Mexiko-Stadt. Es gibt dieses Foto, das so viel aussagt über Haiti in diesen Tagen, über ein Land, in dem der Ausnahmezustand Alltag geworden ist. Ein nackter Mann geht durch eine Straße der zerstörten Hauptstadt Port-au-Prince, doch niemand scheint ihn zu beachten. Die Normalität in Haiti will sich noch nicht einstellen. Auch knapp einen Monat nach dem verheerenden Beben des 12. Januar.
Im Drei-Tages-Rhythmus erhöht die Regierung die Opferstatistik und zählt jetzt 212000 Tote. Mehr als 300000 Menschen sind demnach verletzt, rund zwei Millionen obdachlos. Letztere hausen unter katastrophalen Bedingungen: dichtgedrängt, auf Plätzen, Bürgersteigen oder den Mittelstreifen der Straßen. Ohne fließend Wasser, ohne Kanalisation, ohne Müllentsorgung. Die Plastikplanen- und Zeltlager seien Seuchenherde, warnen Ärzte und Helfer. Nach einer Umfrage von Oxfam weigern sich viele Menschen aus Angst vor Plünderungen, in die von der UNO bereitgestellten Auffanglager außerhalb von Port-au-Prince umzusiedeln.
Für FR-online schreiben Mitarbeiter der dem "Bündnis Entwicklung hilft" angehörenden Entwicklungshilfeorganisationen über ihre Eindrücke aus Haiti.
Zum Bündnis gehören Brot für die Welt, Medico International, Misereor, Terre des Hommes und die Welthungerhilfe. Sie leisten gemeinsam akute und langfristige Hilfe bei Katastrophen und in Krisengebieten.
Spendenkonto: Stichwort "Haiti", Konto 5151, Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 370 205 00.
Weitere Berichte von Helfern vor Ort finden Sie im Haiti-Spezial der Frankfurter Rundschau
Von der Regierung ist keine Hilfe zu erwarten. Präsident René Préval verschanzt sich im provisorischen Regierungssitz am Flughafen, geschützt von US-Soldaten. Dort kam am Wochenende auch der UN-Sondergesandte Bill Clinton an, der die Hilfe koordinieren soll. Clinton sah sich bei seiner Ankunft Hunderten von Menschen gegenüber, die gegen die zögerliche Verteilung der Hilfsmittel protestierten. "Es tut mir leid, dass das so lange dauert", sagte Clinton. "Ich versuche herauszufinden, wo die Engpässe sind."
Unterdessen hat der Anwalt der zehn US-Bürger, die in Haiti wegen Kindesentführung angeklagt wurden, sein Mandat niedergelegt. Die Angehörigen seiner Mandanten hätten behauptet, er habe von ihnen Geld zur Bestechung des Richters gefordert, sagte Edwyn Coq am Sonntag in Port-au-Prince. Außerdem hätten sie ihm bisher keinerlei Honorar gezahlt. Mehrere Eltern der angeblichen Waisen verteidigten den Versuch der US-Baptisten, ihre Kinder außer Landes zu bringen. Bewohner der Stadt Callebasse sagten, sie hätten ihre Kinder freiwillig weggegeben.
Um die Situation zu verbessern planen die Vereinten Nationen und Hilfsorganisationen in schwer getroffenen Städten Cash-for-Work-Projekte. Dabei erhalten die Menschen einen kleinen Lohn für die Beseitigung von Trümmern. Der Chef der UN-Mission Minustah, Edmond Mulet, geht davon aus, dass drei Viertel von Port-au-Prince neu aufgebaut werden müssten. Mehr als zehn Jahre werde dies dauern. "Der Wiederaufbau beginnt nicht bei null, sondern unter null", so Mullet.
Unterdessen erließen die sieben führenden Industrienationen und Venezuela, der größte bilaterale Gläubiger Haitis, dem Land seine Schulden. Haiti, bereits vor dem Beben der ärmste Staat der westlichen Welt, ist mit knapp 700 Millionen Dollar bei internationalen Organisationen und anderen Staaten verschuldet. (afp)
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