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19. August 2013

Nazi-Bau Prora auf Rügen: Der Klotz des Führers

 Von 
Nur ein kleiner Ausschnitt der einstigen Ferienanlage Prora.  Foto: imago stock&people

Prora auf Rügen: Stein gewordener Ausdruck absoluten Irrsinns. Zu groß für alles, auch zu groß, um es einfach abzureißen. Heute zerren die Kräfte des Finanzmarktes an einem verfallenenen alten Nazi-Bau, der jedes vernünftige Maß sprengt.

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PRORA –  

In Strandnähe. Es ist Mittag und sehr heiß, ein Paar spaziert durch Kiefern und Gebüsch über den kleinen Pfad zwischen Ruine und Meer. „Ich weiß ja nicht“, sagt er. „Anschauen kostet nichts“, entgegnet sie. „Nun geh, bitte!“

Der Mann stiefelt durch den feinen Sand. Die Sonne brennt, kein Wind kühlt. Er wäre gerne im Schatten der Kiefern geblieben. Aber nun geht er los zu der Schautafel mit der kleinen Lade davor und holt einen Prospekt. „Das dauert bestimmt noch ewig, bis das hier alles mal fertig wird.“ Er ist ein bisschen maulig und mosert herum. Er steht in seinem Ringelshirt und kurzen Hosen im glühenden Sand. „Wer weiß, was noch mit dem Euro und so wird“, ruft sie ihm aus dem Schatten einer Kiefer zu. „Nun lass mal sehen.“

Ein Ehepaar aus Mannheim, beide Ende fünfzig. Sie erzählen ein bisschen, er Ingenieur, sie früher auf dem Büro, Kinder lange aus dem Haus. Sie haben was zurückgelegt, möchten aber nicht, dass ihre Verwandten und Nachbarn davon erfahren. „Ich will kein Gerede“, sagt die Frau. „So etwas endet immer in Unfrieden.“ Sie liest laut vor, was ihr Mann gebracht hat, ein buntes Blatt, Investorenpoesie: „Meersinfonie. Ein Wert, der bleibt. Eine hervorragende Anlage – im doppelten Sinne.“ Sie hat wohl leicht Feuer gefangen, er nicht. Oder noch nicht. „Guck doch mal“, sagt er. „Das sind doch alles noch Ruinen.“ Dann gehen sie langsam weiter.

Neben ihnen, 150 Meter vom Strand entfernt, spannt sich wie ein langer Bogen die „Ruine, die zugleich eine hervorragende Anlage“ sein soll: Prora, der Koloss von Rügen. Der Klotz des Führers. Ein Bauwerk aus dem Dritten Reich, viereinhalb Kilometer lang, ein gigantischer Kamm, der sich trotz seiner Größe elegant in die Bucht schmiegt und vom Strand aus oft kaum zu sehen ist.

Prora sollte die Urlaubsmaschine des Nazi-Reiches werden, ein Riegel für 20.000 Menschen, ein kleine Stadt am Meer. Die NS-Organisation „Kraft durch Freude“ hatte Prora geplant. Zwei Wochen preisgünstiger Urlaub für alle – so lautete die Idee. Aber nicht für Muße, Entspannung und Ertüchtigung. Es ging immer um Kriegsvorbereitung und um ein bisschen notwendige Erholung für den Endsieg. In Prora (und einigen anderen Orten, an denen aber nie gebaut wurde) sollten Soldaten und Parteigenossen einmal im Jahr „überholt“ werden: „Alles“, so beschrieb es Reichsleiter Robert Ley im Juli 1938 vor Urlaubern auf dem Schiff „Wilhelm Gustloff“, „alles dient nur dem einen, unser Volk stark zu machen, damit wir diese brennendste Frage, dass wir zu wenig Land haben, lösen können.“

10.000 Zimmer

10.000 kleine Zimmer, jedes mit Blick auf die Ostsee, zweieinhalb mal fünf Meter klein, zwei Betten, ein Waschbecken, eine Sitzecke, ein Schrank, ein Lautsprecher für Führer-Reden und Marschmusik.

Dazu Kinos, zwei Theater mit jeweils 3000 Plätzen, Festhallen für 20.000 Menschen, Aufmarschplätze, zwei Seebrücken, 600 und 800 Meter lang, zehn Gemeinschaftshäuser, eine Gärtnerei, ein Wasserwerk, Bäckereien, ein Krankenhaus, Schlachtereien. So war es geplant, so stand es im Gesamtentwurf des Kölner Architekten Clemens Klotz, für den er auf der Pariser Weltausstellung 1937 mit einem Grand Prix ausgezeichnet wurde.

1936 war Grundsteinlegung. Bis 1939 arbeiteten 9000 Bauarbeiter an dem Seebad. Renommierte deutsche Firmen waren beteiligt: Hochtief, Philipp Holzmann, Dyckerhoff & Widmann, die Siemens Bauunion.

