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Ottmar Hörl im Interview: Das Lachen der Giftzwerge

Wer kauft so etwas eigentlich? - Der Plastiker und Professor Ottmar Hörl über den Erfolg seiner Gartenzwerge, die den Hitlergruß zeigen. ( Mit Video)

Ein Giftzwerg von Ottmar Hörl.
Ein Giftzwerg von Ottmar Hörl.
Foto: dpa

Herr Hörl, ich muss gestehen: Ich bin Kleingartenpächter und habe Angst davor, dass Ihre Gartenzwerge mit Hitlergruß-Geste bald in unserer Anlage einmarschieren -

Eine begründete Angst. Seit 1983 habe ich etwa 20.000 Gartenzwerg-Plastiken verkauft, in allen mögliche Variationen: betende und grüßende Zwerge; welche, die sich die Ohren oder Augen zuhalten und welche, die den Stinkefinger in die Höhe recken, die Spontis, die sich bisher am besten verkauften -

Zur Person

Ottmar Hörl, 1950 im hessischen Nauheim geboren, hat mit seinen Kunststoff-Figuren immer wieder die Plätze der Republik besetzt - jeweils Hunderte identischer Hasen, Hühner, Teddybären und immer wieder Gartenzwerge in diversen Variationen.

Hörl lehrt seit zehn Jahren als Professor an der Nürnberger Kunstakademie und ist seit 2005 zugleich Präsident des Instituts.

Ottmar Hörl, der Zwergenmacher.
Ottmar Hörl, der Zwergenmacher.
Foto: dpa

Aber am stärksten nachgefragt sind zurzeit Ihre Zwergenskulpturen mit Hitlergruß, die Sie mit dem Stempel "vergiftet" markiert haben. Wer kauft die?

Das geht durch alle Schichten. Vom Universitätsprofessor bis zum Straßenbahnschaffner. Jüdische Kunstsammler in den USA bestellen einen Zwerg, Galerien in Hongkong, Menschen von Toronto bis Sydney. Ob da auch Kleingärtner drunter sind, kann ich natürlich nicht sagen. Der Zwerg ist ja ein Symbol des Spießertums, damit dürften die sich nicht unbedingt identifizieren. Und auch in der rechten Ecke dürfte das Projekt nicht so gut ankommen. Von denen werde ich eher als Arschloch beschimpft.

Die Staatsanwaltschaft in Nürnberg, wo Sie an der Kunstakademie lehren, vermutet offenbar das Gegenteil. Sie ermittelt wegen der möglichen Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole - wohl aus Angst, die Zwerge könnten zum Hass aufstacheln.

Das halte ich für abenteuerlich. Diese Leute sind nach meiner Meinung vertrottelt. Die begreifen offenbar nicht, was ich gemacht habe. Man macht einen Fehler, wenn man denkt, dass Menschen über so eine Arbeit gleichzuschalten wären oder das sei ein Aufruf für den Faschismus. Da beleidigt man die Intelligenz unserer Gesellschaft. Ich hätte eher gedacht, dass das Publikum in Belgien sauer reagiert, die die Zwerge im vergangenen Jahr als erste gesehen haben.

Wie haben die reagiert?

Die haben mir applaudiert, weil sie begriffen haben: Da marschiert nicht die deutsche Herrenrasse ein, sondern das sind die kleinen, miesen Mitläufer, die sich nach Ende des Zweiten Weltkriegs gleich wieder verdrückt haben. Die Belgier haben mir bei der Internationalen Kunstmesse in Gent die ganze Eingangshalle zur Verfügung gestellt. 700 Zwergen-Figuren mit ausgestrecktem Arm - und die Besucher haben gleich die Ironie begriffen und das Ding komplett gekauft, alle Figuren, das Stück für 40 Euro. Und diese Zwerge sollen für die Deutschen gefährlich sein?

Gartenzwerg und Hitlergruß - das sind ziemlich plakative Zeichen. Kann man im Jahr 2009 nicht mit subtileren künstlerischen Mitteln arbeiten?

Natürlich ist das plakativ! Alles, was ich bisher gemacht habe, ist plakativ, ob die Plastikhasen fürs Dürerjahr oder die 1000 Neufundländer für die Bayreuther Festspiele. Und mit dem Zeichen des ausgestreckten Armes arbeite ja nicht nur ich, sondern Künstler wie Anselm Kiefer, Georg Baselitz oder der junge Performance-Künstler Jonathan Meese. Wollen Sie denen verbieten, dass sie diese Geste benutzen? Wollen Sie den Meese verhaften lassen, weil der auf der Bühne den Arm ausstreckt? Das ist doch ein tradiertes gestalterisches Mittel, das man einsetzen kann, ohne dass man damit Werbung für die Nationalsozialisten macht. Die ist doch außerdem ein Zeichen, das lange in die Geschichte zurückreicht, bis zu Cäsar.

In Deutschland wird man aber kaum an Cäsar denken. Hier wird doch jeder Betrachter gleich auf das Thema Faschismus kommen.

Und als Künstler kommt man auch fast zwangsläufig auf diese Symbolik, die dieses Massenphänomen eben treffend beschreibt. Es geht mir doch nicht um den Hitlergruß, sondern vor allem um das Thema Opportunismus. Ich weiß nicht, warum der Volksschullehrer 1942 den Arm hochgestreckt hat, als der Gauleiter bei ihm am Gartenzaun vorbeigegangen ist. Vielleicht können Sie mir das erklären?

Hörl bei Youtube

Viele erzählen bis heute, sie hätten aus Angst mitgemacht.

Ich würde das Opportunismus nennen, und der ist bis heute ein Teil des gesellschaftlichen Systems. Ich brauche Ihnen ja wohl nicht zu beschreiben, was passiert, wenn wir zehn Millionen Arbeitslose in Deutschland bekommen. Ich fürchte, dann müssen die Türken in Deckung gehen. Die neue Rechte ist doch längst im Anmarsch - in Belgien wie in Deutschland.

Ihre früheren Zwergen-Armeen haben Sie in Hundertschaften auf Plätzen in deutschen Städten ausgestellt. Können Sie sich vorstellen, auch die Giftzwerge auf die Öffentlichkeit loszulassen? In Nürnberg zum Beispiel?

Vorstellen kann ich mir das. Aber das wird niemand zulassen. In Nürnberg schon gar nicht. Das kann ich auch verstehen. Man will ja dieses braune Erbe irgendwann loswerden.

Bei der ersten Schau in Deutschland, im Kunstverein Aschaffenburg, ist während der zwei Monate gar nichts passiert - erst jetzt, als ein einzelner Zwerg in einer Nürnberger Galerie auftauchte. Eine Erklärung?

Ja, die Arbeit ist bisher eben nie aus dem Kontext einer künstlerischen Begleitung herausgekommen. Ich habe sie bewusst nicht auf die Straße gestellt, unkommentiert und unreflektiert. Ich habe immer dokumentiert, worum es geht.

Ohne Kommentar ginge es nicht? Dafür sind die Deutschen dann doch zu doof?

Nein, aber das Risiko, dass Missverständnisse entstehen können, ist einfach zu groß. Der Verdrängungsmechanismus ist bei den Deutschen heute immer noch so groß, dass man sich dafür schämt. Dafür, dass man so blöd war und sich hat reinlegen lassen von diesen Kreaturen. Die Diskussion darüber jetzt ist doch ist gut. Die Staatsanwaltschaft diskutiert auch. Aber die haben sich mit dem Falschen angelegt.

Interview: Thomas Wolff

Datum:  21 | 7 | 2009
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