Vor ein paar Jahren noch wurden Berlin-Botschafter wie Michael Michalsky oder auch Anita Tillmann, die Geschäftsführerin der Modemesse Premium, ungläubig angeschaut, wenn sie aus tiefster Überzeugung und in voller Lautstärke behaupteten: Natürlich ist Berlin Modestadt. Heute würde selbst in der Provinz niemand mehr der Hauptstadt dieses Attribut in Abrede stellen. Die Botschaft ist angekommen und viele sind auf den Zug aufgesprungen, Mode-Giganten wie Hugo Boss, Escada, Joop! und Rena Lange ebenso wie die deutsche Mode- und Societypresse. Und sogar die Modemessenveranstalter aus Düsseldorf und München mischen mittlerweile in der Hauptstadt mit. Berlin hat den Kampf um den Titel „Deutsche Modehauptstadt“ gewonnen.
Jedes Jahr kommen mehr
2003 kamen die großen Modemessen Bread & Butter und Premium in die Stadt. Heute finden zeitgleich und im halbjährlichen Abstand am Brandenburger Tor die Modeschauen der Mercedes-Benz Fashion Week statt und mit jeder Saison wächst die Zahl kleinerer Messen und Showrooms, deren Spektrum von Skateboardmode über Ökokleidung bis hin zur Avantgarde reicht. Dazu kommen zig Events und natürlich Partys, Partys, Partys.
Für fünf Tage dreht sich seit gestern in Berlin wenn schon nicht alles, aber doch ziemlich viel um die Mode. Weit mehr als 200 000 Aussteller, Einkäufer, Journalisten und Modebegeisterte aus der ganzen Welt sind angereist, Saison für Saison bringen sie mehr als 100 Millionen Euro in die Hauptstadt. „Die mediale Aufmerksamkeit in Berlin ist gewaltig“, sagt Gerd Müller-Thomkins, Geschäftsführer des Deutschen Mode-Instituts, zufrieden.
Als in Berlin vor knapp zehn Jahren die ersten Modepflänzchen sprossen, wurde das in Düsseldorf nicht besonders ernst genommen. Es gab eine Modestadt, und die hieß Düsseldorf. Und man hatte mit der cpd, der damals weltweit größten Modemesse, und den Showrooms, die viele Firmen als temporären oder ständigen Standort zwischen Messegelände und Innenstadt für ihren Verkauf und Vertrieb einrichteten, auch allen Grund, sich nicht nur von den Toten Hosen als Modestadt beschimpfen oder feiern zu lassen.
In dieser Saison präsentieren sich an der Spree vom 17. bis zum 21. Januar knapp 2 500 Labels auf zehn Messe-Plattformen, in über 20 Showrooms und auf fast 70 Modenschauen. Gezeigt werden die Kollektionen, die im Herbst/Winter 2012 in die Läden kommen werden. Die wichtigsten Messen sind die Bread & Butter, die im ehemaligen Flughafen Tempelhof Jeans, Street- and Sportswear präsentiert, sowie die Premium im Postbahnhof am Gleisdreieck, wo kleine, innovative Marken aus aller Welt ausstellen. Beide dauern von Mittwoch bis Freitag.
Neu sind The Gallery im Café Moskau und die Show & Order im ehemaligen Heizkraftwerk Mitte. The Gallery wird von der Düsseldorfer Igedo Company veranstaltet und präsentiert 70 deutsche Avantgarde-Designer. Die Show & Order zeigt internationale High Fashion. Angekündigt sind 140 Labels, davon 120, die erstmals in Berlin vertreten sind. Die dänische Bestseller-Gruppe, zu der Marken wie Vero Moda, Vila, Jack&Jones und Only gehören, präsentiert sich bei The Place to be erstmals in der Arena.
Die Fashion Week Berlin gibt es bereits zum 13. Mal. Die Macher der Modemesse Premium haben sie im Sommer 2006 ins Leben gerufen. Der Begriff dient als Dach für sämtliche Veranstaltungen, die mit Mode zu tun haben, egal ob Messen, Showrooms oder Laufstegpräsentationen, und immer während einer Woche Ende Januar beziehungsweise Anfang Juli in Berlin stattfinden. Alle Termine findet man im Internet unter www.fashion-week-berlin.com
Bis 2003 gab es in Deutschland zwei Messestandorte für Mode: In Düsseldorf wurden die Damenkollektionen gezeigt, in Köln die Herrenmode. Die Herrenmodewochen in Köln gerieten in die Krise, als der Hersteller Boss dort nicht mehr ausstellte. In der Folge schuf Karl-Heinz Müller in Köln einen kleinen Ableger für junge Mode: Die Bread & Butter. Er zerstritt sich mit der Stadt und ging mit seiner Messe nach Berlin. Dort startete zeitgleich auch die Premium.
