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Panorama
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31. März 2012

Mord in Emden: Ein zweites Opfer in Emden

 Von Jonas Rest
Blumen und Stofftiere liegen vor dem Parkhaus, in dem die elfjährige Lena ermordet wurde. Foto: dapd

Ein Mob im Internet ruiniert den Ruf eines unschuldigen 17-Jährigen und lässt die dunkle Seite sozialer Netzwerke in den Fokus rücken.

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Am Samstagabend war die Leiche der elfjährigen Lena in einem Parkhaus in Emdenentdeckt worden. Die Polizei geht von einem Sexualdelikt aus.
Nach der Freilassung des zunächst verhafteten 17-jährigen Jugendlichen sucht die Staatsanwaltschaft weiter nach dem Täter. Man sei auf einem guten Weg, hieß es.
Die Staatsanwaltschaft betonte die Unschuld des 17-Jährigen. Es lägen Fakten vor, „die eine Täterschaft des Jugendlichen ausschließen“.
Für die Sicherheit des Jungen sei gesorgt. Man werde auch Ermittlungsverfahren gegen Personen einleiten, die Hetzaufrufe im Internet tätigen.

Am Donnerstag galt er noch als der Hauptverdächtige im Fall der elfjährigen Lena, die in einem Parkhaus in Emden ermordet wurde. Am Freitag dann die überraschende Kehrtwende: Der 17-jährige Jugendliche wurde aus der Untersuchungshaft entlassen. Keinen Zweifel gebe es an seiner Unschuld, beteuerten Staatsanwaltschaft und Polizei. Ein virtueller Mob, der durch die Verhaftung ausgelöst worden war, dürfte allerdings dafür gesorgt haben, dass das Leben des Teenagers in Emden dennoch zerstört ist.

Ein zweites Opfer gebe es nun in Emden, sagt der Düsseldorfer Rechtsanwalt Udo Vetter, ein renommierter Rechts-Blogger am Freitag dieser Zeitung. „Der 17-Jährige wird sein normales Leben wohl nicht weiterführen können. Von dem Tatverdacht wird immer etwas haften bleiben.“

Die dunkle Seite sozialer Netzwerke

Der Fall in Emden rückt einmal mehr die dunkle Seite sozialer Netzwerke in den Fokus: Nur Minuten nach der Verhaftung des Berufsschülers teilten Bürger über soziale Netzwerke seinen Namen und die Anschrift mit. Wenige Stunden später rief ein 18-Jähriger über Facebook dazu auf, die Emder Polizei zu stürmen, um den Verhafteten zu lynchen. „Es gibt nur eins: Erschießen“, postete einer. Dutzende belagern daraufhin stundenlang die Polizeiwache.

Eine neue Dimension der Destruktivität sieht Rechtsanwalt Vetter in dem Internet-Mob. „Die emotionale Aufputschung findet ohne zeitliche Verzögerung statt“, sagt der Medienexperte. So wie Menschen mit sozialen Netzwerken im arabischen Raum um ihre Freiheit kämpfen, so werden diese Instrumente auch genutzt, um Lynchjustiz zu organisieren. „In Emden trägt daran aber auch die Polizei eine Mitschuld.“

Emdener Polizei in der Verantwortung

Auch der niedersächsische Kriminalpsychologe Christian Pfeiffer sieht die Emder Polizei in der Verantwortung. Sie habe den Jugendlichen möglichst medienwirksam festgenommen und ihn damit erst dem Mob preisgegeben. „Das war leichtfertig, zumal sie ganz offensichtlich viel zu wenig in der Hand hatten“, sagte Pfeifer dieser Zeitung. Er fordert Schadensersatzzahlung an den Jugendlichen.

Dabei war der 17-Jährige nicht der einzige Unschuldige, der im Internet zum Ziel wurde. Auch ein mit ihm verwandter 16-Jähriger war laut Nordwest-Zeitung in die Schusslinie geraten. Der Jugendliche musste von seiner Familie beschützt werden – und sei dann aus der Stadt gebracht worden, berichtet die Regionalzeitung.

Auch über Facebook sei es ihm nicht gelungen, die Verwechslung aufzuklären. Dort habe er gepostet: „Ich bin nicht derjenige, der in U-Haft sitzt. Habe mit dem nichts zu tun!“ Doch da war es schon zu spät. Kamerateams und Journalisten seien durch die Straßen gezogen und haben nach Informationen zu dem 16-Jährigen gesucht. Damit blieb sein Name im Umlauf.

Ungefilterte Weitergabe von Namen und Adressen

Welche drastischen Konsequenzen die ungefilterte Weitergabe von Namen und Adressen in sozialen Netzwerken mit sich bringt, hat in diesen Tagen auch ein älteres Ehepaar in Florida zu spüren bekommen. Es geriet plötzlich in die Auseinandersetzung um den Tod von Trayvon Martin. Der unbewaffnete schwarze Teenager war im Februar von dem 28-jährigen George Zimmerman, Mitglied einer Bürgerwehr, erschossen worden – angeblich aus Notwehr. Dass Zimmerman nicht verhaftete wurde, sorgte landesweit für Aufregung.

Der US-Filmregisseur Spike Lee twitterte dann eine Adresse, von der er glaubte, dass sie dem Todesschützen gehörte – in Wirklichkeit aber wohnte dort das über 70 Jahre alte Rentnerpaar. Angesichts der 250.000 Follower des Filmemachers verfehlte die Mitteilung nicht ihre Wirkung: Nach massiven Drohungen mussten die Rentner aus ihrem Haus flüchten. Lee entschuldigte sich jetzt auf Twitter und nahm mit den Worten „Gerechtigkeit im Gericht“ seinen Aufruf zur Lynchjustiz zurück. Trotzdem gaben einige Personen immer noch die falsche Adresse auf Twitter weiter.

Unmöglich, Vorwürfe aus der Welt zu bekommen

Ein Kernproblem der Verleumdung im digitalen Zeitalter ist die Tatsache, dass es den Opfern nahezu unmöglich ist, die Vorwürfe aus der Welt zu bekommen. Zwar kann bei falschen Tatsachenbehauptungen per Gericht die Löschung durchgesetzt werden – doch fast immer tauchen die Anschuldigungen im Internet irgendwo wieder von Neuem auf.

Während die Gewerkschaft der Polizei am Freitag forderte, dass Aufrufer zu Lynchjustiz, die volle Härte des Gesetzes zu spüren bekommen, sieht Kriminalpsychologe Pfeiffer auch die Polizei in der Pflicht, aus den Ereignissen zu lernen: „Sie muss in Zukunft sensibler agieren.“

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