Buenos Aires/Port-au-Prince/Washington. Sie sind der Stoff, aus dem moderne Legenden gemacht sind. Und sie sind die einzigen, die von dem schweren Erdbeben auf Haiti profitiert haben. Die schwer bewaffneten Bandenmitglieder, die über Haitis größtes Elendsviertel Cite Soleil einst wie Kriegsherren herrschten, sind mit aller Macht zurückgekehrt. Bewaffnet mit Pistolen und Sturmgewehren jagen sie auf ihren Motorrädern durch die engen Gassen des Slums und versetzen die ohnehin traumatisierten Bewohner in Angst und Schrecken.
"Sie sind aus dem Gefängnis ausgebrochen und nun laufen sie herum und versuchen, die Leute auszurauben", sagt die 34-jährige Elgin St. Louis, eine von mehr als 300.000 Bewohnern des Elendsviertels. "Vergangene Nacht haben sie die ganze Nacht lang geschossen." Viele der 3000 Insassen, die nach dem Beben aus dem Gefängnis in der Hauptstadt Port-au-Prince ausbrachen, sind brutale Verbrecher mit Verbindungen zu dem Armenviertel mit dem sarkastisch wirkenden Namen "Sonnenstadt", das lange als bedrückendes Symbol des bitterarmen Landes galt. "Es ist völlig logisch, dass sie hierher zurückkommen", sagt ein Polizist in dem undurchschaubaren Labyrinth aus Hütten, Gassen und offenen Kanälen. "Dies war immer ihre Hochburg."
Für FR-online schreiben Mitarbeiter der dem "Bündnis Entwicklung hilft" angehörenden Entwicklungshilfeorganisationen über ihre Eindrücke aus Haiti.
Zum Bündnis gehören Brot für die Welt, Medico International, Misereor, Terre des Hommes und die Welthungerhilfe. Sie leisten gemeinsam akute und langfristige Hilfe bei Katastrophen und in Krisengebieten.
Spendenkonto: Stichwort "Haiti", Konto 5151, Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 370 205 00.
Weitere Berichte von Helfern vor Ort finden Sie hier.
Es gibt Gerüchte, wonach Bandenmitglieder am Samstagmorgen das eingestürzte Justizministerium angezündet haben, um jegliche Unterlagen über ihre Inhaftierung und ihre kriminelle Vergangenheit zu vernichten. Auch in der verlassenen Justizvollzugsanstalt haben die Insassen keine Spuren hinterlassen. In dem nur leicht beschädigten Gebäude sind auch keine Leichen zu sehen. Das einzige Lebenszeichen sind zwei Hunde, die es sich in einer Zelle zwischen alten Matratzen bequem gemacht haben.
Hillary Clinton in Port-au-Prince
In einer Atmosphäre zunehmender Gewalt in Haiti hat US-Außenministerin Hillary Clinton am Samstag die von einem Erdbeben zerstörte Hauptstadt Port-au-Prince besucht. "Wir sind hier, um Euch zu helfen ... Wir sind heute hier, wir werden morgen hier sein und in der Zeit, die vor uns liegt", sagte die erste hochrangige Besucherin seit dem Jahrhundertbeben am vergangenen Dienstag.
Unterdessen mehrten sich Berichte über Unmut in der Bevölkerung über die nur schleppend anlaufende Hilfe und gewalttätige Übergriffe.
So berichtete der Reporter Eduardo Bonaga aus Panama im Fernsehen, Suchtrupps müssten in einer zunehmenden Atmosphäre der Unsicherheit in Port-au-Prince arbeiten. Geschäfte seien geplündert und Autofahrer angegriffen worden. Vereinzelt sei es sogar zu Schießereien gekommen.
Hilfsorganisationen hatten schon zuvor gewarnt, die Verzweiflung vieler Überlebender, die immer noch ohne Nahrung und Trinkwasser seien, könne schnell in Gewalt umschlagen. Die Verteilung der Hilfsgüter kam auch vier Tage nach dem Beben der Stärke 7,0 immer noch nur schleppend in Gang.
Die Gründe für die langsame und bisweilen chaotische Verteilung der Hilfe waren vielfältig. Die staatlichen Organisationen Haitis sind weitgehend zusammengebrochen, die Infrastruktur schwer beschädigt und die bei der Verteilung von Hilfsgütern federführenden Vereinten Nationen durch das Beben selbst schwer getroffen. Nach UN-Angaben handelt es sich um die unter logistischen Gesichtspunkten schlimmste Katastrophe in der Geschichten der Vereinten Nationen.
Leiter der UN-Mission ist tot
Während kaum noch Überlebende unter den Trümmern gefunden wurden und die Zahl der Todesopfer inzwischen auf weit über 50.000 geschätzt wurde, informierten die Vereinten Nationen über den Tod des Leiters der UN-Mission in Haiti, Hédi Annabi (65). Die Leichen des Tunesiers sowie seines Stellvertreters, des Brasilianers Luiz Carlos da Costa, und des amtierenden UN-Polizeichefs in Haiti, Doug Coates, seien unter den Trümmern des früheren UN-Hauptquartiers gefunden worden.
UN-Generalsekretär Ban Ki Moon, der am Sonntag in Haiti erwartet wurde, sagte, der sei "zutiefst betrübt". Nach Angaben von Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) kam bei dem Beben auch mindestens ein Deutscher ums Leben.
Am Montag soll nach Informationen von Haiti Press bei einer ersten Konferenz über die Koordination der europäischen Hilfe in Haiti beraten werden. An dem Treffen in der benachbarten Dominikanischen Republik würden außer der spanischen Vize-Ministerpräsidentin María Teresa Fernández de la Vega auch die Präsidenten Haitis und der Dominikanische Republik, René Préval und Leonel Fernández, teilnehmen. Außerdem würden Vertreter der Regierungen der USA, Kanadas und Brasiliens sowie Botschafter lateinamerikanischer Staaten erwartet. Am Montag wird sich auf Initiative Mexikos auch UN-Sicherheitsrat in New York mit der Lage in Haiti befassen. (dpa/ddp/rtr)
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