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04. Januar 2013

Noahs Erben: Leben auf See

 Von Alice Ahlers
Noah hätte seine Freude daran gehabt: „Die Arche“ soll sich auf dem Meer komplett selbst versorgen. Dafür ist sie mit Windkraftanlagen, Solarzellen und Wärmepumpen ausgestattet. Für die Außenhülle sieht Architekt Alexander Remizov nicht Glas, sondern eine leichtere, selbstreinigende Hightech-Folie vor. Foto: Alexander Remizov, Waterstudio Netherlands

Der Meeresspiegel steigt schneller als gedacht, zeigen neue Studien. Damit wird das Leben an der Küste zunehmend gefährlich. Architekten wollen mit modernen Archen Land gewinnen.

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Ein Haus am Meer? Nein, danke. Wer es sich früher leisten konnte, hielt sich vom Wasser fern. Perikles regierte hoch oben auf der Akropolis, der Papst auf dem vatikanischen Hügel, der König von Spanien in Madrid, weit weg von der Küste. Die einfachen Leute hatten keine Wahl. Sie zogen ans Meer, damit es sie versorgte. Heute wohnen die Reiche n und Mächtigen in Monaco, Dubai oder auf einer Insel namens Manhattan. Das Meer liegt direkt vor der Tür. 75 Prozent aller Metropolen der Welt befinden sich in Küstennähe. Nirgendwo wächst die Bevölkerung so stark wie hier. Leben am Meer ist ein moderner Menschheitstraum.

Doch mit dem Anstieg des Meeresspiegels wird das Leben an der Küste zunehmend gefährlich. In New York hat das der Wirbelsturm „Sandy“ gezeigt. Ein Drittel der Einwohner hatte mehrere Tage keinen Strom, U-Bahn-Tunnel soffen ab, Wassermassen rissen Telefonkabel mit sich. „Eine Sturmflut, die bisher alle 100 Jahre auftrat, könnte in Zukunft alle drei Jahre vorkommen“, sagt Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Laut einer neuen Studie, die die Forscher kürzlich veröffentlicht haben, ist der Meeresspiegel um 60 Prozent schneller gestiegen als vom Weltklimarat vorhergesagt. Ein Hurrikan wie „Sandy“ treibt das Wasser vor sich her und baut es zu einem hohen Wellenberg auf. Ist das Meer aber ohnehin schon höher, haben bereits leichtere Unwetter ähnliche Folgen wie „Sandy“.

Der Meeresspiegel steigt, darin stimmen Klimaforscher aus aller Welt überein. Uneinigkeit herrscht nur über das Ausmaß. Die Prognosen liegen zwischen 30 Zentimetern und 2 Metern in den kommenden 100 Jahren. Schuld daran ist zum einen die globale Erwärmung. Steigen die Temperaturen, dehnt sich das Meerwasser aus. „Je wärmer es wird, desto mehr wird auch der Meeresspiegel steigen“, sagt Levermann. Zum anderen erhöhen abschmelzende Gletscher und Eisschilde den Pegel. „Die Entwicklung in Grönland und der Antarktis zu erfassen, ist nicht so leicht“, sagt der Forscher. Wie das Eis genau reagieren wird, ist in den Berechnungen der Klimaforscher noch ein Unsicherheits-Faktor.

Erster schwimmender Apartment-Komplex Europas

In Europa wird der Anstieg des Meeresspiegels vor allem die Niederländer treffen. Ihre Heimat ist eine große Wanne. Ein Viertel des Landes liegt unter Normalnull. Seit Generationen trotzen sie den Fluten – mit unzähligen Deichen, Kanälen, mächtigen Staudämmen, Pumpen und Schleusen. Tausende Menschen arbeiten täglich daran, das Land trocken zu halten. Doch manche von ihnen wollen diesem alten Ringen jetzt eine andere Richtung geben. „Wir können nicht länger gegen das Wasser kämpfen“, sagt der Architekt Koen Olthuis, „wir müssen uns mit der Natur verbünden.“

Der Niederländer ist mit seinen Entwürfen von Wohnstätten auf dem Wasser berühmt geworden – dazu gehört auch der erste schwimmende Apartment-Komplex Europas. Südlich von Den Haag wird er gebaut. Bisher lag hier ein Polder, ein Gebiet das künstlich trocken gehalten wurde, um Land zu gewinnen. Jetzt werden die Pumpen gestoppt, die Fläche wieder überschwemmt. Bis 2019 soll eine schwimmende Siedlung mit 600 Wohnhäusern entstehen – als Erstes ein dreistöckiger Apartment-Komplex: „Die Zitadelle“. Die Häuser stehen auf einer Art Scholle aus Beton und Styropor. Für Olthuis ein Modell der Zukunft, das er mit Smartphone-Apps vergleicht. „Die schwimmende Architektur wird dynamisch sein, sodass man einfach einen ganzen Stadtteil wegschleppen kann.“

Selbst ein Stadion für die Olympischen Spiele kann er sich als eine solche City-App vorstellen. „Es könnte zu jedem Land gebracht werden, das diese ausrichtet, ohne dass immer wieder ein neues gebaut werden müsste, das nach den Spielen leersteht.“ In Maasbommel, im Landesinnern der Niederlande, stehen in einem Seitenarm der Maas außerdem die ersten Amphibienhäuser. Sie sind so gebaut, dass sie mit dem Wasserpegel auf- und absteigen.

