Verschlossen war Tim K., unauffällig und freundlich - aber auch verzweifelt, eiskalt und psychisch krank. Am Tag nach dem Amoklauf von Winnenden wird immer deutlicher, dass der 17-Jährige, der 15 Menschen und sich selbst tötete, der seine ehemaligen Mitschüler mit Kopfschüssen hinrichtete, mindestens zwei Identitäten besaß. Eine für die Welt um ihn herum - und eine für sich. Eine, in der er keine Freundin fand und nicht recht anerkannt wurde - und eine, in der er ein Held mit machtvollen Möglichkeiten war.
In Tims Zimmer findet die Polizei Horrorvideos, auf seinem Computer Gewaltspiele, darunter eine Variante des Killerspiels "Counterstrike". Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble sagte daraufhin, der Zugang zu Gewaltdarstellungen in den Medien müsse eventuell beschränkt werden. Bisher gibt es jedoch keinen wissenschaftlichen Beleg für einen direkten Zusammenhang zwischen dem Konsum von Gewaltspielen und Gewaltausbrüchen im realen Leben.
Um die Sicherheit an Schulen zu erhöhen, fordert die Gewerkschaft der Polizei technische Eingangskontrollen wie etwa Chipkarten. Der Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses, Sebastian Edathy (SPD), sprach sich für Metalldetektoren an Schulen aus, in denen bekanntermaßen Waffen im Umlauf seien. Andere Politiker und Experten warnten davor, die Schulen mittels Videoüberwachung und Sicherheits- schleusen zu Festungen zu machen. "Das gaukelt eine Sicherheit vor, die es nicht gibt", sagte der Präsident des Lehrerverbandes, Josef Kraus, handelsblatt.com. Und es schaffe zudem ein Big-Brother-Klima. Das sei nicht gut für eine Einrichtung, in der sich Heranwachsende frei entfalten sollen.
Für Tim K.s unnatürlichen Umgang mit Schusswaffen gibt es Hinweise zuhauf. Mitschüler und Nachbarskinder berichten, dass Tim sehr wohl habe aggressiv sein können. Mit Genuss habe er mit sogenannten Softair-Waffen herumgeballert - mit farbigen Plastikkügelchen als Munition. Eine Waffe, die eigentlich erst ab 18 Jahren erlaubt ist. Zwei Dutzend solcher Geräte soll Tim besessen haben. Damit veranstalteten die Jugendlichen Turniere auf dem Spielplatz oder in der Gegend.
Aber das schien in Tims Heimatort Weiler zum Stein nicht außergewöhnlich. Auch Nachbar Michael V., heute 19, spielte mit Tim Softair. Irgendwann war Schluss, weil Tim beim Laden der Waffen "überzogen" habe. Auch mit scharfer Munition, so jedenfalls erinnert sich der Nachbarsjunge Dustin, habe man im Keller des Elternhauses Schießübungen gemacht. "Er traf immer ins Schwarze."
In Weiler zum Stein hat sich die Familie K. ein Haus mit Wintergarten und Erker hingebaut, das vom Stolz auf das Geleistete kündet. 5000 Menschen wohnen in dem Ort, man kennt sich. Eine Nachbarin nennt die Familie K. "fleißige, anständige Leut\'". "Schaffig" seien sie. Das ist im Schwäbischen das höchste Lob. Tim K., so heißt es deshalb in Weiler fassungslos, stamme doch "aus gutem Haus". Vater Jörg ist ein mittelständischer Unternehmer, beschäftigt 20 Angestellte. Mutter Ute stammt aus Weiler, auch die Großeltern wohnen am Ort. Eine angesehene Familie also, wohl gelitten und, wie der Bürgermeister berichtet, im Gemeindeleben aktiv. Dazu gehört wohl auch, dass der Vater ein begeisterter Sportschütze im SSV Leutenbach ist. 13 Waffen und 4600 Schuss Munition hat er in zwei Tresoren mit achtstelligen Zahlencodes verwahrt.
Nur eine Waffe, das wusste Tim, bewahrte der Vater im Schlafzimmer auf - es ist jene Beretta 9 Millimeter, durch die 15 Menschen und Tim selbst den Tod finden. Inzwischen weiß man, dass Timm mit mehr als 200 Schuss Munition in seine ehemalige Schule kam, 112 mal drückte er ab.
"Völlig unauffällig" nannte ihn der Kultusminister Helmut Rau (CDU). Still, zurückhaltend, durchaus freundlich. Ein begeisterter Tischtennisspieler. Doch die positive Einschätzung der Behörden beruhte wohl vor allem darauf, dass Tim K. der Polizei bis dato nicht bekannt war.
Am Donnerstag wird klar, dass Tim K. schon seit längerem psychisch krank war. Von April bis September 2008 wird er wegen Depressionen im Klinikum am Weißenhof in Weinsberg stationär behandelt. Die Therapie will er ambulant in Winnenden weiterführen. Die Klinik, direkt neben seiner alten Albertville-Realschule gelegen, kennt er. Doch dort meldet er sich, obwohl er dies der Bundeswehr als Antwort auf den Musterungsbescheid mitteilt, nie zur Behandlung an. Die depressiven Schübe müssen seit Herbst vergangenen Jahres zugenommen haben.
Den Eltern, so Ralf Michelfelder von der Polizeidirektion Waiblingen, sei die Erkrankung bekannt gewesen. Einen Zusammenhang mit der Aufbewahrung von Waffen im Haus hätten sie aber "nie hergestellt", wie sie überhaupt ihren Sohn eine solche Tat "nie zugetraut" hätten. Sie betonen gegenüber den Ermittlern, ihr Sohn habe doch auch gern Comedy oder Spaßfilme geschaut.
Tim lebte also mindestens drei Leben: Das der Gewaltspiele, Horrorstreifen und Schießübungen, das in der Schule und im Tischtennisverein und das Leben, das von Ängsten und gefühlten oder tatsächlichen Demütigungen geprägt war. "Alle lachen mich aus, niemand erkennt mein Potenzial", schrieb er kurz vor der Bluttat im Chat.
Als "wenig lernstark" schätzte ihn etwa die Schulleiterin ein. Durch die Bemerkungen seiner Chemielehrerin fühlte sich Tim K. offenbar besonders gedemütigt. Sie soll unter den Opfern sein, erschossen hinter dem Experimentiertisch. Eine Lehrstelle bekommt Tim mit seinem mittelmäßigen Abschluss nicht. Er "parkt" im Berufskolleg, wo er noch am Dienstag eine Mathearbeit mitschreibt, Karten mit seinen Mitschülern spielt, nach Hause geht. An diesem Tag deutet nichts darauf hin, dass er wenige Stunden später 16 Menschen töten würde.
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