Seit Sommer 2007 findet parallel zu den beiden Messen in Berlin die Mercedes-Benz Fashion Week am Brandenburger Tor statt. Dort werden auf einem Laufsteg vier Tage lang Modenschauen gezeigt. Im Studio gibt es Modepräsentationen, bei denen die Models meist unbeweglich im Raum stehen. Einige Designer zeigen ihre Mode offsite, das heißt außerhalb des Zeltes. So beispielsweise Hugo Boss, Michael Michalsky und Majaco.
Aber die cpd, die 2002 noch mehr als 2000 Aussteller zählte, ist fast schon Geschichte. Im Februar findet sie noch einmal auf dem Düsseldorfer Messegelände statt. Vermutlich wird es eine Trauerveranstaltung. Denn das neue Konzept, auf das der Veranstalter Igedo Company baut, heißt The Gallery und feiert am Mittwoch im Berliner Café Moskau Premiere mit 70 Kollektionen. Es handelt sich um eine vollkommen abgespeckte Version, konzentriert auf deutsche Designer, die bei der Igedo unter dem Titel „Avantgarde“ geführt werden, und die zweimal jährlich an zwei Standorten stattfinden wird: In Berlin und zwei Wochen später in Düsseldorf.
Die cpd ist damit nach 20 Jahren endgültig passé. „Man kann sich der Hauptstadt Berlin einfach nicht mehr entziehen“, erklärt die Projektleiterin von The Gallery, Elke Sautter. Und sie ergänzt, wenn auch etwas kleinlaut, dass „diese Entwicklung vor fünf Jahren nicht abzusehen war“. Am letzten Tag der cpd im Juli 2011, als gerade noch 430 Aussteller Stände auf dem Düsseldorfer Messegelände gebucht hatten, hätten sich die Verantwortlichen Gedanken gemacht und ein Konzept entwickelt, das den veränderten Ansprüchen des Marktes gerecht werden sollte, sagt Sautter. Im Herbst wurde dann das Ende der cpd besiegelt.
Mode anders präsentieren
Viele Aussteller hätten in den vergangenen Jahren gesehen, dass man Mode auch anders präsentieren kann, erklärt Sautter. So wie in Berlin, wo Mode im stillgelegten Postgüterbahnhof, auf dem ehemaligen Flughafengelände Tempelhof, im Luxushotel, in der Zeltlandschaft am Brandenburger Tor oder in heruntergekommenen Hinterhöfen gezeigt wird. Kurz: An Orten, „die cool sind und die den neuen Anforderungen und Wünschen wohl eher entsprachen“, sagt Sautter. An das Image verstaubter Messehallen erinnere in Berlin jedenfalls nichts, sagt eine Designerin, die den Düsseldorfern die Treue hält und jetzt erstmals bei The Gallery in Berlin ihre Kollektion präsentiert. Wie die Veranstalter setzt sie große Hoffnung in das neue Projekt.
Auch die Münchner Modemesse In Fashion zieht es in die Hauptstadt. „Wer beim Thema Mode mitreden will, muss nach Berlin!“ steht auf ihrer Homepage und so präsentiert die In Fashion ab Mittwoch im Radialsystem „extravagante High-End-Fashion und nachhaltige Designerlabels“. Sie wird aber weiterhin auch noch in München stattfinden.
In Berlin sieht man die Expansion recht gelassen. „Grundsätzlich finde ich: The more, the better“, sagt Premium-Geschäftsführerin Anita Tillmann. „Wenn man in Berlin etwas wirklich Neues etabliert, umso besser.“ Eine Überschneidung mit ihrer eigenen Messe fürchtet sie nicht, eher vermisst sie die Perspektive bei der Unternehmung aus Düsseldorf: „Wo ist bei 2000 Quadratmeter Ausstellungsfläche noch Platz für Wachstum?“
Hier aufzukreuzen, nur um mitmischen zu wollen, ist ihrer Meinung nach die falsche Strategie. Auch Müller-Thomkins ist der Überzeugung, dass sowohl Berlin als auch Düsseldorf eine weitere Messe brauchen können, „wenn der Inhalt stimmt“, räumt er ein.
Es wird nicht die letzte bleiben: Für den Sommer hat Jörg Wichmann, einst Betreiber des Berlinomat, bereits im neuen Airport-Expocenter am Flughafen Schönefeld die Messe Panorama angekündigt, die dem Mode-Massenmarkt eine Heimat bieten soll. Er organisiert sie gemeinsam mit der Messe Berlin und den Veranstaltern der Premium. Ganz lassen sich die Berliner nämlich nicht die Butter vom Brot nehmen.
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