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23. April 2009

Monsieur André Stern: "Ich war nie in der Schule"

André mit einem Hubschrauber.  Foto: privat

Der Franzose André Stern hat eine Kindheit fern des Klassenzimmers erlebt. Im FR-Interview spricht der Musiker und Journalist über die Lust am selbständigen Lernen und den Mut zur Wissenslücke.

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Zur Person

André Stern, 1971 in Paris geboren, ist Musiker, Komponist, Gitarrenbaumeister, Journalist und Autor. Seine Eltern ließen ihn und seine Schwester nicht einschulen, sondern setzten auf das eigenständige Lernen der Kinder.

In seinem Buch "...und ich war nie in der Schule" erzählt er die Geschichte einer paradiesischen Kindheit. Heute bezeichnet sich Stern als glücklichen, sozial und beruflich erfüllten Menschen. Erschienen im Verlag Zabert Sandmann , 192 S., 16,95 Euro.

Monsieur Stern, Sie sind, mal abgesehen von Pippi Langstrumpf, der einzige mir bekannte Mensch, der nicht zur Schule gegangen ist. Wie ist es dazu gekommen?

Meine Eltern hatten die Überzeugung gewonnen, dass die Schule für Kinder nicht nützlich ist, eher sogar schädlich. Und daher waren meine jüngere Schwester und ich nie in der Schule.

Das Buch ...und ich war nie in der Schule. Geschichte eines glücklichen Kindes von André Stern ist im Verlag Zabert Sandmann erschienen.
Das Buch "...und ich war nie in der Schule. Geschichte eines glücklichen Kindes" von André Stern ist im Verlag Zabert Sandmann erschienen.
 Foto: zs

Was nur möglich war, weil es in Frankreich keine Schulpflicht gibt.

Wie in vielen anderen Ländern auch, etwa in Österreich. Und was mir nach dieser Entscheidung meiner Eltern geschehen ist, ist ganz einfach: Ich hatte eine Kindheit, wie sie einfacher, glücklicher und begeisterter nicht sein kann.

André Stern bei der Arbeit in seiner Werkstatt.
André Stern bei der Arbeit in seiner Werkstatt.
 Foto: privat

Hatten Ihre Eltern schlechte Erfahrungen in der eigenen Schulzeit gemacht?

Nein, gar nicht. Sie waren beide Musterschüler und hatten nicht etwa mit der Schule abzurechnen, weil sie selbst gelitten hätten. Meine Eltern arbeiteten dann viel mit Kindern ...

In welchen Berufen haben Ihre Eltern gearbeitet?

Meine Mutter hat Literatur studiert und betreute danach Kinder in der Vorschule. Mein Vater hat keinen Beruf gelernt. Er gab zunächst Zeichenkurse in einem Kinderheim und gründete in den 50er Jahren in Paris den erfolgreichen "Malort" für Kinder. Und meine Eltern haben beobachtet, dass bei Kindern eigentlich alles von innen heraus kommt, dass es keiner zielgerichteter Impulse von außen bedarf. Nachdem sie diese Überzeugung gewonnen hatten, war es für sie klar, dass Unterricht nach Lehrplan die natürliche Neugier, den natürlichen Rhythmus des Kindes unterbricht.

Sie schildern Ihre Kindheit im Buch als paradiesisch, alles sei "wie von selbst und lächelnd geschehen". Wie haben Sie die Tage verbracht?

Die Tage und Wochen waren sehr strukturiert, und das ist wichtig. Kinder mögen feste Strukturen. Wir haben viel Wert auf gemeinsame Mahlzeiten gelegt, und ich habe Kurse besucht, Algebra, Musik, Technik, Sprachen, Theater.

Also hatten Sie doch Unterricht?

Ich habe mir für meine jeweiligen Interessen Ansprechpartner oder Experten gesucht. Die Kurse waren eine von vielen Möglichkeiten, meine Themen zu vertiefen. Aber in der Zeit, in der ich mich leidenschaftlich der Literatur widmete, habe ich eben mehr Zeit mit Lesen verbracht, manchmal zehn Stunden am Tag. Als ich 12 Jahre alt war, interessierte ich mich für das Handwerk des Metalltreibens. Daraufhin haben meine Eltern einen Kunsthandwerker gefragt, ob ich seine Werkstatt besuchen kann. Ich bin lange Zeit zweimal pro Woche dort gewesen. Mit etwa 12 Jahren begann ich auch, mir den Wecker auf sechs Uhr morgens zu stellen, um eineinhalb Stunden Gitarre zu spielen. Eine Angewohnheit, die ich übrigens beibehalten habe.

Waren denn Ihre Eltern den ganzen Tag als Ansprechpartner um Sie herum?

Als wir klein waren, ist meine Mutter zu Hause gewesen. Mein Vater hat viel zu Hause gearbeitet, war aber auch beruflich unterwegs. Aber ein Kind, das nicht zur Schule geht, ist nicht zwangsläufig den ganzen Tag zu Hause. Einmal pro Woche war ich bei meinem Vater im "Malort", dann haben wir ja unsere Kurse besucht, waren mit Freunden unterwegs, manchmal auf Reisen. Und selbst zu Hause waren wir meist irgendwo im Haus mit unseren Spielen beschäftigt.

Wie haben Sie Lesen und Schreiben gelernt?

Als Dreijähriger habe ich in einem Text ein Ei und einen Eierbecher entdeckt, das "O" und das "C". Daraufhin habe ich natürlich gefragt und öfter in Zeitungen geblättert. Bald konnte ich alle Buchstaben und einzelne Wörter erkennen, aber schließlich ließ mein Interesse nach. Mit neun Jahren konnte ich weder fließend lesen noch schreiben.

Sind Ihre Eltern da nicht nervös geworden?

Nein, so etwas kann sicherlich zur Familienobsession werden. Aber meine Eltern waren sehr zuversichtlich. Und da ich immer von Büchern umgeben war und meine Eltern täglich lesen und schreiben sah, habe ich irgendwann das Interesse entwickelt, und dann ging es sehr schnell.

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