Am Ende stand ein Rohbau. Mehr wurde es nicht. 1939 zog Deutschland in den Weltkrieg. Niemand machte in Prora Urlaub. Aus „Kraft durch Freude“ wurde nichts. Zwangsarbeiter mussten das leere und unfertige Gebäude instandhalten. Vieles, was in den Plänen stand, wurde nie gebaut.

Ein Weg aus Betonplatten führt an dem vorbei, was heut noch ist: Graue Ruinen, kolossal und endlos, ein absurdes Bauwerk mit Tausenden eingeschlagenen Fenstern, durch welche die Schwalben munter raus und rein zu ihren Nestern segeln. Ein Gebäude mit unmenschlichem Maß, Stein gewordener Ausdruck absoluten Irrsinns, zu groß für alles, vor allem zu groß, um es einfach abzureißen.

Nach dem Krieg tauchte es ab in Vergessenheit. Nach der Roten Armee kam die Nationale Volksarme und bezog Teile des Riegels. Tausende NVA-Soldaten waren in Prora kaserniert, es gab das „Walter-Ulbricht-Heim“, in dem Offiziere Ferien machten. Prora war ein Kasernenbau wie viele.

Die Vergangenheit des Ortes war in der DDR kein Thema. Nach der Wiedervereinigung kam für kurze Zeit die Bundeswehr, nach 1992 nichts mehr. Nun wirkten die Kräfte des Verfalls.

Das Gebäude steht heute noch bis auf einen winzigen Teil leer. Der Bund war Eigentümer und scherte sich nicht sonderlich. Irgendwann hatte er alle sechs noch halbwegs intakten Blöcke verkauft. Für knapp über dreieinhalb Millionen Euro.

Nun herrscht leichte Goldgräberstimmung. Nach den Kräften des Verfalls nun die Kräfte des Finanzmarktes. Euroangst, Zukunftsangst, wer Geld hat, sucht nach Immobilien. Warum nicht etwas in Prora wagen?

Rentner in kurzen Hosen

Vor Block zwei, ein Baucontainer. Hier verwandelt sich graues Mauerwerk in „Haus Aurum“, Teil der „Meersinfonie“. Urlauber zotteln über den Betonweg, alle naselang steckt einer den Kopf in die Baubude, bittet um einen Prospekt. Das Interesse ist groß. „Hier wird noch einiges passieren“, sagt Jochen Bekemeier. Er ist der Bauleiter, arbeitet für zwei Berliner Investoren. 48 Jahre alt, ein munterer Kerl, der den Trubel zu genießen scheint. Vor 18 Jahren zog es ihn von Minden in Westfalen nach Rügen – wegen des Segelns auf der Ostsee. Er fühlt sich wohl auf der Insel, die Prora-Ruine kennt er schon lange. „Ich weiß auch nicht, warum das so ewig gedauert hat. Aber jetzt wird hier alles entwickelt.“ Er guckt in seinen Computer: „28 Wohnungen sind schon weg, zwei Reservierungen. Und hier: eine verkauft, Rest reserviert. Bis 2015 wird dieser Block hier fertig sein.“

Sein Telefon klingelt, er geht ran, eine Frau lugt in die Baubude, greift sich einen Prospekt: „Besten Dank.“

„Ich hätte nie damit gerechnet, dass es so gut läuft“, erzählt Bekemeier. Er hastet in sein „Aurum“. Noch ist alles Rohbau, Treppen, Türen, Inneneinrichtung, alles muss noch gemacht werden. Treppe rauf. Oben ist eine Musterwohnung. „So soll das mal aussehen.“ Dunkler Holzboden, elegantes Bad, Wohnzimmer mit Meerblick, Balkon. „Schon nicht schlecht oder?“ Und die Preise? „Ab 100 000 aufwärts, je nach Größe. Ob Chemiemanager oder Leute, die ein bisschen was auf der Kante haben, es wird querbeet gekauft“, erzählt er. „Für’s Alter, als Geldanlage, die Leute wollen ihr Erspartes retten.“ Bekemeier, ein Schlacks, der an den Dortmunder Trainer Jürgen Klopp erinnert, bleibt auf der Treppe stehen und guckt sich die Ziegelwand an. „Die alte Bausubstanz? Da kann man nur den Hut ziehen. Eins A.“ Dann geht es wieder nach unten.

Draußen vor seiner Baubude vergnügte Rentner in kurzen Hosen. Sie amüsieren sich über die Namen, welche die neuen Wohnhäuser des alten KdF-Blocks einmal bekommen sollen: Aurum, Verando, Natura, Aqua, Flora, Harmonia, Aurora, Lido, Alando, Eufora. „Klingt ja wie „ne Automarke“, nörgelt einer. Aber auch er hält Prospekte in der Hand. Alle blicken auf den noch hohlen Bau. Schwalben sausen im Tiefflug über den Weg.

