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Ölpest in den USA: Im Bann der schwarzen Pest

Der Ölteppich vor der amerikanische Küste ist auf fast 10.000 Quadratkilometer gewachsen. Die Fischer von Venice blicken hilflos und verzweifelt auf die Zerstörung ihrer Küste. Von Dietmar Ostermann

Aufblasbare Barrieren können die Ölflut nicht stoppen.
Aufblasbare Barrieren können die Ölflut nicht stoppen.
Foto: afp

Venice. Ivan Halvorson lässt die Beine vom Deck baumeln und spuckt ins trübe Wasser. Der "Grinder", ein kleiner Krabbenkutter, liegt fest vertäut im Hafen von Venice. Venedig klingt nach Adria und Amaretto, doch der Namensvetter an der Mündung des Mississippi ist kein Ort für romantische Wochenenden. In dem rauen Vorposten am Golf von Mexiko, zwei Autostunden südlich von New Orleans, trotzen Fischer und Ölarbeiter seit Generationen den Elementen. Was immer der Mensch der Natur hier abringt, wird vom nächsten Sturm gerächt. Das Meer gibt, das Meer nimmt. So war es immer.

Hinter der Hafenstraße liegt im flachen Brackwasser das bizarr geborstene Gerippe eines Hauses. Hurrikan Katrina hatte es vor fünf Jahren wie eine Streichholzschachtel durch die Luft gewirbelt. Venice wurde damals fast völlig zerstört. Niemand hat die Trümmer beseitigt. Das Meer nimmt, der Mensch bleibt.

Frühes Opfer: Ein geretteter Basstölpel.
Frühes Opfer: Ein geretteter Basstölpel.
Foto: afp

Es sind Typen wie Ivan Halvorson jedenfalls, der mit seinen kräftigen, tätowierten Armen im zerschlissenen Hemd und dem rotblonden Vollbart aussieht, als wäre er einem Roman von Jack London entstiegen. Vor zwei Wochen kam Halvorson mit dem "Grinder" aus Alabama nach Venice, um wie jedes Frühjahr im Mississippi-Delta Krabben zu fangen. "Im Mai ist hier Hochsaison", sagt er. Bis Ende Juni ziehen die Krabbenfischer braune Garnelen aus dem Mississippi-Delta, im Sommer dann die weißen. Diesmal aber ist die Saison vielleicht schon vorbei, bevor sie richtig begonnen hat.

Der Grund dafür schwappt seit Tagen nur ein paar Kilometer entfernt als rostrote Schwaden im Golf von Mexiko. Das Öl, das nach dem Unglück auf der vom britischen BP-Konzern betriebenen Plattform "Deepwater Horizon" am 20. April rund 60 Kilometer entfernt unkontrolliert aus dem Meeresboden sprudelt, hat hier im Hafen von Venice das Leben zum Stillstand gebracht. "Vielleicht", sagt Ivan Halvorson, "war das heute unsere letzte Fahrt." Östlich der Mississippi-Mündung sind die Fisch- und Krabbengründe schon gesperrt. Der Wind treibt das Öl unerbittlich auf Louisianas sensibles Marschland zu. Die Breton-Inseln, ein Vogelschutzgebiet, hat der schmierige Film bereits erreicht. Aufblasbare Barrieren sollten das Schlimmste verhindert.

Der Untergang der Bohrinsel

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Für Halvorson und die Menschen von Venice gehören Katastrophen zum Leben. Er liebt sogar das Abenteuer. Nach Hurrikan Katrina zog der Seewolf oben in New Orleans in den Fluten gefangene Städter aus dem Giftwasser. Nach dem Tsunami in Südasien fuhr er um die halbe Welt, um für eine Hilfsorganisation mit Spürhunden nach Leichen zu suchen. Wie man den Naturgewalten trotzt, hat er auf See gelernt. Jetzt aber wirft der bullige Kerl hilflos die Arme in die Luft. Das Öl ist ein hinterhältiger Feind. "Ein Orkan zieht vorbei, das hier bleibt."

