Alternativen werden nicht öffentlich diskutiert
Aus welchem Grund haben Sie dann Ihr Buch geschrieben?
Weil Alternativen nicht öffentlich diskutiert werden und sich so viele Menschen sehr interessiert nach meiner Kindheit erkundigen. Ich will in meinem Buch mit dem Vorurteil aufräumen, dass ein Kind, das nicht zur Schule geht, Analphabet wird, asozial und zu einem Wilden. Das stimmt nicht, das möchte ich der Gerechtigkeit und Information halber sagen. Es geht auch ohne Schule und ohne Diplome.
Wer Arzt oder Jurist werden will, braucht definitiv Diplome.
Wenn ich Arzt werden wollte, könnte ich meine Diplome nachträglich erlangen. Oder aber, und das wäre wahrscheinlich meine Wahl, einen Weg abseits der Schulmedizin einschlagen.
In der Arbeitswelt wiederholen sich viele Strukturen aus der Schule: klare Hierarchien, begrenzter Spielraum in der Zeit- und Arbeitseinteilung, enge Zielvorgaben. Kommen Sie mit solchen Strukturen zurecht?
Ich hatte immerhin auch klassische Angestelltenverhältnisse, wenn Sie das als Beweis für meine Anpassungsfähigkeit gelten lassen. Aber ich musste nie schleimen, habe mich nie verstellt.
Wo waren Sie angestellt?
Bei einem Musik-Magazin in Frankreich. Der Herausgeber suchte einen Experten für Gitarre, der gleichzeitig schreiben konnte und wurde auf meine Beiträge in einem Internet-Forum aufmerksam. Dann hat er mich zunächst als Autor ins Team geholt. Und da es sehr gut lief, habe ich zwei Jahre später den Posten des Chefredakteurs übernommen. Niemand hat mich je nach einem Diplom gefragt. Einzig meine Kompetenz und meine gute Zusammenarbeit mit den Kollegen zählten.
Was sind Ihre Kompetenzen?
Die sind sehr unterschiedlich, aber das überlasse ich lieber anderen, darüber zu urteilen. Was meine Berufe sind, möchten Sie vielleicht wissen?
Bitte - was sind Ihre Berufe?
Zunächst einmal ist mir die Trennung von Beruflichem und Privatem fremd. Aber ich kann von drei hauptsächlichen Berufsrichtungen sprechen. Einerseits bin ich Musiker, Komponist und Gitarrist und leite ein Theaterensemble. Die zweite Richtung ist der Instrumentenbau, ich bin Gitarrenbauer. Eine Woche pro Monat übe ich diesen Beruf bei meinem Gitarrenbaumeister und Partner Werner Schär in der Schweiz aus. Und die dritte Richtung: Ich bin Journalist und Autor.
Herr Stern, gibt es etwas, was man in der Schule lernt, und das Sie gar nicht können?
Keine Ahnung, ich vergleiche mich nie mit anderen. Mein Können und Wissen entspricht genau den Erfordernissen meines Alltags. Meine Lücken zeigen sich im Rahmen meiner Begegnungen, Vorlieben und Aufgaben, aber Lücken sind keine Gräuel, sondern neue Forschungsgebiete, die sich auftun. Das Lernen hört nie auf. Ein lebendiges, frei erworbenes Wissen erlischt oder erstarrt nicht.
Kann die Schule eine vom Elternhaus geförderte Kreativität wirklich behindern?
Ich glaube, mir hätte sie auf keinen Fall genutzt, schlimmstenfalls sogar geschadet, weil für meine Art der Vertiefung in der Schule kein Raum gewesen wäre. Kinder können solche Fähigkeiten sogar verlieren. Ich habe erlebt, wie andere Kinder immer in ihren Spielen unterbrochen wurden, weil sie in die Krippe, in die Schule gehen oder Hausarbeiten machen mussten. Ich fand das nie sehr appetitlich und weiß definitiv: Ich will das für meine Kinder nicht!
(Interview: Ute Diefenbach)
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