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14. März 2013

Nach Brandkatastrophe: Die Türkei weint um die Opfer von Backnang

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Mehrere Hundert Trauergäste nahmen an der Beerdigungszeremonie in Afyonkarahisar teil. Foto: dpa

Drei Tage nach der Brandkatastrophe von Backnang sind die türkische Mutter und ihre sieben Kinder in ihrer Heimat bestattet worden. Zuvor wurde jedoch eine zweite Obduktion durchgeführt.

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Hunderte Menschen, Verwandte, Freunde und Nachbarn, kamen nach dem Mittagsgebet in der Hauptmoschee der zentralanatolischen Stadt Afyonkarahisar zusammen, um der acht Toten des verheerenden Wohnungsbrandes in Backnang zu gedenken und die mit grünen Tüchern bedeckten Särge anschließend zum Friedhof außerhalb der Stadt zu geleiten. An der Trauerzeremonie nahmen der stellvertretende türkische Ministerpräsident Bekir Bozdag und auch ein Vertreter der Deutschen Botschaft in Ankara teil.

Bisher schließen die deutschen Ermittler einen Anschlag aus. Da die Türken den deutschen Untersuchungen aber offenbar nicht völlig trauten, wurden die Leichen am Dienstag mit einem privaten Flugzeug aus Deutschland nach Istanbul gebracht, wo sie über Nacht von türkischen Pathologen erneut obduziert wurden. Sie mussten sich beeilen, da der Islam nach dem Tod eine möglichst schnelle Bestattung vorschreibt und die Menschen in Afyonkarahisar als sehr fromm gelten. Das Obduktionsergebnis soll laut türkischen Medien in drei Tagen vorliegen. Am Mittwochmorgen wurden die Verstorbenen dann weiter in die 170.000-Einwohner-Stadt Afyonkarahisar gebracht.

Die zweite Obduktion wurde wiederum in Deutschland kritisiert. Um die Wogen zu glätten, wandten sich die Grünen-Vorsitzenden Claudia Roth und Cem Özdemir am Mittwoch mit einem Brief an die türkische Regierung, in dem sie ihre Trauer und ihr Mitgefühl angesichts der Brandkatastrophe in Backnang ausdrücken. Die Grünen erklären, die Umstände und Ursachen, die zum Brand geführt haben, müssten lücken- und vorbehaltslos aufgeklärt werden. „Und sie werden auch lücken- und vorbehaltslos aufgeklärt. Es ist uns in dieser Situation und angesichts der schrecklichen Katastrophe ein wichtiges Anliegen, Ihnen zu versichern: Niemand soll sich ausgeschlossen oder allein gelassen fühlen.“

Das verheerende Feuer in Backnang bei Stuttgart war in den frühen Sonntagmorgenstunden in einem Wohn- und Geschäftskomplex ausgebrochen, in dessen Erdgeschoss auch ein deutsch-türkischer Kulturverein Räume hat. Bei dem Feuer waren die aus Afyonkarahisar stammende, 40 Jahre alte Nazli Ozcan Soykan und sieben ihrer zehn Kinder ums Leben gekommen – darunter der gerade sechs Monate alte Säugling Murat. Helfer konnten nur einen elfjährigen Jungen, dessen Onkel sowie die Großmutter der Familie lebend aus den Flammen retten.

Brandursache: Technischer Defekt

Gegenüber des Hauses, in dem die Mutter und ihre sieben Kinder starben, haben Trauernde Kerzen, Blumen und Plüschtiere aufgestellt.
Gegenüber des Hauses, in dem die Mutter und ihre sieben Kinder starben, haben Trauernde Kerzen, Blumen und Plüschtiere aufgestellt.
Foto: dpa

Als sehr wahrscheinliche Ursache für das Flammeninferno haben die Ermittler inzwischen einen technischen Defekt im Haus ausgemacht. Ein ehemaliger Mieter hatte von Problemen mit den Stromleitungen berichtet. Auch ein Holzofen wurde als möglicher Brandherd genannt. Die Untersuchungen der Kriminaltechniker laufen aber weiter.

Weil sich die deutschen Behörden sehr schnell darauf festlegten, dass Brandstiftung und ein „ausländerfeindlicher Hintergrund“ auszuschließen seien, hatten türkische Politiker und deutsch-türkische Verbandsfunktionäre Skepsis formuliert. Sie äußerten sich ähnlich wie der türkische Staatspräsident Abdullah Gül, der sagte, man müsse aufgrund der rechtsextremen Anschläge in Deutschland „alle Möglichkeiten in Betracht ziehen“ und „in alle Richtungen“ ermitteln.

Der Politikwissenschaftler Faruk Şen, der lange in Deutschland lehrte und jetzt Vorsitzender der türkisch-deutschen Stiftung für Bildung und wissenschaftliche Forschung in Istanbul ist, erklärte in einer Pressemitteilung: „Wenn drei Millionen Deutsche in der Türkei leben und solche Brände Auslandsdeutsche töten würden, würde Deutschland die Europäische Union alarmieren. Aber unglücklicherweise erhebt die Türkei ihre Stimme viel zu leise. Die türkische Gesellschaft und Gruppen der türkischen Zivilgesellschaft in Europa sollten sich diesem Problem viel mehr widmen.“

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