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Ölpest: Endlose Schlammschlacht

Verzweiflung macht sich breit im Golf von Mexiko. Auch "Top Kill" kann das Öl nicht stoppen. Experten sind ratlos. Hat BP seit Monaten von Mängeln gewusst? Von Dietmar Ostermann

Das Öl bemächtigt sich der Küste des US-Bundesstaats Louisiana.
Das Öl bemächtigt sich der Küste des US-Bundesstaats Louisiana.
Foto: rtr

Verzweiflung macht sich breit angesichts der Öl-Katastrophe im Golf von Mexiko - bei den Menschen an der Küste des US-Bundesstaats Louisiana ohnehin, bei US-Präsident Barack Obama und nun auch deutlicher, als sie es bislang gezeigt haben, bei den Managern des britischen Ölkonzerns BP.

"Top Kill", das Schlammkanonen-Dauerfeuer mit dem martialischen Namen, ist gescheitert - und als wäre diese weitere Niederlage für BP nicht schon genug der Schmach, erhebt die New York Times schwere Vorwürfe. BP-Ingenieure hätten schon vor Monaten ihre Konzernleitung auf Sicherheitsmängel auf der Bohrinsel Deepwater Horizon aufmerksam gemacht, schreibt die Zeitung in ihrer Wochenendausgabe (siehe großen Kasten).

Nächster Versuch
Dokumente belasten BP

Eine neue Auffangvorrichtung über dem Bohrloch - das ist nun der Plan der BP-Ingenieure, um das ausströmende Öl, zumindest einen möglichst großen Teil davon, abzupumpen.

Zwei frühere Versuche waren gefloppt. Man habe daraus gelernt, teilt BP mit. Die neue Auffangglocke sei ihrem Zweck gemäß besser designt als die alte. (ost)

Der britische Ölriese BP hatte offenbar schon Monate vor der Explosion der Ölplattform "Deepwater Horizon" im Golf von Mexiko Sorge um die Sicherheit der Bohrinsel - und setzte sich nach einem Medienbericht dennoch über konzerneigene Bestimmungen hinweg.

Die New York Times berichtete am Samstagabend unter Berufung auf interne Dokumente des Unternehmens von Bedenken, die BP-Ingenieure am 22. Juni 2009 geäußert hätten: Eine Metallverschalung, die der Konzern am Bohrloch zum Einsatz bringen wollte, könne unter Druck kollabieren.

Die wäre der "schlimmste anzunehmende Fall", wird ein Ingenieur des Ölkonzerns in dem BP-Bericht zitiert.

BP habe dennoch an der Verwendung der Verschalung festgehalten und sich dafür eine spezielle Erlaubnis von Verantwortlichen des Konzerns eingeholt, berichtet die New York Times.

Diese Genehmigung sei erforderlich geworden, weil die Sicherheitsbestimmungen, die sich das Unternehmen auferlegt hat, verletzt worden seien. (afp)

BP-Manager Suttles hat schlechte Nachrichten.
BP-Manager Suttles hat schlechte Nachrichten.
Foto: afp

Wie wohl Billy Nungesser, der Landrat von Plaquemines Parish im US-Bundesstaat Louisiana, auf diese Meldung reagiert hat? Am Samstag erfuhr er von der Pleite der Aktion "Top Kill" just, als er bei einem Fischfest auf die Bühne springen wollte. "Meine Knie wurden schwach", sagte Nungesser später, "ich konnte es den Leuten nicht sagen."

Keine andere Küstenregion am Golf von Mexiko hat die Ölpest bislang so hart getroffen wie Plaquemines Parish. Nun droht den Menschen im Marschland an der Mississippi-Mündung ein Schrecken ohne Ende: Das Öl, das seit der Explosion der Bohrinsel am 20. April rund 70 Kilometer vor der US-Küste in 1500 Metern Tiefe aus dem undichten BP-Bohrkopf strömt, könnte noch Wochen, wenn nicht Monate weiter sprudeln.

Seit Mittwoche war versucht worden, das austretende Öl mittels einer Schlammkanone zu stoppen, unter hohem Druck feuerte sie ein spezielles Sand-Wasser-Gemisch in den defekten Bohrstutzen.

BP-Manager Doug Suttles überbrachte in der Nacht zu Sonntag vor laufenden Kameras zerknirscht die Hiobsbotschaft: "Wir waren nicht in der Lage, den Ölfluss zu stoppen." Der britische Ölkonzern brach die Schlammschlacht resigniert ab.

Schon Stunden vor dem dramatischen Eingeständnis hatte sich auf Live-Videobildern vom Meeresboden die unaufhörlich aus dem Bohrloch quellende Wolke wieder dunkel eingefärbt. Heller Schlamm hatte in den Tagen zuvor für die Hoffnung auf ein Ende der Ölpest gestanden.

