Die Natur spielt Amerikas Nuklearanlagen derzeit übel mit: In Nebraska bedroht das Hochwasser des Missouri zwei Atomkraftwerke, in New Mexico ein Buschfeuer das Atomforschungszentrum Los Alamos. Eine akute Gefährdung besteht laut Behörden in beiden Fällen nicht. Doch Feuer und Flut wecken böse Erinnerungen.
In Los Alamos ist das die Erinnerung an das verheerende Cerro-Grande-Feuer im Jahr 2000: Mehr als eine Milliarde Dollar an Schäden richteten die Flammen damals in der berühmten Atomschmiede an. Zahlreiche Gebäude brannten aus, Forschungsanlagen wurden beschädigt, geheime Unterlagen zerstört. Jetzt wurde die 12000-Einwohner-Stadt Los Alamos in den staubtrockenen Jemez-Bergen wieder evakuiert. Dichter Rauch hing über den Hügeln: „Das Feuer wird uns eine Weile begleiten. Es hat das Potenzial, sich von der Größe her noch zu verdoppeln bis verdreifachen“, sagte Feuerwehrchef Doug Tucker. Im benachbarten White Rock begannen die Behörden mit der Evakuierung.
Kurzzeitig hatten die Flammen auch erneut auf das weitläufige Gelände des Atomforschungszentrums übergegriffen. Der Brand auf der Tech Area 49, wo früher unterirdisch Nuklearmaterial getestet wurde, konnte laut Sprecher Kevin Roark indes rasch gelöscht werden. Auch am Tag danach aber blieb das Forschungszentrum vorsichtshalber geschlossen. Dort lagern in unterirdischen Bunkern große Bestände an Atomabfällen, es gibt Plutoniumanlagen und Entwicklungslabors für Nuklearwaffen.
„Gut geschützt“ oder nicht?
Los Alamos war 1943 als Herzstück des Manhattan-Projekts gegründet worden, des Geheimprogramms Washingtons zur Entwicklung der ersten Atombombe. Buschbrände stellten nur eine „sehr geringe Gefahr“ für die Nuklearanlagen dar, erklärte Roark: „Die Einrichtung ist sehr gut gegen jede Art von Wildfeuer geschützt.“ Daran freilich hatte der Generalinspektor des US-Energieministeriums 2009 in einem Bericht Zweifel geäußert. Trotz umfangreicher Rodungen nach dem Cerro-Grande-Feuer vor elf Jahren bescheinigte der Report, Los Alamos sei nur unzureichend auf die bei Großbränden von Nuklearmaterialien ausgehenden Gefahren vorbereitet.
Einer gänzlich anderen Herausforderung sehen sich seit Wochen die Mitarbeiter des Atomkraftwerks Fort Calhoun nahe der Großstadt Omaha gegenüber. Das Hochwasser des Missouri hat den Druckwasserreaktor, einen der ältesten der USA, zu einer nur von Sandsäcken und Flutmauern geschützten Insel werden lassen. Dort schwebt über allem die böse Erinnerung an die Erdbeben-und-Tsunami-Katastrophe im japanischen Fukushima: Der Ausfall der Kühlung hatte eine Kernschmelze ausgelöst.
Experten halten derlei in Fort Calhoun für ausgeschlossen. Auch dort aber kam es zu unvorhergesehenen Pannen. Obwohl der Meiler im April zum Brennelementewechsel vom Netz genommen wurde, müssen Reaktorkern und Abklingbecken ständig gekühlt werden. Nach einem Feuer im Schaltraum fiel die Kühlung am 7. Juni für 90 Minuten aus. Kraftstoff für Pumpen und Notstromaggregate muss inzwischen über provisorische Holzstege angeliefert werden, weil die Anfahrtswege unter Wasser stehen.
Der Betreiber Omaha Public Power District sieht dennoch keine Gefährdung durch das Hochwasser. Es sei unmöglich, dass der Missouri etwa die noch mehrere Meter über dem Flutpegel liegenden Abklingbecken erreiche, erklärte Werkssprecher Timothy Nellenbach. Auch der Leiter der Atomaufsichtsbehörde NRC, Gregory Jazcko, sagte nach Besuchen in Fort Calhoun sowie 160 Kilometer stromabwärts im ebenfalls flutgefährdeten AKW Cooper, nicht immer beeinträchtigten Äußerlichkeiten die Sicherheit. Offiziell stuft die NRC die Missouri-Flut an den Reaktoren als „Wasser-Ereignis“ ein. Danach sehnt man sich in Los Alamos bislang vergeblich.
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