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Nina Hagen als Vorleserin: Wunschpost an Jesus

Die Ex-Ufogläubige Nina Hagen reist zurzeit mit christlichen "Bekenntnissen" durch die Republik. Der messianische Eifer steht der Frischgetauften gut. Von Maurice Summen

Nina Hagen singt und liest in Berlin auf der Bühne im Astra Kulturhaus.
Nina Hagen singt und liest in Berlin auf der Bühne im Astra Kulturhaus.
Foto: dpa

Nina Hagen hat sich im August vergangenen Jahres im niedersächsischen Schüttdorf in einer evangelischen Gemeinde taufen lassen. Ihr Manager Klaus Aschenneller war ihr Taufzeuge. Ob er es auch war, der ihr zum Schreiben des autobiografischen Buches mit dem Titel "Bekenntnisse" geraten hat, wissen wir nicht. Hieraus liest die alte Punkrock-Diva jedenfalls auf einer kleinen Lesereise durch die Republik vor - nicht ganz ohne Musik freilich: Zwischendrin stimmt die Bekehrte ein paar ergreifende Folk-, Gospel- oder Blues-Songs an, wie jetzt im Astra Kulturhaus in Berlin-Friedrichshain zu erleben war.

Man kennt und schätzt Nina Hagen ja seit vielen Jahren als kosmische, polytheistische Punk- und Weltraum-Mutter mit einem Faible für all jene Dinge, die heute in Berlin an jeder Straßenlaterne beworben werden: Yoga, Esoterikkurse und Treffen von Außerirdischen. Frau Hagen war seit den Neunzigern eine Marke ganz eigner Art: eine wunderbar versponnene Crossculture-Avantgarde-Space-Spinnerin zwischen Shiva, Vivienne Westwood und Zarah Leander. Eine, die eben nie wirklich hundertprozentig einzuordnen war. Und nun steht sie in diesem Friedrichshainer Club und lässt verlauten, das es im tiefsten Inneren immer ausschließlich Jesus Christus war, der ihren ganzen Laden zusammen hält. Sie pocht darauf, dass sie trotz aller Experimente mit fernöstlichen Religionen im Herzen stets eine Christin gewesen sei.

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Zur Person

Nina Hagen, 55, war bereits in ihrer DDR-Jugend eine Unbotmäßige: 1967 wurde sie "unehrenhaft" aus der SED-Jugendorganisation FDJ entlassen, verließ die Schule vor der zehnten Klasse, machte stattdessen eine steile Karriere als Filmschauspielerin und Sängerin: "Du hast den Farbfilm vergessen" wird 1972 zu einem Hit - heute ein Evergreen.

In den Westen kam Hagen mit ihrer Mutter, nachdem Ziehvater Wolf Biermann 1976 ausgewiesen worden war. Die Musikkritik staunt: "Sie schmeißt sich in die Musik, aggressiv, direkt, furios, orgelt im schönsten Opern-Alt, flitzt mit Krakeel und Kieksern in gleißende Sopran-Höhen", jubelt ein Spiegel-Autor. Nach Auflösung ihrer Nina Hagen-Band pendelt sie zwischen New York, Indien und dem Rest der Welt, driftet ins Esoterische ab - es folgen Jobs wie die Moderation im britischen "Sci-fi-Channel".

Auf Lesereise mit ihrem Buch "Bekenntnisse" ist die Neu-Christin am 2.6. in Rheinsberg (Schlosstheater), am 4.6. in Neubrandenburg (HKB), am 5.6. in Schwerin (Capitol) und am 6.6. in Rostock (Stadthalle). (two)

Zwar ist sie Jesus persönlich nach eigenen Bekenntnissen bislang nur im Drogenrausch begegnet - etwa bei ihrem ersten LSD-Trip in der Kastanienallee in Berlin oder nach einem vierwöchigen Dauerkoksrausch in Amsterdam. Aber die Eindrücke sind auch heute für die 55-Jährige noch derart prägend, dass sie nun anscheinend den messianischen Eifer entwickelt hat, mit dieser Botschaft durch die Lande zu tingeln.

Nina Hagens Autobiografie liest sich jedenfalls so, als wäre Sigmund Freud höchst persönlich der Autor gewesen: Mutter Schauspielerin, Vater Autor und tablettenabhängig, dann Trennung der Eltern, dann Liedermacher als Stiefvater, dann erstes Kind (Cosma Shiva) mit heroinabhängigem niederländischem Rockgitarristen (der wenige Jahre nach der Geburt an einer Überdosis stirbt), und so fort.

Selbstverständlich spielt sich der ganze Wahnsinn dann auch noch in einem von Faschisten in die Katastrophe manövriertem, gespaltenen Land ab, dessen spätere Wiedervereinigung aus Nina Hagens Sicht einfach herbeigebetet wurde.

So wie sich auch ihre gesamte eigene Karriere aus ihrer Sicht nur noch durch kontinuierlichen Glauben und transzendentale Wunschpost an Jesus Christus erklären lässt.

Wenn Hagen da so sitzt auf der Bühne, hier und da berlinert und witzelt, merklich immer noch Probleme hat, über ihre egozentrische Mutter zu sprechen, und zwischendrin erzählt, wie sie einst Halt darin fand, dass etwa Heinrich Böll - als Freund ihres Stiefvaters Wolf Biermann regelmäßiger Hausbesucher - ihr eine Stange Roth-Händle-Zigaretten mitbrachte, dann ist er für einen Moment wieder spürbar, der herzliche Wahnsinn dieser kunterbunten Frau mit der unverkennbaren Knarz- und Kieks-Stimme. Damit hatte sie es früh zu Kultstatus bei der DDR-Jugend gebracht: Bereits Mitte der 70er - mit gerade mal 20 - hatte sie einige Hits, Auszeichnungen und Filmrollen vorzuweisen - nach dem Wechsel in den Westen, dem vom Regime ausgewiesenen Ziehvater Biermann folgend, schaffte sie hier aber nie den ganz großen Durchbruch. Ihr Mix aus Operette, Pop, New Wave und Zappa-Rock war schon immer eine Spur zu gaga für die Scorpions- und Bohlen-Massen.

So hob Nina Hagen ab, in internationale Künstlerkreise, dann in kosmische Gefilde. Apropos: Über Lady Gaga sagte Nina Hagen neulich in einer österreichischen Talkshow, die neue Popkönigin sei eine "satanische Schlampe mit faschistischen und dämonisch-angehauchten Geheimzeichen!" Ach, wie schön, dass sie auch als Jesusfreak wenigstens das Dissen - um hier mal im jugendlichen Hip-Hop-Jargon zu sprechen - nicht verlernt hat.

Ihre Interpretationen von Songs wie "We Shall Overcome" oder "Spirit in the Sky" lassen an diesem Abend jedenfalls weitaus mehr von ihrer Gemütsverfassung spüren, als uns Nina Hagen zu erzählen vermag. Zwischen den Songs und der Lesung wirkt sie dann einfach nur noch erschöpft.

Bald soll ein neues Album mit dem Titel "Personal Jesus" bei ihrer neuen Plattenfirma erscheinen. Für einen Musiker sind die Charts der Himmel auf Erden. Vielleicht kann sie dort ja demnächst mal wieder einen erholsamen Urlaub machen. Der neue Hagen-Blues jedenfalls hat Johnny-Cash-Qualitäten. Jetzt fehlt ihr nur noch jemand wie Rick Rubin: ein Produzentengott.

Autor:  Maurice Summen
Datum:  25 | 5 | 2010
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