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Ölpest: Meuterei aus Frust und Verzweiflung

Für die Menschen von Grand Isle ist Bonano jetzt ein Held. "Er ist der Einzige, der die Ärmel hochkrempelt und Verantwortung übernimmt", sagt Joel Bradberry. Doch draußen auf der Barataria Bay kämpfen die Helfer längst einen aussichtslosen Kampf.

Dutzende Garnelenfischer kreuzen in dem verzweigten Gewässer mit ihren kleinen Kuttern, die mit ihren weit gespannten Fangarmen aussehen wie bizarre Wasserspinnen. Statt Schleppnetzen ziehen sie Kunststoffwürste hinter sich her, die das Öl wie ein Schwamm aufsaugen sollen. Das aber ist, als wollte man mit einem Scheuerlappen die Frankfurter Innenstadt aufwischen. Dreißig, vierzig Meter, mehr messen die Ölschwämme nicht. Auf der "Azmania", einem Shrimpkutter, zieht die Crew gerade eine der Kunststoffwürste an Bord und steckt sie in einen Plastiksack. Dunkles Öl bleibt an den Schutzanzügen kleben. "Manchmal müssen sie die Schwämme schon nach zwei Minuten wieder auswechseln", erzählt Kelly Besson auf seinem Patrouillenboot.

Die Folgen der Ölkatastrophe bekommt er längst selbst zu spüren. Auf Grand Isle vermietet der Feuerwehrmann ein kleines Boot, das Mississippi-Delta gilt unter Sportfischern in den USA als Eldorado. Normalerweise ist er auf Monate ausgebucht. Alle Kunden aber haben ihre Reservierungen storniert, inzwischen ist Fischfang rings um Grand Isle verboten. "Das Geld wird uns fehlen", sagt Besson.

Auch bei Josie Cheramie im Tourismusbüro des kleinen Küstenortes klingelt das Telefon jetzt meist nur noch aus unerfreulichen Gründen. "Wir leben vom Fischfang und Tourismus", sagt sie achselzuckend, "jetzt kommt die Urlaubssaison und wir haben fast 100 Prozent Absagen." Der Blick geht auf Bohrinseln im Golf, doch Grand Isle hat einen der wenigen feinen Sandstrände im Mississippi-Delta, zwei Autostunden südlich von New Orleans. Die Städter genießen hier gern die kühle Meeresbrise. Jetzt aber ist der Strand gesperrt. Braune Ölklumpen liegen im weißen Sand, als hätte jemand eimerweise Kieselsteine ausgekippt. "Wenn du das heute sauber machst, ist morgen wieder alles voll Öl", sagt Josie Cheramie ratlos, "solange sie das Bohrloch nicht abdichten, ist einfach kein Ende der Ölpest in Sicht."

Dean Blanchard, ein harter Mann im speckigen Muskelshirt, sitzt mit hängenden Schultern und feuchten Augen in seinem Büro und starrt auf die Tischplatte. Vor kurzem war er noch einer der größten Garnelenhändler im Land. 700 Fischer lieferten ihre Beute bei ihm ab. Seine Kunden sitzen in New York und San Francisco. Seine Ware landete in den Pfannen und auf den Tellern der besten Restaurants. In Grand Isle haben sie eine Straße nach ihm benannt.

Jetzt sind die Kühlhäuser verwaist, musste er seine Arbeiter nach Hause schicken. "Zehn Jahre haben wir auf so ein Jahr gewartet, ein kalter Winter, alles war perfekt", sagt er, "jetzt ist die Saison vorbei, bevor sie begonnen hat." Statt 50 Millionen Dollar Umsatz zu machen, weiß Dean Blanchard nicht, wie er die Rechnungen am Ende des Monats bezahlen soll. BP hat ihm einen Scheck über 5000 Dollar geschickt. "Statt Mittwoch gehe ich Donnerstag pleite", lacht Blanchard bitter.

Seit 28 Jahren ist er im Geschäft, ein halbes Dutzend Hurrikane hat er überstanden. Immer ging es weiter. Jetzt nicht mehr. "Wir haben alles richtig gemacht", sagt er, "das zählt alles nicht." Auch die Fischer, denen er Geld geliehen hat, um ihre Boote und Netze flott zu machen, können die Kredite nicht zurückzahlen. "Wenn ich da draußen einen Eimer Öl ins Meer kippe, werde ich verhaftet, aber BP ruiniert uns alle, und sie kommen davon." Auch der Regierung macht Blanchard Vorwürfe. "Für Afghanistan haben sie Geld, nur nicht für uns."

Vorne an der Uferstraße machen Einwohner ihrer Wut Luft. "Schande BP!" steht da auf Schildern, und: "Wir wollen unseren Strand zurück". Kelly Besson steuert sein Patrouillenboot zurück in den Hafen. "Mein Vater arbeitet im Öl", sagt er, "viele hier verstehen, dass man die Förderung nicht einfach einstellen kann. Das Öl wird gebraucht. Aber so geht es auch nicht. Wenn du einen Menschen auf den Mond schießen kannst, musst du auch ein Loch in die Erde bohren können, ohne so einen Mist anzurichten."

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Autor:  Dietmar Ostermann
Datum:  25 | 5 | 2010
Seiten:  1 2
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