Ein paar hundert Meter weiter. Block drei. Auf dem Weg dorthin ab und zu skurriles Leben in der Langruine: eine kleine Töpferei, ein obskures NVA- und Motorradmuseum. Oben im Haus – es könnte aus einem Film von Detlef Buck stammen – ein Wiener Café mit „Schönbrunner Kaffeestüberl“ und „Grinzinger Weinlaube“. So urig wie ein Autobahnkreuz.

Schließlich Block drei, das Dokumentationszentrum. Grau, halb verfallen, notdürftig renoviert, marode Fenster, aber noch zu gebrauchen. „MACHT.Urlaub“, steht über dem Eingang und sagt alles. Ein Ort, der in Ausstellungen und Bildern, die Geschichte des Gebäudes erzählt. Ein Ort, der erzählt, was es mit Prora auf sich hat. Noch eine Stunde, dann beginnt ein Vortrag über Urlaubsgestaltung in Diktaturen.

„Ostsee-Uni“ am Strand

Jürgen Rostock leitet das Dokumentationszentrum. Er hat gerade einem Fernsehteam aus Chicago Prora erklärt. Ganz Prora gehört nun Investoren, auch der Teil mit dem Dokumentationszentrum. Rostock fürchtet seit langem, dass man ihn und seine Mitstreiter rauswirft. Er ist ein stiller und nachdenklicher Mann, der mit einiger Verwunderung beobachtet, was um ihn herum passiert. „Vielleicht ist das Ganze ja auch eine Blase, die demnächst platzt“, sagt er. „Wer weiß.“

Er erzählt und klingt dabei wie jemand, der mit seinem Projekt unverschuldet unter die Räder gekommen ist. Seit neun Jahren leitet er das Dokumentationszentrum, ein paar Mal wurde ihm schon vom Vermieter gekündigt. „Es gibt überhaupt keine Plan, was aus dem Gebäude werden soll“, sagt er. „Es gab nie einen tauglichen Plan.“ Nur Ideen, Vorstellungen über eine gemischte Nutzung, Studien. Rostock ist gegen einen „Monokultur“ aus Ferienwohnungen, Hotels und Läden. „Ich würde gerne das Museum ein wenig ausbauen. Dieses Gebäude ist doch einmalig in Deutschland.“

Aber nach Lage der Dinge wird das nichts. Auch das Land Mecklenburg-Vorpommern interessiert sich wenig für Prora. In Schwerin hält man Peenemünde, den Ort Wernher von Brauns und des NS-Raketenbaus, für spannender und wichtiger. „Uns hier lässt man am langen Arm verhungern“, sagt Jürgen Rostock. Das Land wolle nicht, der Bund auch nicht, hin und wieder gebe es Zuschüsse für Sonderausstellungen.

Nun zerren die Kräfte des Finanzmarktes am Gebäude. Jahrelang herrschte Totenstille, nun hat das Geld den maroden Klotz am Meer ins Auge gefasst. Alles ist in Investorenhand, nur in Block fünf, den der Landkreis Vorpommern vor Jahren für einen Euro vom Bund bekam, ist eine heute schicke Jugendherberge. „Ich würde hier keine Wohnung kaufen“, sagt Jürgen Rostock. Er ärgert sich darüber, dass der denkmalgeschützte Riesenbau nun mit Balkonen behängt wird. Dass der Bund Prora zu billig abgegeben hat und Investoren schon jetzt damit Reibach machten. Dass die ehemalige PDS-Landrätin von Rügen sein Dokumentationszentrum bekämpfte. Dass sein Werk wahrscheinlich den Bach runtergeht, sollte das Geschäft mit den Ferienwohnungen doch keine Blase werden und nicht irgendwann platzen.

Er kann es nicht ändern, er hat die Dinge nicht in der Hand.

Prora gehört zur Gemeinde Binz. Deren Bürgermeister Karsten Schneider träumte immer von einer Fachhochschule oder einer „Ostsee-Uni“ am Strand. Eigentlich wollte er alles bis auf einen Block abreißen und einebnen. Aber dafür hatte niemand Geld. Schneider ist skeptisch. Er hat auch nichts in der Hand. Er hat schon so viele Investoren, Geschäftemacher und Sprücheklopfer die Ruine entlang marschieren sehen und traut der jetzt entflammten Geschäftigkeit nicht wirklich. Viele Worte, null Taten. Schon zu oft verkaufte ein Investor seinen Block an den nächsten weiter. Man machte Mordsgeschäfte, aber am Gebäude änderte sich nichts.

Also wartet auch er ab, was passiert. Zu Jahresbeginn gab es noch ganz andere Gerüchte um den Klotz des Führers: arabische Großinvestoren, hieß es in Binz. „Wir hatten uns schon auf Kamelrennen am Strand eingestellt“, erzählt der Bürgermeister.

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