Können Sie sich noch an den Skandal wegen der giftigen Ölplattform Brent Spar erinnern? Als der Shell-Konzern 1995 die Bohrinsel im Meer versenken wollte, hat Greenpeace den Konzern wegen dessen Umgang mit diesem angeblich verseuchten Stahlmonstrum öffentlich angeklagt.
Die Plattform war aber gar nicht so giftig. Das wusste Shell auch. Aber ebenso wusste der Konzern, dass die Öffentlichkeit lieber einem Umweltkonzern als einem Öl-Multi glaubt, und entschloss sich daher zu einem Schuldeingeständnis und zur 60 Millionen Euro teuren Entsorgung an Land. Hätte man sie im Nordatlantik versenkt, wäre sie ein wertvoller Lebensraum für Meerestiere geworden. Greenpeace hat also einen Öl-Konzern dazu gezwungen, einen achtstelligen Euro-Betrag für die Zerstörung eines Korallenriffs auszugeben.
Aber so läuft das PR-Geschäft. Im Zweifelsfall ist uns der reuige Sünder lieber als die banale Wahrheit. Wir alle sind in den Gedanken vernarrt, uns durch Buße von Schuld freikaufen zu können. Auch wenn es noch so absurd ist. Als beispielsweise herauskam, dass der Golfprofi Tiger Woods bei seinen Turnieren nicht nur Bälle eingelocht hat, war die amerikanische Öffentlichkeit entsetzt. Woods trat tränenreich vor die Kamera und entschuldigte sich moralisch korrekt bei seiner Frau und bei seinem Hauptsponsor. Deswegen auch der Begriff „Doppelmoral“.
In Wahrheit kommt die Sache mit der Moral immer dann ins Spiel, wenn einem die Argumente ausgehen. PR-Profis stört das nicht. „Moral und Ethik “, sagen sie, „liegen nun mal im Trend.“ Ohne zu realisieren, dass beide Begriffe gegensätzliche Werte darstellen. Moral ist, wenn man Sadisten und Masochisten für pervers hält. Ethik ist, wenn man ein Treffen zwischen beiden organisiert.
Statistisch gesehen gehen übrigens drei Prozent aller Männer regelmäßig zu einer Domina und lassen sich für 250 Euro eine Stunde lang demütigen. Die Kundenhotline der Deutschen Telekom ist da deutlich günstiger. Der Masochist unterwirft sich bestimmten Regeln, gibt bewusst seine Freiheit auf und empfindet dabei Vergnügen. Ein Prinzip, auf dem auch die Ehe basiert. Mit einem Unterschied: Wenn man da auseinandergeht, ist das Ganze wesentlich teurer. Ein Bekannter von mir ließ sich scheiden und musste insgesamt 300000 Euro abdrücken. Für das Geld hätte er sich bei einer Domina 12 Jahre lang den Hintern versohlen lassen können.
Diese Neigungen könnten intelligente PR-Abteilungen eigentlich nutzen. Denn unsere Gesellschaft sucht ja ständig Prügelknaben. Um bei der Öl-Branche zu bleiben: Nach dem Desaster im Golf von Mexiko lieferte der BP-Konzern nach quälend langen Wochen endlich seinen Boss Tony Hayward medienwirksam ans Messer. Dabei wäre es doch viel besser gewesen, hätten die PR-Menschen von BP einen Kunden im Domina-Studio aufgesucht, ihm 1000 Euro in die Hand gedrückt und ihn dann in einer großen Pressekonferenz der Öffentlichkeit vorgestellt: „Das ist der Herr Müller, der hat die Ölpest verursacht.“ BP hätte ein Problem weniger und der Herr Müller wäre glücklich gewesen wie nie zuvor.
Schräge Kandidaten, internationale Musik: Das ist der Eurovision Song Contest in Baku. Wegen der politischen Zustände in Aserbaidschan wird er dieses Jahr heftiger Kritik begleitet. Mehr dazu im Spezial.
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