Dann war Ihre Arbeit an dem Fall schnell wieder beendet?
Nein, denn zurück in Washington baten ein Kollege und ich unseren Chef, den Fall weiter verfolgen zu dürfen. Wir glaubten schon, dass man die richtige Leiche hatte, aber der Druck, ein Ergebnis zu haben, war hoch gewesen, Fragen blieben offen. Das forensische Team hatte nur zwei Wochen gearbeitet, dann wurde verkündet: Es ist Mengele. Ohne DNA-Analyse, die gab es noch nicht. Aber wir fanden, wir waren es Mengeles Opfern und den Überlebenden schuldig, dass kein Zweifel blieb, dass er tot war.
Wie haben Sie schließlich Klarheit gewonnen?
Wir konnten zum Beispiel die Sache mit der Knochenentzündung klären. Es war bekannt, dass Mengele daran gelitten hatte, aber am Skelett ließ sich das nicht eindeutig feststellen - es hätte also Zweifel daran nähren können, dass es seine Leiche war. Ich nahm mir Dokumente vor, die in Brasilien im Haus eines Ehepaars gefunden worden waren, das mit Mengele befreundet war. Auch ein Manuskript war darunter. Er hatte begonnen, sein Leben in Romanform aufzuschreiben, über seine Kindheit, die Zeit nach dem Krieg. Über Auschwitz hatte er nicht geschrieben. Die Charaktere waren verschlüsselt, aber ich habe herausgefunden, um welche Personen es sich handelte. Einen habe ich getroffen, einen Freund Mengeles, der bei München lebte. Er konnte mir genau sagen, wo Mengele an der Entzündung litt, an der Hüfte nämlich, und das korrespondierte exakt mit Veränderungen am Skelett, die bisher nicht erklärt werden konnten.
Wie war es, Mengeles Lebensroman zu lesen?
Meinen Sie, ob es irgendwie unheimlich war? Ja, durchaus.
War es ein Einblick in seine Psyche?
Nicht wirklich. Ich habe seinen Sohn getroffen, seine Frau habe ich zwar nicht gesprochen, aber ein Telefonat einer Kollegin mit ihr mitgehört, ich habe seine gesamte private Korrespondenz gelesen - man könnte also meinen, dass ich ein Bild von ihm als Person habe, aber das ist nicht so.
Aber es entsteht doch unweigerlich ein Bild? Was haben Sie vor Augen, wenn Sie an Mengele denken?
Ich denke nicht an den Mann, sondern an seine Verbrechen.
Warum wurden manche Menschen im Nationalsozialismus zu Tätern, andere nicht? Haben Sie eine Antwort darauf gefunden?
Nein. Natürlich waren unter den Mördern jene, deren Motivation wohl krankhaft war, aber die meisten haben nur Wege gefunden, die schrecklichen Dinge, die sie getan haben, mit ihrem normalen Leben in Einklang zu bringen.
Wie ist die Bilanz Deutschlands im Umgang mit NS-Verbrechern?
Wenn man nur die Zahlen ansieht, ist das Ergebnis nicht sehr eindrucksvoll. Wenn ich mich recht erinnere, gab es etwa 100.000 Untersuchungen und rund 6500 Verurteilungen. Das deutsche Strafgesetz ist nicht die beste Waffe im Kampf gegen Verbrechen, die während des Nationalsozialismus verübt wurden. Wären vom Bundesgerichtshof andere Entscheidungen getroffen worden, könnte das Ergebnis besser aussehen. Aber die Rechtsprechung folgte der Annahme, dass Hitler, Himmler und Heydrich die Haupttäter waren, allen Angeklagten wurde über die Jahre üblicherweise nur Beihilfe zum Mord vorgeworfen. Das hat es schwer gemacht, Schuld zuzuschreiben. Die deutschen Juristen, mit denen ich sehr eng zusammengearbeitet habe, gaben jedoch ihr Bestes. Sie wollten Gerechtigkeit. Wenn ich Deutschland eine Note für den Umgang mit NS-Verbrechern geben müsste, wüsste ich nicht, welche. Jedes Land wäre mit dieser Aufgabe überfordert gewesen.
Interview: Petra Ahne
Schräge Kandidaten, internationale Musik: Das ist der Eurovision Song Contest in Baku. Wegen der politischen Zustände in Aserbaidschan wird er dieses Jahr heftiger Kritik begleitet. Mehr dazu im Spezial.
Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.
Werben auf dem iPad
Das iPad als Werbeform bietet besonders viele Möglichkeiten. Gerne beraten wir Sie persönlich.