Kelly Besson hat das Öl schon von Weitem gesehen. Braun schimmert es in der Barataria Bay, als wäre irgendwo ein Kanalisationsrohr geplatzt. Es ist nur ein kleines Ölfeld, diesmal. Kein dichter, zentimeterdicker Teppich wie vor zwei Tagen, sondern ein schmieriger Brei, der träge herumschwappt. Besson, den alle nur Pete nennen, steuert sein Boot in das Ölfeld, schaut auf das GPS-Gerät und gibt über Funk die Koordinaten durch. "Bei Boje 27", sagt er, "schickt ein paar Kutter."
Seit Tagen ist der massige Feuerwehrmann von Grand Isle hier draußen auf Ölpatrouille. Immer wieder wird er fündig. Vorhin trieb eine tote Wasserschildkröte in der trüben Barataria Bay. Unter dem grauen Panzer, so groß wie ein kleiner Autoreifen, lugten leblos Beine und Kopf hervor. Ein Stück weiter trieben orangebraune Ölpfützen. Anderswo hat das Öl sich durch Schilf und Ufergras gefressen. Nur die Spitzen der Halme sind noch grün, die Grasnarbe darunter ist braun. "Bei Flut treibt das Öl aufs Land", sagt Besson, "bei Ebbe bleibt es zurück. Samstag habe ich das hier entdeckt. Jetzt ist das Schilf tot."
Wochenlang haben die Menschen von Grand Isle gebangt und gehofft. Dass das Öl draußen auf dem Golf von Mexico bleiben möge, wo es seit mehr als einem Monat rund 70 Kilometer entfernt aus dem Meeresboden sprudelt. Dass es anderswo an Land geschwemmt wird. Nicht hier, auf ihrer Insel, die das Mississippi-Delta an der Südspitze Louisianas vom offenen Meer trennt. Und wenn es doch kommt, dann sollte das Öl vor dem weißen Strand von Grand Isle gestoppt werden: Einen Schutzwall wollten sie errichten, draußen im Golf, entlang der vorgelagerten Inselkette, mit schwimmenden Barrieren und künstlichen Sandwällen. Die schmale Insel und vor allem die Barataria Bay dahinter wollten sie schützen: die reichen Fischgründe im Delta, die Brutplätze der braunen Pelikane drüben auf Queen Bless Island, die Muschelbänke, Krabben und Garnelen, von denen Fischer hier seit Generationen leben.
Doch als das Öl kam. Freitag hat Kelly Besson noch in der Barataria Bay gefischt. Heute würde er nichts mehr essen, was man hier aus dem Wasser zieht. "Ich habe hier mein ganzes Leben verbracht", sagt er und schaut versonnen auf die ruhige Salzmarsch, auf der jetzt ein dünner Ölfilm schimmert, "es dreht dir einfach den Magen um." Joel Bradberry, seit heute Morgen um sieben mit Besson auf Ölpatrouille, nickt: "Es hätte nie so weit kommen dürfen. BP, die Regierung, sie haben uns alle im Stich gelassen."
Das sieht auch Deano Bonano so. Bis vorigen Samstag hat der hoch gewachsene Leiter des Katastrophenschutzamtes im Landkreis Jefferson Parish immer wieder um Hilfe gebeten und gebettelt. Jeden Tag flog er mit dem Hubschrauber raus auf den Golf, jeden Tag rückte ein gewaltiges Ölfeld näher. Erst trieb es 20 Meilen vor Grand Isle, dann 14 Meilen, dann zehn, dann vier. "Jeden Morgen haben wir BP das Öl gemeldet", erzählt Bonano, "jeden Tag haben sie gesagt: Macht euch keine Sorgen, wir kümmern uns darum." Die versprochenen Boote aber kamen erst, als der schmierige Teppich sich schon über den Strand von Grand Isle gelegt hatte und durch Kanäle in die Barataria Bay trieb. Und auch dann gingen sie nicht an die Arbeit, sondern machten im Hafen von Grand Isle fest, um aufzutanken und auf weitere Instruktionen vom Ölkonzern zu warten.
Falsche Prioritäten
BP, Pächter der am 22. April gesunkenen Bohrinsel "Deepwater Horizon", muss laut US-Recht als Verursacher der Ölpest alle Schäden beseitigen. Die Regierung von Präsident Barack Obama beaufsichtigt die Arbeiten nur. Für Deano Bonano ist das so, als ob man jemanden, der sein Haus leichtfertig in Brand gesetzt hat, die Löscharbeiten leiten lässt. "Sie sind ein Ölunternehmen", sagt er, "sie verstehen nichts vom Katastrophenschutz, nichts vom sensiblen Ökosystem im Delta. Alles geht sehr langsam, die Logistik ist schlecht, ihre Prioritäten sind falsch." Für den Ölkonzern, glauben viele, könnte es billiger sein, verseuchte Uferstreifen wegzubaggern, statt hunderte Kilometer Küste über Monate aufwendig zu schützen.
Wochenlang saß der lokale BP-Stab im Hafen von Grand Isle drüben auf der anderen Straßenseite, Bonano saß hier in einem staubigen Camp mit seinen Helfern, Nationalgardisten, Feuerwehrleuten, schwerem Gerät. BP kommandierte ein Heer eingeflogener Vertragsarbeiter. Bonano hatte ortskundige Kräfte, aber nichts zu sagen. Am Wochenende dann, als das Öl kam und klar wurde, dass BP das Delta nicht schützen wird, riss dem frustrierten Katastrophenmanager die Geduld. Wütend marschierte Bonano rüber zum Einsatzleiter von BP: "Ich habe ihm gesagt, unter Notstandsrecht übernehme ich jetzt das Kommando über eure Flotte, ihr habt hier nichts mehr zu melden." Es war Meuterei aus Frust und Verzweiflung. Aber es half. Polizei und Nationalgardisten enterten die BP-Boote, nach einer Stunde lief die Flotte aus.
Bonano weiß, dass nach seinem Coup womöglich der strukturschwache Landkreis auf den Rechnungen sitzen bleibt. Die Ölpest ist längst auch ein Krieg der Juristen. Ihm ist das egal. "Mutter Natur brauchte Millionen Jahre, das Delta zu erschaffen", sagt er, "sie zerstören es an einem Tag. Ich habe die Pflicht, die Menschen und ihre Lebensgrundlage zu schützen." Inzwischen erlaubt Bonano BP wieder, die eigenen Boote zu betreiben - aber nur, solange sie seinen Einsatzplänen folgen. Er hat jetzt hier das Kommando. Auch die Regierung in Washington, davon ist er fest überzeugt, hätte die Dinge längst selbst in die Hand nehmen müssen. "Wir sagen ihnen das seit Wochen", klagt Bonano, "ich weiß nicht, worauf sie warten, was noch schiefgehen muss."
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