Als Karl Rabeder beschloss, sein Leben zu ändern, saß er gerade im Flugzeug. Neben ihm döste seine damalige Frau. Hinter den beiden lagen drei Wochen Luxus-Urlaub auf Hawaii: Sonne, Strand, erlesene Speisen. Eigentlich hätte der Unternehmer glücklich sein können. Doch etwas stimmte nicht. In ihm pochte ein Unbehagen, das er fast wie einen körperlichen Schmerz spürte. "Wir waren sattgemacht", sagt Rabeder, "aber nicht mit den Dingen, die ich wollte. Wir haben uns zu Tode konsumiert." Nach dieser Erkenntnis brauchte er noch einige Zeit, um schließlich radikal mit seinem alten Leben zu brechen.
Denn Karl Rabeder hatte erkannt: Er will Menschen helfen, aber nicht mit dem Spendenscheck zu Weihnachten, sondern mit ganzer Kraft und all seinen Mitteln. 2004 verkaufte der Österreicher seine Firma für Wohn-Accessoires für eine erkleckliche Summe, deren Höhe er nicht verrät. Mit dem Geld unterstützt er zunächst Waisenhäuser in Südamerika und eine Landwirtschaftsschule.
Karl Rabeder, 47, hat 2004 sein Unternehmen verkauft und verlost nun seine Tiroler Villa. Das Geld fließt in Rabeders Initiative "MyMicroCredit", die Kleinkredite in Südamerika vergibt. Solche Mikrokredite werden seit den 70er Jahren für die Entwicklungshilfe genutzt. Viele Kreditnehmer schaffen es, sich ein ständiges Einkommen zu sichern oder sogar andere Menschen zu beschäftigen.
Besichtigung der Villa im Internet unter www.luxusvillatirol.at. Informationen über Rabeders Initiative gibt es unter www.mymicrocredit.org. FR
Aber auch das reicht ihm auf Dauer nicht. 2009 gründet er die Initiative "My Micro Credit" (MMC). MMC vergibt Kleinkredite in Südamerika. Die Idee: Statt mit Lebensmittel-Spenden zu helfen, die Arme zu abhängigen Almosenempfängern machen, bekommen sie zinsfreie Kredite, meist nur ein paar hundert Euro. Damit kaufen sie zum Beispiel eine Nähmaschine und machen sich als Schneider selbstständig. Die meisten Kreditnehmer zahlen ihre Raten pünktlich, Rabeder steckt die getilgten Schulden gleich wieder in neue Kredite.
Um noch mehr Geld für sein Projekt aufzutreiben, verkauft der Ex-Millionär nun auch seine Villa in Tirol. Wenn er dort morgens aus dem Fenster blickt, liegt ihm das Inntal zu Füßen, ein Alpenidyll wie auf einer Postkarte: saftige Weiden, schneebetupfte Gipfel, geputzte Häuser, die sich in die Berghänge stemmen. Die Villa ließ Rabeder nach eigenen Ideen bauen, nannte sie "sein Traumhaus". Jetzt verkauft er Lose, 99 Euro das Stück, insgesamt 21.999. Voraussichtlich im Februar wird der Gewinner das Traumhaus bekommen - und Rabeder mehr als zwei Millionen Euro.
Von dem Geld profitieren Menschen wie Jose Luis Baran, von dem Rabeder wie ein stolzer Vater erzählt. Der 18-jährige Waise aus Guatemala war 2008 der erste, der einen Kredit von MMC bekam. Davon kaufte er sich ein Folien-Gewächshaus, Werkzeug und Saatgut. Heute baut er Gemüse an und bestreitet damit seinen Lebensunterhalt. "Mittlerweile studiert er sogar Agraringenieurswesen", sagt Rabeder. Den Kredit hat der junge Mann schon nach fünf Monaten zurückgezahlt, mit dem Erlös seiner ersten Ernte. Das sind die Erfolgsgeschichten, von denen der Ex-Millionär heute lebt.
Mit wenig Geld auszukommen, hat er als Kind gelernt. Rabeder wuchs in einfachen Verhältnissen auf, die Mutter war Bürokraft, der Vater Maler. Um über die Runden zu kommen, betrieben die Großeltern eine kleine Landwirtschaft. "Ich stand schon mit sechs Jahren hinter dem Marktstand", sagt er. Später finanzierte er sein Lehramtsstudium selbst. Als er 1986 seine Firma gründete und rasch Erfolge verbuchte, machte ihn das zunächst froh. Er dachte: "Wenn wenig Reichtum ein wenig glücklich macht, dann muss mehr Reichtum doch auch mehr Glück bedeuten." Und erkannte dann: so einfach ist es doch nicht.
Mit seinem Karohemd, seiner Nickelbrille, seinem leisen Wesen wird er vermutlich nicht weiter auffallen, wenn er bald seine Zwei-Zimmer-Mietwohnung in Innsbruck beziehen wird. Mit 1000 Euro im Monat will er dann auskommen. "Das Schlimmste, was mir passieren kann, ist, dass ich wieder irgendeinem einfachen Job nachgehen muss." Er sei heute zufriedener als früher, weil er nicht mehr dem "Glückseligkeitsmuster der Gesellschaft" folge, das Reichtum an oberste Stelle setze. In Europa "leben zu viele Menschen nach falschen Idealen", sagt er. "Wenn ich in Frankfurt aus dem Flieger steige, sehe ich so viele traurige Gesichter, viel mehr als in Lateinamerika."
Südamerika. Lange schon zieht es ihn dorthin. Zuerst floh er vor dem österreichischen Winter, zum Segelfliegen nach Chile. Damals, in den 90ern, vergab er die ersten Kleinkredite, von privat zu privat, knüpfte Freundschaften, die bis heute bestehen. Ob ihn der Bruch mit seinem früheren Leben auch Freunde gekostet habe? "Sie unterstellen mir einen kleinbürgerlichen Freundeskreis", entgegnet Rabeder prompt. Niemand aus seinem Umfeld sei überrascht gewesen. Auch die Trennung von seiner Partnerin vor einem halben Jahr habe mit seinem Engagement nichts zu tun. "Mein privates Glück würde ich nicht opfern."
80 Prozent der Loskäufer kommen aus Deutschland
In seiner Villa in Tirol führt Rabeder derzeit wildfremde Leute herum, die an der Verlosung des Hauses teilnehmen. Darunter sind viele, "die meinen Schritt nicht verstehen. Und viele, die sagen: ,Ich könnte das nicht´".
80 Prozent der Loskäufer kommen aus Deutschland - auf sie wirkt das Alpenpanorama besonders verlockend. Einige waren von Rabeders Engagement so beeindruckt, dass sie jetzt ehrenamtlich bei MMC mitarbeiten. In den nächsten Monaten sollen in Frankfurt, Hamburg und Berlin Projektgruppen gegründet werden, die Sache kommt ins Rollen.
Wenn Karl Rabeder heute ins Flugzeug steigt, fliegt er in die Slums Südamerikas, wo er mit seinem Geld vielen Menschen die Grundlage für eine neue Existenz bieten kann. Das alte Hawaii-Gefühl, dieses schmerzhafte Gefühl der Übersättigung, stellt sich bei Karl Rabeder schon lange nicht mehr ein.
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