Die treibenden Lifestyle-Immobilien sind vor allem für diejenigen konzipiert, die sich so etwas leisten können. Vom Anstieg des Meeresspiegels sind aber vor allem Dritte-Welt-Länder bedroht – allen voran Bangladesch, Indien und Vietnam, wo besonders viele arme Menschen in niedrig gelegenen Küstenregionen leben. Gerade in Flussdeltas ist die Bevölkerungsdichte besonders hoch, denn da, wo es viel Wasser gibt, ist das Land fruchtbar. Selbst wenn diese Länder ausreichend Geld hätten, wäre es schwierig, hier stabile Dämme zu bauen. Deiche würden im weichen Untergrund einfach absacken.

Keine Rücksicht auf Korallen

Koen Olthuis arbeitet auch mit der Regierung der Malediven zusammen. Für die etwa 300.000 Bewohner des Inselstaates ist der Untergang nur eine Frage der Zeit. Die meisten der Eilande ragen nicht höher als einen Meter aus dem Wasser. Stimmen die Hochrechnungen der Forscher, werden etliche der fast 2000 Inseln in den nächsten 100 Jahren unbewohnbar sein. Olthuis soll ihnen eine Rettungsinsel bauen, ein neues Zuhause in der gewohnten Umgebung. Die künstliche Insel soll direkt gegenüber der derzeitigen Hauptstadt Malé liegen.

Das ist allerdings nur der zweite Schritt. Erst kommen die Touristen dran. Hunderttausende sind es derzeit noch, die sich jedes Jahr an den weißen Stränden im Indischen Ozean sonnen. Unter anderem ist ein schwimmender Golfplatz geplant. Drei Inseln sind in den Entwürfen über Unterwassertunnel miteinander verbunden. Auf einer blumenförmigen Inselkette namens „Ocean Flower“ gibt es 185 luxuriöse Privatvillen. Dazu kommt „Greenstar“, ein sternförmiges Kongresshotel mit 800 Zimmern und Anlegestellen für Jachten. Die Inseln werden wie Ölplattformen mit Stahlseilen am Meeresgrund verankert. Das Wasser fließt darunter weiter. Atolle – die typischen ringförmige Korallenriffe im Ozean – schützen die neuen Welten vor der Kraft der Wellen. Davon geht Olthuis aus.

Dubai hat auf Korallen keine Rücksicht genommen. Die Stadt hat ihr Gebiet durch künstliche Inseln wie „The Palm“ erweitert. Bagger und Pumpen haben 200 Millionen Kubikmeter Sand und Steine aufgeschüttet. An Nachhaltigkeit haben die Planer weniger gedacht. Was von oben aus der Luft aussieht wie eine Palme, ist von unten gesehen eine Umweltsünde. Etliche Korallenriffe sind von den Sandmassen einfach plattgemacht worden. Sie sind aber nicht nur für das Ökosystem wichtig, sondern wirken auch wie natürliche Wellenbrecher. Die künstlichen Inseln haben die Strömungen verändert und den Wasseraustausch gestört, Algen wachsen schneller, das Wasser in den Buchten ist trüb, denn es steht. Damit das Meer die Inselwelt nicht abträgt, wuchten die Bauherren riesige Betonklötze an, um die Außenlinien zu befestigen.

Auch in Deutschland wird noch einiges heranzuschleppen sein. Wenn der Meeresspiegel bis zum Jahr 2100 um einen Meter steigt, sind die Deiche an vielen Stellen nicht mehr stabil genug. Man muss sie erhöhen und verstärken. „Die Küstenschutzbehörden der norddeutschen Länder halten das auch für möglich“, sagt Horst Sterr, Professor für Küstengeografie und Klimafolgenforschung an der Universität Kiel. Die Verteidigung gegen das Wasser wird allerdings viele Millionen Euro kosten. An der Nordsee ist das Land sehr flach, es gibt aber durchgehende Deiche. An der Ostsee ist die Lage komplizierter. Die Landschaft ist hügeliger, da sie von den Gletschern der letzten Eiszeit geprägt ist. Inseln wie Rügen mit seiner Steilküste ragen weit höher aus dem Wasser als die Nordseeinseln. „An der Ostsee gibt es zwar weniger Sturmfluten, aber auch nicht so viele Deiche“, sagt Sterr. „Bei einem höheren Meeresspiegel werden vor allem relativ ungeschützte Städte wie Kiel, Lübeck, Flensburg und Rostock Probleme bekommen.“

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