinem 2005 gegründeten Label Noir als Pionier in Sachen "Ethical Fashion": Für seine Kollektionen verwendet er nur Baumwolle, die in Uganda und Tansania ohne den Einsatz von Pestiziden angebaut wird, seine Geschäftspartner müssen sich verpflichten, ihre Arbeiter fair zu bezahlen. Er wolle beweisen, dass nachhaltige Mode "sexy" sein könne, betont Ingwersen. Der Coup der Fashion Week gelang: Den britischen Modekritikern gefiel's. Sogar die britische Regierung nutzte die Aufmerksamkeit, um einen Aktionsplan zur Förderung nachhaltiger Mode zu verabschieden. Unter anderem sollen bis 2012 zehn Prozent der in Großbritannien verkauften Kleidung aus fairem Handel stammen. Auch die Kaufhausketten Marks&Spencer, Tesco und Sainsbury's wollen künftig mehr Ökomode vertreiben. Kurz: Die Modebranche entdeckt ihr Gewissen.

Und das nicht nur auf der Insel. Auch in Deutschland ist die Ökomode dabei, das angestaubte Jute-Birkenstock-Image abzulegen. "Die alten und die neuen, jungen und kaufkräftigen Öko-Anhänger - haben eine kritische Masse erreicht und bringen Frische in den Markt", sagt die Hamburger Autorin Kirsten Brodde, die sich seit Jahren mit dem Thema Grüne Mode beschäftigt und mit "Saubere Sachen" jetzt ein Buch zum Thema veröffentlicht hat. Nach der grünen Generalüberholung der Kühlschränke und Waschmaschinen stehe nun die Öko-Revolution im Kleiderschrank an.

Ähnlich wie bei Bio-Produkten, die es vom Biolädchen bis in die Discounter geschafft haben, ändert sich auch der Markt für Ökomode. "Wir stehen am Beginn einer neuen Konsum-Ära, in der viele Verbraucher ökologisch sensibel sind", sagt Wolf Lüdge, Chef des Ökomode-Unternehmens Hessnatur, das schon seit 1976 einen Versand von Naturtextilien betreibt. "Wir merken deutlich, dass unsere Mode kein Nischenprodukt mehr ist."

Einer Studie der Wirtschaftsberatungsfirma Accenture zufolge sind 85 Prozent der Verbraucher bereit, für umweltfreundliche produzierte Kleidung im Schnitt 16 Prozent mehr zu zahlen - trotz Finanzkrise. Eine GfK-Studie ergab jüngst, dass für 80 Prozent der Konsumenten wichtig ist, dass ihre Kleidung nicht aus Kinderarbeit stammt und die Arbeiter nicht ausgebeutet würden. 40 Prozent gaben sogar an, bestimmte Marken wegen ethischer Bedenken nicht zu kaufen. Aber: Kaufentscheidend bleibt letztendlich die Optik der Kleidungsstücke. Waren die "Ökos" einst noch mit praktischen statt formschönen Leinenhosen zufrieden, wollen die hippen "Lohas" - wie man Anhänger eines gesunden, nachhaltigen Lebensstils (lifestyle of health and sustainability) heute gern nennt - Kleidung, die ethisch korrekt produziert und gehandelt wird - und gut aussieht.

Zahl der Ökolabels steigt schnell

Dass das geht, beweist eine erstaunlich schnell wachsende Zahl an Ökolabels weltweit. Gerade junge Designer wie Inka Koffke finden hier ihre Nische. Die Ingolstädterin gründete bereits vor vier Jahren ihr eigenes Label. Die 35-jährige Absolventin der Münchner Meisterschule für Mode produziert luxuriöse Abendroben, Hosenanzüge, klassische Kleider mit extravaganten Schnitten - alles aus biologischen Stoffen, schadstofffrei gefärbt, in Deutschland hergestellt. "Ich wollte eine schöne Hülle mit einem wertigen Inhalt verbinden", erklärt Koffke ihre "Organic Couture". Die hat ihren Preis: 390 Euro kostet ein Kleid im Schnitt - immer noch weniger als für Kreationen namhafter Designer wie Marc Jacobs oder Yves Saint Laurent.

Die meisten deutschen Ökodesigner setzen derweil auf Streetwear. Anton Jurina und Martin Höfeler etwa, beide Mitte 20, vertreiben seit zwei Jahren mit ihrer Social Fashion Company fair gehandelte und umweltfreundliche Mode. Sie gewannen dafür 2007 einen mit 250.000 Euro dotierten Gründerpreis - genug für den Launch des eigenen Labels armedangels. Die Designs der T-Shirts, Longsleeves und Kapuzenjacken stammen von bekannten Graffitikünstlern und Nachwuchsdesignern, die Biobaumwolle kommt aus Indien. Jedes Teil trägt das Fairtrade-Siegel, wie man es vom Kaffee kennt. Zwischen 30 und 40 Euro zahlt man für ein armedangels-Shirt, ein Euro geht an Hilfsprojekte.

Ein Großteil der jungen Ökomode wird derzeit online vertrieben, doch in den letzten Jahren entstanden in den Städten immer mehr Concept Stores: Organicc in Frankfurt, Fein in Hamburg oder Iki M. in München.

Vorreiter war Bernd Haußmann, der vor zwei Jahren seinen "Glore" in Nürnberg eröffnete: "global responsible fashion". Zum Laden gehört ein Onlineshop, verschickt wird CO2-neutral. Obwohl der 37-jährige Ex-Fußballprofi zuvor keinerlei Erfahrung im Handel hatte, ist er mit Glore erfolgreich. Vor kurzem eröffnete eine weitere Filiale im Müncher Szeneviertel um den Gärtnerplatz, im Sommer soll Berlin folgen. Selbst große Modehäuser entdecken das Thema allmählich: Otto, C&A und H&M haben Kollektionen aus Biobaumwolle in ihr Sortiment aufgenommen - vieles davon kostet nicht mehr als die üblichen Modelle. C&A hat sich zudem verpflichtet, in den kommenden fünf Jahren zwei Millionen Euro in Entwicklungsprogramme für Baumwollbauern zu investieren. Man wolle sich langfristig engagieren, sagt Sprecher Thorsten Rolfes. Bislang sind mehr als acht Prozent der bei C&A verkauften Baumwollkleidung aus Bio-Herstellung.

Doch der Weg ist noch weit. Laut GfK-Studie sind noch fast 60 Prozent der Verbraucher skeptisch, was Firmen-Aussagen über ihre Öko-Aktivitäten angeht. "Gerade den Mode-Unternehmen kann nichts Schlimmeres passieren, als beim Öko-Etikettenschwindel erwischt zu werden", sagt Expertin Kirsten Brodde. Das spreche dafür, dass die Firmen ihre Ankündigen ernst nehmen würden. Und doch dürften sie nur ein erster Schritt sein: Langfristig müsse die gesamte Textilindustrie durch die Marktmacht der Branchenriesen gezwungen werden, ihre Produktionsweise ökologisch und fair auszurichten. "Dafür braucht es aber Kunden, die das klar einfordern", sagt Brodde. "Kein Unternehmen bewegt sich ohne Druck."

Autor:  JUDITH KESSLER
Datum:  19 | 3 | 2009
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