Panorama
Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft

24. November 2010

Onlineabstimmung: Der Klick fürs Leben

 Von Marie-Sophie Adeoso
Sind „verunsichert“, ob ihr Baby geboren werden soll: Pete und Alisha Arnold.  Foto: birthornot.com

... oder dagegen: Ein US-Ehepaar trägt seinen Ehestreit öffentlich aus und lässt per Internet darüber abstimmen, ob es sein ungeborenes Kind abtreiben lassen soll oder nicht.

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Woche 17, sein Herz schlägt 160 Mal in der Minute. Die Ärzte sagen, dass er bald seine individuellen Fingerabdrücke entwickeln werde. Er zappelt jetzt schon viel, sagt seine Mutter. Und wenn man genau hinschaut, dann kann man auf dem Ultraschallbild erkennen, wie er den Daumen nach oben reckt. Zappler haben seine Eltern ihn genannt, Baby „Wiggles“.

Noch ist Baby Wiggles nicht geboren, vielleicht wird es auch nie so weit kommen – die Allgemeinheit kann es entscheiden. Seine Eltern Pete und Alisha Arnold aus Minnesota haben Wiggles’ Leben im Internet zur Abstimmung freigegeben. „Birth or Not“ (birthornot.com) heißt die Website der beiden 30-Jährigen, bestückt mit Ultraschallbildern und Einträgen zum Entwicklungsstand des Ungeborenen.

Mit einem Klick kann man sich anonym für oder gegen seine Abtreibung aussprechen. Rund 1,5 Millionen Menschen haben es bereits getan. Mit 75 Prozent Zustimmung zu einem Abbruch sieht es zurzeit nicht gut aus für Wiggles. Aber er hat noch Zeit: Bis zum 7. Dezember läuft die Abstimmung, zwei Tage später wäre der letzte legale Abtreibungstermin. Vor einigen Tagen sprach sich die Mehrheit noch für die Geburt aus.

Pete und Alisha Arnold geben den Votierenden viele Informationen über ihr Privatleben an die Hand. Sie schreiben, dass sie im ländlichen Minnesota aufwuchsen und sich an der High School kennen lernten. Mit 21 heirateten sie, da hatten sie schon eine ungeplante – und nicht erfolgreiche – erste Schwangerschaft hinter sich. Pete arbeitet in der IT-Branche, Alisha studierte Englisch und trat später einen Job in einer Software-Firma an. 2002 kauften sie sich ein Haus, legten sich zwei Katzen zu – und erlebten zwei Fehlgeburten.

Kind oder Diät

Diese Erfahrung habe sie „verunsichert“, ob sie tatsächlich ein Kind haben wollten, schreiben die Arnolds. Alisha schwankt zwischen Kinderliebe und der Angst, Diät und Job aufgeben zu müssen. Pete hadert mit dem Gedanken, ein zu alter Vater zu sein. Und da ja allen US-Bürgern Wahlmöglichkeiten zugesichert seien, hätten sie sich entschieden, die Öffentlichkeit in ihre Entscheidungsfindung einzubeziehen.

Ob tatsächlich jede Stimme zählt, jeder Klick „reale Konsequenzen“ haben wird, wie sie schreiben, ist aber fraglich. US-Medien rätseln über die Motive der Arnolds. Die Vermutung: Das Paar sei Teil der sogenannten „Pro Life“-Bewegung teils militanter Abtreibungsgegner. Leser der Website werfen den werdenden Eltern deshalb vor, den Fötus politisch zu instrumentalisieren.

So sei es verdächtig, dass die Arnolds in ihren Blogeinträgen „die Pille“ in Anführungsstriche setzten, als sei dies ein fragwürdiger Begriff, schreibt die Bloggerin Amanda Marcotte. Blogger Jeff Fecke listet Hinweise auf konservative Wertvorstellungen des Paares auf. Alisha sei auf Facebook ein Fan des rechten Radiomoderators Glenn Beck. Pete habe unter Alias-Namen in rechten Foren geschrieben, die für ihre abtreibungskritische Haltung bekannt sind. Außerdem habe er im Online-Lexikon „dKosopedia“ Beiträge zum Thema Abtreibung verändert. Von der „Tötung ungeborenen Lebens“ ist dort nun zu lesen.

Eine Anfrage der FR hat das Paar bis heute nicht beantwortet. Aber Äußerungen in US-Medien lassen vermuten, dass die Eheleute sich selbst nicht mehr einig sind über ihre Motive – und ihre Haltung. Pete Arnold sagte dem Sender CNN, die Entscheidung, Wiggles abzutreiben, habe nie zur Debatte gestanden. Zwar sei seine Frau „Pro-Choice“, also für die Entscheidungsfreiheit schwangerer Frauen. Sie habe sich aber längst gegen eine Abtreibung entschieden.

Ehestreit via Internet

Dennoch sei die Website ernst gemeint – als ein Beitrag zur Abtreibungsdebatte. „Normalerweise will doch niemand ernsthaft darüber reden, solange es keinen Namen, kein Baby Wiggles gibt“, sagte Arnold.

Seine Frau sieht das offenbar anders. Gestern schrieb Alisha Arnold im Blog, was ihr Mann der CNN gesagt habe, sei nicht wahr und ihre eigene Meinung sei unterschlagen worden. „Pete und ich stehen an entgegengesetzten Seiten des Meinungsspektrums, was unsere Ansichten zur Abtreibung angeht“, schreibt sie. „Auch wenn meine Gefühle über die Schwangerschaft und Baby ’Wiggles’ sich verändert haben und ich mittlerweile nicht mehr glaube, eine Abtreibung vornehmen zu können, heißt das nicht, dass ich nicht mehr an das Recht jeder Frau glaube, diese Entscheidung selbst zu treffen.“

Offenbar hätten sich die Medien auf die Seite ihres Mannes geschlagen und wollten sie als egoistisch darstellen, glaubt Alisha Arnold. Sie habe sogar schon ihren Job verloren wegen des ganzen Trubels.

Vielleicht kann Baby Wiggles seine Eltern irgendwann fragen, warum sie ihn zum Spielball einer öffentlichen Debatte machten. Wenn sie sich für ihn entscheiden.

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