Tokio. Ein 30-jähriger Japaner hat nahe Nagoya fünf Familienangehörige mit einem Küchenmesser niedergestochen und sein Zimmer in Brand gesteckt, weil er keinen Zugang zum Internet mehr hatte. Der 58-jährige Vater und seine einjährige Enkeltochter starben. Die schwer verletzte Mutter berichtete der Polizei, ihr Sohn habe sie mitten in der Nacht mit der Taschenlampe in der Hand geweckt und angebrüllt: "Wer hat das Internet abbestellt?" Dann stach er zu. Nach seiner Festnahme erklärte Takayuki Iwase: "Ich wollte meine Familie auslöschen."
Der arbeitslose Mann hatte sich nach Angaben von Nachbarn seit dem Abschluss der Mittelschule vor etwa 15 Jahren dauerhaft in seinem Zimmer im Elternhaus eingeschlossen. Iwase zählt damit zur Gruppe der Hikikomori, was auf Deutsch so viel heißt wie "die sich in sich zurückziehen". Von einem Tag zum anderen beschließen diese überwiegend jungen Männer oft schon als Teenager, sich von der Umwelt abzuschotten. Sie brechen jeden Kontakt nach außen ab, viele von ihnen verlassen ihre Zimmerhöhle nur nachts - wenn sie überhaupt noch nach draußen gehen.
Selbsthilfegruppen schätzen die Zahl der Hikikomori auf bis zu eine Million. Masuko Yasutake beispielsweise war dreizehn Jahre alt, als er beschloss, für immer zu Hause zu bleiben. Tagsüber schlief er, nachts las er Bücher und Zeitungen oder saß vor dem Fernseher und dem Computer. Zehn Jahre lang sei das so gegangen, erzählt er: "Seit ich klein war, wurde mir übel, wenn ich weggehen musste." Sein Aktionsradius sei immer kleiner geworden.
Keine Ausdrücke, um über sich selbst zu reden
Aber der jüngste Fall ist nicht exemplarisch: Überraschend wenige "Hikikomori" zeigen typische Symptome einer psychiatrischen oder neurologischen Störung. Das sei eine große Herausforderung für jede Therapie, sagt der Psychologe Takeshi Watanabe: "Diese Kranken können nicht erklären, was mit ihnen passiert." Sie hätten keine Ausdrücke und Wörter, um über sich selbst zu reden, weil sie das nie gelernt haben. Berater wie Watanabe werden meist von Eltern gerufen, die nicht mehr weiter wissen.
Der Begriff wurde 1998 durch den Psychologen Tamaki Saito geprägt und im Jahr 2000 landesweit bekannt, als ein 17-Jähriger einen Bus entführte und einen Passagier mit einem Messer tötete. Schon 1990 sorgte das Bekanntwerden eines anderen Falls für Aufsehen: Ein 27-jähriger Hikikomori hatte ein neunjähriges Mädchen entführt und es neun Jahre lang in seinem Zimmer gefangen gehalten, ohne dass seine Mutter es merkte.
Über die Ursachen von Hikikomori wird in Japan viel diskutiert, zumal die Zahl der Kranken in den letzten zwei Jahrzehnten stark gestiegen ist. Die Abschottung ist möglich, weil Kinder häufig bis zur Heirat zu Hause wohnen und die Schulpflicht nicht durchgesetzt wird. Viele Einzelkinder fühlen sich vom Erfolgsdruck ihrer Eltern überfordert. Denn in Japans Dauerkrise sind gute Anstellungen rar geworden. Andere halten dem Gruppenzwang und den Hänseleien von Mitschülern nicht stand.
Die Wende kam mit dem Fußball
Berater Watanabe sieht auch spezifisch japanische Gründe für die wachsende Verbreitung dieser emotionalen Störung: "Wir Japaner unterdrücken uns oft selbst, wenn etwas nicht gut läuft oder etwas Falsches passiert. Wir ziehen uns zurück, damit wir keine Entscheidung treffen müssen." Viele würden das Problem dadurch beseitigen, indem sie sich vor anderen verbergen. Ein tätlicher Angriff wie am Wochenende nahe Nagoya halten Experten daher für eine seltene Ausnahme.
In jahrelangen Gesprächen holte Berater Watanabe den heute 37-jährigen Masuko aus seiner Isolation. "Anfangs habe ich gar nicht gemerkt, dass ich vielleicht krank war", schildert er seine damaligen Gefühle. Aber nach einiger Zeit fand er sein Verhalten selber merkwürdig und fürchtete, sein ganzes Leben lang so zu bleiben. Die Wende kam mit dem Fußball. Weil er seine Lieblingsmannschaft unbedingt spielen sehen wollte, kaufte er ein Jahresticket. Während er immer an derselben Stelle im Stadion saß, entwickelten sich nach vielen Jahren in der Einsamkeit die ersten Freundschaften.
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