Drei Tage lang habe man mehr als 30 000 Barrel - knapp fünf Millionen Liter - Spezialschlamm in das Bohrloch gepumpt, berichtete Suttles. Doch die Rechnung, damit das ausströmende Öl förmlich von oben zu erdrücken, ging nicht auf. Auch mehrere Versuche, allerlei Unrat wie geschredderte Gummiteile, Kabel oder Golfbälle in das Rohr zu schießen, um so das Bohrloch zu verstopfen, scheiterten.

Nun will BP zur nächsten Option übergehen. Suttles betonte, diese Entscheidung sei gemeinsam mit der US-Regierung und einem von dem Ölkonzern einbestellten Expertenrat getroffen worden.

Vergeblich hatte BP für "Top Kill" den gesamten Sachverstand der Fachwelt zusammengeholt. Auch das ist nun klar: Nicht nur der britische Ölmulti weiß nicht, wie ein außer Kontrolle geratenes Bohrloch in diesen Tiefen zu stopfen ist. Konkurrenten wie Exxon und Chevron oder ihre Kollegen aus Europa haben auch keinen Plan.

Dabei hatte etwa Pat Campbell, ein Veteran im Bohrlochstopfen, noch vor dem "Top Kill"-Versuch getönt: "Klar kriegen wir das Loch dicht. Ich berühre es, ich sage dem Loch, dass es tot ist. Das Loch weiß es nur noch nicht." Campbell war unter anderem dabei, als die von den Irakern im Golfkrieg 1991 angezündeten kuwaitischen Ölquellen gelöscht wurden.

Warum der "Top Kill" scheiterte, konnte BP-Manager Suttles nicht erklären. Sicher ist nur, dass praktisch keine Aussicht mehr besteht, das Bohrloch kurzfristig zu versiegeln.

Erst voraussichtlich im August sollen zwei Entlastungsbohrungen in großer Tiefe das lecke Rohr erreichen. Laut Suttles gehen die Arbeiten hierbei zwar zügiger als erwartet voran.

Knapp 4000 Meter Meeresgestein müssen durchstoßen werden, rund die Hälfte habe man geschafft. Doch je tiefer die Bohrungen vordringen, desto langsamer geht es voran. Am Ende müssen die Entlastungsbohrungen punktgenau das defekte Altrohr treffen.

Vorerst aber will BP mit einer Auffangvorrichtung versuchen, das aussströmende Öl abzupumpen (siehe kleinen Kasten). Dazu soll zunächst das am Bohrkopf abgeknickte und lecke Steigrohr durchgesägt werden. Über die Öffnung soll sodann eine Schelle gestülpt werden, möglichst dicht anliegend.

Durch ein neues Steigrohr will BP anschließend das austretende Öl an die Meeresoberfläche auf ein Tankschiff pumpen. Die Arbeiten könnten vier bis sieben Tage dauern, erklärte Suttles.

Die Erfolgsaussichten wollte der BP-Mann nicht bewerten, eine Garantie gebe es nicht. Offensichtlich zieht man bei BP nun die Lehren aus den vergangenen Tagen. Die Chancen der jetzt gescheiterten "Top Kill"-Methode hatte Konzernchef Tony Hayward vorige Woche noch mit 60 bis 70 Prozent veranschlagt.

Der neue Abschöpfversuch ist nicht unumstritten. Wird das defekte Steigrohr durchgesägt, könnte zunächst sogar noch mehr Öl in den Golf von Mexiko strömen.

Auch in einer Erklärung von Präsident Barack Obama hieß es, der neue Ansatz berge Risiken. Ähnliches sei in diesen Tiefen nie versucht worden. Deshalb habe man zunächst andere Lösungen angestrebt.

Die Verkündung der schlechten Nachricht hatte Obama am späten Samstag BP und Küstenwachenadmiralin Mary Landry überlassen, einer eher drittrangigen Beamtin im Katastrophenteam. Der Präsident selbst wollte nach einem Besuch an der Golfküste am Freitag das Feiertagswochenende um den "Memorial Day" mit seiner Familie in seiner Heimatstadt Chicago verbringen. Schriftlich ließ er mitteilen, die entstandene Lage mache wütend und sei herzzerreißend.

Ob das Trost genug ist für die Menschen an der US-Golfküste, darf bezweifelt werden. Dort hatte man gehofft und gebetet, dass nach mehr als fünf Wochen zumindest endlich die Quelle der größten Ölpest der US-Geschichte versiegt. Der Louisiana-Abgeordnete Charlie Melancon, der vorige Woche eine Rede im Kongress unter Tränen abbrach, sagte zur neuen Hiobsbotschaft im US-TV: "Mein Herz ist gebrochen."

Und Billy Nungesser forderte energisch, nun müsse endlich vor der Küste jener Schutzwall errichtet werden, den Louisiana seit langem fordert: "Nicht nächste Woche, heute Nacht, Mr. President und BP!"

Autor:  Dietmar Ostermann
Datum:  30 | 5 | 2010
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