Ms. Gordimer, am Sonntag endet die Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika. Vorher erhofften sich viele Beobachter einen positiven Schub für Ihr Heimatland: für das Zusammenwachsen von Schwarz und Weiß, das weltweite Image, die Wirtschaft. Spüren Sie davon schon etwas?
Nun ja, Sie kennen ja das alte Sprichwort: Die Leute brauchen Brot und Spiele. Aber es heißt eben tatsächlich Brot UND Spiele. Die Weltmeisterschaft hat den Leuten wundervolle Spiele beschert, und das freut mich. Aber was das Brot angeht, hat sich an den riesigen Problemen für die armen Menschen in Südafrika nichts geändert.
Nadine Gordimer ist weltweit die bekannteste Schriftstellerin Südafrikas. Ihre Romane, Erzählungen und Essays handeln von der Apartheid und deren zerstörerischen Folgen für die Schwarzen, aber auch die Weißen. 1991 erhielt sie den Nobelpreis für Literatur.
1923 wurde sie in Springs, Transvaal, geboren. Ihr Vater war ein jüdischer Juwelier, der aus Litauen emigriert war; ihre Mutter eine Engländerin.
Schon in den 50er Jahren gehörte Gordimer zu einer kleinen Gruppe Weißer, die bewusst die damaligen Rassentrennungsgesetze missachtete. Die Autorin ist eine Weggefährtin Nelson Mandelas und hat bis heute viele Freunde im African National Congress (ANC), der Freiheitsbewegung der Schwarzen. (ber)
Aber haben sich nicht gerade die schwarzen Südafrikaner über die nette Abwechslung von den Alltagssorgen gefreut?
Doch, ganz sicher. Aber ich fürchte, dass die Regierung diese Ablenkung ausnutzen will. Wir haben fast 30 Prozent Arbeitslosigkeit, in manchen schwarzen Siedlungen liegt sie bei 70 Prozent. Tausende leben ohne angemessene Wohnungen. Und in den vergangenen Monaten haben wir die größten Streikwellen seit Ende der Apartheid gehabt. Jetzt kündigen die Staatsdiener neue Streiks für die Woche nach der WM an. Schon während der Spiele gab es gewaltige Streik-Aktionen - unser Präsident jedoch saß im Fußballstadion und ließ sich als Gastgeber feiern.
Es war doch aber auch gut , wieder einmal mit positiven Nachrichten aufzufallen? Ihr Freund, Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu, sagt, zuletzt war Südafrika das "Lieblingsland der Welt", als Nelson Mandela freigelassen wurde. Das ist nun schon 20 Jahre her.
Ich will kein Spielverderber sein. Sicher war die Fußball-WM für die Menschen eine schöne Erholung von den Sorgen des Alltags. Aber nun müssen wir darauf achten, dass die Freude über die gelungene Weltmeisterschaft nicht die Aufmerksamkeit von dem ablenkt, was wirklich wichtig ist: das Wohlergehen meiner Landsleute.
Zumindest hat die weltweite Aufmerksamkeit für die WM neues Interesse für Südafrika geweckt. Vielleicht ja nicht nur bei Touristen, sondern auch bei Investoren und der politisch interessierten Öffentlichkeit. Trägt das nun Früchte?
Schwer zu sagen. Wie war es denn in Deutschland, wurde all das dort reflektiert? Vermutlich nicht. Die große Aufmerksamkeit hat sich im Grunde doch nur darauf gerichtet, welche Mannschaft gewonnen hat oder nicht.
Die Deutschen haben zumindest erfahren, dass Fußball in Südafrika der Sport der armen Schwarzen ist. Während die Weißen sich mehr für Rugby und Cricket interessieren. War das auch während der WM so?
Gar nicht. Das Einmalige an dieser Veranstaltung ist: Weiß und Schwarz und alle Farben dazwischen haben gemeinsam gefeiert. Sie saßen zusammen in Bars, in den Eckkneipen oder in Straßencafés und haben sich die Spiele angesehen. Alle hatten ein gemeinsames Gesprächsthema und das Gefühl, zu einem gemeinsamen Fest zu gehören. Das hat auch mich begeistert, obwohl ich gar kein Sportfan bin. Die WM hat die Menschen wirklich zusammengeführt. Aber ob das Gefühl noch anhält, wenn sie morgen wieder um denselben Job konkurrieren, wage ich zu bezweifeln.
Also war die Einigkeit während der WM nur ein Burgfrieden zwischen Schwarz und Weiß, weil die Welt auf Südafrika schaute?
Nein, nein, im Gegenteil, die WM hat vielmehr gezeigt, dass unsere Rassenprobleme und Spannungen unter den richtigen Umständen sehr wohl überwunden werden können. Ich hoffe, dass die WM-Stimmung als gutes Beispiel dafür dient, dass sich all die verschiedenen Volksgruppen in Südafrika für eine gemeinsame Sache begeistern können.
Die Begeisterung mögen Schwarz und Weiß teilen, aber häufig feiern sie dann doch getrennt: Viele weiße Südafrikaner bejubelten zum Beispiel nach dem Ausscheiden ihrer Nationalmannschaft das holländische Team. Ist die Solidarisierung mit den ehemaligen Kolonialherren eine bewusste Provokation der Schwarzen?
Sicher trauern einzelne fundamentalistische "Afrikaaner", wie sich die holländisch-stämmigen Weißen nennen, der alten Zeit nach, als sie sich noch als das auserwählte Volk fühlten. Das ganze Land musste damals ihre Sprache sprechen! Vielleicht leben einige ihre Nostalgie auch im Fußball aus. Aber die meisten fühlen sich den Holländern wohl einfach nahe, weil sie deren Sprache verstehen und das Team so erfolgreich ist. Wäre unsere Mannschaft noch dabei, würden auch die weißen Südafrikaner unsere schwarzen Nationalspieler anfeuern, da bin ich sicher. Dann hätte die WM noch viel vereinender gewirkt.
So wie die Rugby-Welmeisterschaft, die Südafrika 1995 austrug - und gewann?
Ja. Von solchen Ereignissen kann große Symbolkraft ausgehen - das hat Nelson Mandela damals, kurz nach seiner Wahl zum Präsidenten gut erkannt. Als unser Team den Titel holte, überreichte er den Pokal im Shirt der überwiegend weißen Mannschaft. Damit hat er viele weiße Herzen gewonnen. Er hatte schon immer ein Gespür für solche Gesten. Man darf sich nur nicht einbilden, dass so etwas automatisch die Ursachen für die vielen Spannungen zwischen den Rassen vergessen lässt.
Auch 20 Jahre nach dem Ende der Apartheid haben zwei Drittel der schwarzen Südafrikaner keinen Schulabschluss, nur zwei Prozent der Schwarzen studieren. Die durchschnittlichen Einkommensunterschiede zwischen Schwarzen und Weißen sind riesig.
Ja, die einzige Veränderung ist, dass wir heute neben der weißen Mittel- und Oberschicht auch eine kleine schwarze Mittel- und Oberschicht haben. Aber das reicht eben nicht aus, um die Bedürfnisse der übergroßen Mehrheit der Menschen im Land zu befriedigen.
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