Wenn es so schlimm kommt, wie viele fürchten, wird das Öl das Leben im Mississippi-Delta vielleicht für immer verändern. Die reichen Fischgründe könnten verschwinden, die Bodenerosion sich gefährlich beschleunigen. Schon jetzt verliert das Marschland alle zehn Monate die Fläche Manhattans ans Meer, jede Stunde ein Fußballfeld. Seit der Mississippi nach der großen Flut von 1927 eingedeicht wurde, lagern sich keine Sedimente mehr in den Seitenarmen ab. Das Land versinkt im Wasser.

Nimmt die Vegetation Schaden, könnte das nach Hurrikan Katrina beschleunigte Milliarden-Projekt zur Rettung der Marschgebiete einen schweren Rückschlag erleiden. Wie aber ließen sich Schilf und Ufergräser in einer der größten Feuchtlandschaften der USA säubern? "Wenn das Öl die Buchten erreicht", schimpft Halvorson, "kannst du einfach nichts mehr machen."

Ein paar Kilometer weiter, in der Schulturnhalle im Nachbardorf, sitzen gut 400 Fischer und hören mit grimmigen Blicken einem Mann zu, der ihnen erklärt, wie sie mit ihren Booten womöglich schon bald wieder auslaufen können. Nicht zum Krabbenfang, sondern im Kampf gegen das Öl. BP bietet Jobs, beim Auslegen der Barrieren, später wohl auch bei der Räumung des Öls. Verträge sollen verteilt werden, wer unterschreibt, kann mit seinem Boot bis zu 2000 Dollar am Tag verdienen. Doch es fehlt an Kopien. Offenbar hat niemand mit einem solchen Andrang gerechnet. Der vom Ölmulti angeheuerte Krisenexperte Vince Mitchell war schon in Alaska dabei, nachdem der Öltanker Exxon Valdez 1989 zerschellte.

"Für mich ist das typisch", sagt ein Mann, "wir sitzen hier seit Stunden und warten auf Kopien. Das ist wie eure ganze Reaktion: zu wenig, zu spät." Ein anderer beschwert sich, dass man die Verträge gleich unterschreiben soll. Auch garantiere BP keine Arbeit. Der Konzern wolle die Boote nach Bedarf abrufen. Die Fischer aber müssten ihre Familien ernähren. Niemand werde gezwungen, entgegnet Vince Mitchell: "Aber wenn ihr nicht unterschreibt, habt ihr garantiert keine Arbeit."

Rhonda Moreau und ihr Mann Berlin wollen trotzdem nicht. Die energische Frau ist zu wütend. BP habe die Lebensgrundlage der Fischer zerstört, meint sie. "Katrina konnten wir überstehen, das hier vielleicht nicht." Der Hurrikan hatte ihr Haus zerstört, viereinhalb Jahre hausten sie in einem Wohnwagen der Katastrophenschutzbehörde. Nun ist das neue Haus fertig. "Wir leben vom Wasser", sagt sie, "BP vergiftet es." Seit in den 1930er Jahren die Ölförderung im Golf von Mexiko im großen Stil begann, ist die Petrolindustrie das zweite Standbein im Küstenstreifen von Louisiana. Knapp ein Viertel des US-Erdgases wird hier gefördert, rund ein Sechstel des heimischen Öls. Viele Fischer haben bei Big Oil gearbeitet. Das Nebeneinander aber war nicht immer spannungsfrei. Kanäle zwischen den Fördertürmen haben das Mississippi-Delta zerfurcht, rund 16.000 Kilometer Pipeline liegen unter dem Wasser. "Das hat die Erosion beschleunigt", sagt Jim Boyd, ein pensionierter Fischer, "sie haben die Profite eingesteckt, aber die Schäden nie beseitigt." Immer wieder gab es Unfälle, etwa mit Öltankern.

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Autor:  Dietmar Ostermann
Datum:  3 | 5 | 2010
Seiten:  1 2
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