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Naomi und der "Blutdiamant": Böses Schmuckstück

Vom Laufsteg in den Zeugenstand: Ein "Blutdiamant" macht Supermodel Naomi Campbell zur wichtigen Zeugin in einem Kriegsverbrecher-Prozess des UN-Sondergerichtshofs.

Supermodel Naomi Campbell ist Zeugin in einem Prozess gegen Kriegsverbrecher.
Supermodel Naomi Campbell ist Zeugin in einem Prozess gegen Kriegsverbrecher.

Diamanten sind nicht die besten Freunde eines Mädchens. Auch wenn Marilyn Monroe das in ihrem berühmten Song behauptet hat: „Diamonds are a girl’s best friend“. Naomi Campbell, das schöne, aber auch Chauffeure und Hausmädchen verprügelnde Supermodel, kann ein Lied vom Wandel der Werte singen. Ein Rohdiamant beachtlicher Größe hat ihr keine Freundschaft, aber beträchtliche Schwierigkeiten eingetragen. Und offensichtlich weiß die 40-Jährige nicht, wie sie aus dem Schlamassel wieder rauskommen soll.

Stein im Mayonnaise-Glas

Dabei wäre alles so einfach. Naomi Campbell könnte der inzwischen sehr nachdrücklich ausgesprochenen Einladung des UN-Sondergerichtshofs in Den Haag folgen, dort gegen Charles Taylor, den einstigen Präsidenten Liberias und Menschenschlächter, aussagen und erzählen, was in jener Septembernacht 1997 nach einem Promidinner beim damaligen südafrikanischen Präsidenten Nelson Mandela geschah. Die Schauspielerin Mia Farrow, die wie Taylor und Campbell zur Einweihungsfeier des Luxuszuges „Blue train“ geladen war, hat es als Zeugin in Den Haag bereits berichtet: Taylor habe Campbell einen Diamanten in einem Mayonnaise-Glas aufs Zimmer schicken lassen, in der Hoffnung, die Schöne für sich einnehmen zu können.

Das sei ihm gelungen, sagte Mia Farrow. Campbell habe ihr am nächsten Morgen selbstgefällig, aber wohl in Unkenntnis der schmutzigen Karriere Taylors und der Herkunft des Steins von dem großzügigen Geschenk berichtet. „Und so etwas vergisst du nicht, wenn ein Mädchen dir erzählt, es habe in der Nacht einen riesigen Diamanten geschenkt bekommen“, sagte Farrow vor Gericht.

Wie sang die Monroe? „Diese Steine verlieren nie die Form.“ Das Model Campbell aber hat inzwischen seine Fassung verloren. Im April schnauzte es in einem Interview mit dem US-Fernsehsender ABC die Reporterin, die sich nach der Preziose erkundigt hatte, an: „Ich habe keinen Diamanten bekommen, und ich bin nicht hier, um darüber zu sprechen.“ Genervt von erneuter Nachfrage, rauschte die Modelqueen empört aus dem Studio und schlug auf eine laufende Fernsehkamera ein. Das ist im Internet noch immer auf einem Video zu betrachten. So haben Campbell und Taylor noch immer ein Geheimnis – nur sie wissen über Größe und Wert des Steines Bescheid.

Mehrmals ignorierte Campbell auch die Aufforderung des Gerichts, sich zum Fall Taylor zu äußern. Die 30 000 Seiten dicke Anklageschrift wirft ihm hunderttausendfachen Mord, Vergewaltigung, Verstümmelung von Menschen und Zwangsrekrutierung von Kindersoldaten vor. Nun ist die erfolgreiche Britin, die als erstes Covergirl mit dunkler Hautfarbe in die Haute Couture aufstieg, in der Defensive.

Vorletzte Woche riss der Anklage der Geduldsfaden. Sie lud Campbell unter Androhung einer Haftstrafe bis zu sieben Jahren für den 29. Juli als Zeugin vor. Die Chefanklägerin Brenda Hollis hofft, mit Campbells Einlassungen dem Ex-Präsidenten Taylor nachweisen zu können, dass er sich seine üblen Geschäfte mit sogenannten Blutdiamanten habe vergolden lassen. Sie wirft ihm vor, als Liberias Staatschef in den 90er Jahren im Nachbarland Sierra Leone einen der brutalsten Bürgerkriege der Neuzeit angeheizt zu haben, indem er den Rebellen dort Waffen lieferte und sich mit Edelsteinen aus den Minen Sierra Leones bezahlen ließ. So raffte er sich Milliarden zusammen. Seine schützende Hand über den Rebellen bescherte den Menschen in Sierra Leone unbeschreibliches Leid. 91 Zeugen berichteten in Den Haag, wie die Soldateska in die Dörfer eingefallen war, wahllos Männer, Frauen und Kinder zusammengetrieben und abgeschlachtet hatte. Denjenigen, die sie am Leben ließen, hackten sie Hände oder Arme ab.

Den 62-jährigen Taylor lässt das kalt. Auch Jesus Christus, sagte er, sei angeklagt gewesen, ein Mörder zu sein. Der Staatsanwaltschaft werfen seine Verteidiger vor, die Zeugin Campbell nur vorzuladen, um dem Prozess mehr internationale Aufmerksamkeit zu verschaffen. Taylor mokierte sich im Juli 2009 zu Beginn der Beweisaufnahme über die Vorwürfe: „Ich habe nie Diamanten bekommen, weder in Mayonnaise-Gläsern noch in Kaffeedosen.“

Naomi Campbell weiß es womöglich besser – und könnte es sogar nachweisen, falls sie das Corpus delicti noch besitzt. Doch das Model sperrt sich. Warum? Schämt sie sich, dass sie sich ausgerechnet von Taylor umgarnen ließ? Fragen, die sie bislang unbeantwortet ließ und sich damit mehr Schaden an ihrer persönlichen Integrität und an ihren Geschäften zufügte, als ihr lieb sein kann. Noch verdient sie Millionen und könnte sich eine Menge Diamanten selber kaufen.

Schmutzige Geschäfte

In jedem Fall hat Campbell den Zeitpunkt verpasst, ihre Ansichten über das vergiftete Geschenk zu ändern. 1997, als sie es erhielt, war das Wort „Blutdiamant“ noch kaum bekannt. Die weltweite Diamantenindustrie verdiente prächtig an Steinen, die in Kriegsgebieten illegal geschürft und verkauft wurden, um Waffen zu erwerben. Erst im Jahr 2000 prangerten die UN diese schmutzigen Geschäfte an. Und es dauerte nochmals drei Jahre, bis sich Diamantenhändler und Förderländer im sogenannten Kimberly-Prozess einigten, Blutdiamanten zu ächten und mit staatlichen Zertifikaten Schmuggel zu verhindern. Allerdings ist das alles nicht bindend, wird nicht kontrolliert, und Sanktionsmöglichkeiten gibt es auch kaum.

Spätestens hätte sich Campbell 2006 besinnen können. Da lief im Kino „Blood Diamonds“ mit Leonardo DiCaprio. In aufrüttelnder Weise zeigt der Action-Thriller: Diamanten sind überhaupt keine Freunde für ein Mädchen – solange nicht sicher ist, aus welcher Quelle sie wirklich kommen.

Autor:  Katharina Sperber
Datum:  22 | 7 | 2010
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