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Panorama
Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft

28. Januar 2014

Panama: Aufbruch am Kanal

 Von Nicole Schmidt
Ein Land mit vielen Gesichtern: Panama-City ist mit dem Bau und Betrieb des Kanals reich geworden.  Foto: Nicole Schmidt

Panama ist vor allem für seine weltberühmte Schiff-Schleuse bekannt. Doch der mittelamerikanische Staat hat auf engstem Raum weitaus mehr zu bieten: Dampfende Dschungel, gelebte Traditionen und eine boomende Wirtschaft

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Panama ist vor allem für seine weltberühmte Schiff-Schleuse bekannt. Doch der mittelamerikanische Staat hat auf engstem Raum weitaus mehr zu bieten: Dampfende Dschungel, gelebte Traditionen und eine boomende Wirtschaft

Liegt da eine Boa mitten auf dem Weg? Mindestens zwei Meter lang und dick wie ein Oberarm. Luis Carlos Caberon bewehrt sich mit einem gegabelten langen Ast, hievt die Schlange hoch, hätte sie vielleicht aus Sorge um seine Leute sogar getötet. Aber sie entwindet sich und verschwindet im Tropenwald, der das Dorf mit seinen verstreuten Pfahl-Hütten am Ufer des Flusses Chagres umgibt. Sicher hatte sie der Regen hergetrieben.

Der Fluss stieg hoch bis in die Mangobäume. Was, wenn er weiter anschwillt? Luis Carlos Caberon, der Künstler, ist außer sich und hat keinen Nerv, sich um seine Gäste zu kümmern. Wo nur Elvira bleibt, die Häuptlingsfrau? Sie war ganz früh mit ihrer Tochter in den Einbaum gestiegen, ein Boot, dessen Rumpf aus nur einem Baum besteht. Drüben in Gamboa, am anderen Ufer des schäumenden Chagres, hatten sie den Bus nehmen und nach Panama-City fahren wollen. Es wird doch bald Abend. Die Papageien schnattern schon. Und Nebel kriecht über den Urwald vor der Haustür.

Mikrokontinent mit drei Millionen Einwohner

Auf so viel wilde Natur und leibhaftige Indianer zu treffen ausgerechnet im Land des Panama-Kanals, diesem Wunder der Technik, damit rechnet man als Besucher nicht. Und schon gar nicht damit, dass der dampfende Dschungel tatsächlich gleich nebenan ist an diesem Meister-Ingenieurswerk, dessen milliardenschwerer Ausbau immer wieder stillzustehen droht wegen des Streits um die hohen Zusatzkosten von 1,2 Milliarden Euro.

Der Grund liegt auf der Hand: Weil diese am stärksten befahrene Wasserstraße der Welt alle Aufmerksamkeit auf sich zieht, hat kaum einer eine Vorstellung von dem südlichsten Land Mittelamerikas. Panama geht einfach darin unter. Außer man ist Janosch-Leser, dann weiß man wenigstens, dass es schön sein muss und nach Banane riecht. Aber wo ist Panama am schönsten? Und gibt es überhaupt noch etwas jenseits des Kanals?

Oh ja! Es ist ein Mikrokontinent, der kaum größer ist als Bayern, aber zwei Weltmeere und drei Millionen Einwohner aus aller Herren Länder verbindet. Dank des Kanals mit boomender Wirtschaft und einer offiziellen Arbeitslosenquote von vier Prozent. Zwar ist die Ungleichheit weiterhin groß. Und noch immer lebt etwa jeder Vierte in Armut. Vor zehn Jahren war es allerdings noch jeder Dritte. Dass Panama zu den Tigerstaaten in Mittelamerika gehört, darauf sind die Panamaer stolz.

Wer eintaucht, erlebt ein Kaleidoskop von ganz Mittel- und Südamerika, ohne große Entfernungen zurückzulegen.

Morgens am pazifischen Strand dösen, mittags durch verschlafene Kolonialdörfern spazieren, am nächsten Tag Robinson spielen im karibischen Blau der San-Blás Inseln und später Vögel beobachten im Nebelwald zerklüfteter Gebirge, oder im tiefen Dschungel schwitzen und danach in der Hauptstadt mit ihren glitzernden Wolkenkratzern und Shopping-Malls umher bummeln. Knapp zwei Stunden, nachdem die Gäste den Regenwald verlassen haben, sitzen sie in Panama-City auf der Terrasse eines schicken Restaurants bei gegrillten Scampis und Salsa-Musik. Eine völlig andere Welt. Nichts für Elvira Caprera, die schöne Häuptlingsfrau des Embera-Dorfes. Den Göttern sei Dank, waren sie und ihre Tochter rechtzeitig vor der Nacht aus der Hauptstadt zurückgekommen. Sie trug die Haare zum Pferdeschwanz gebunden, Jeans und T-Shirt. Keinen Lendenschurz und bunte Röckchen, wie ihre Leute im Dorf beim Empfang am Mittag. Also alles nur Schau für die Touristen?

Okay, sie schummeln schon ein wenig für zahlende Besucher, gab Elvira lächelnd zu. Und tanzen und kochen für sie und bemalen ihre Haut mit einem Bambuspinsel und dunkelbraunem Pflanzensaft. „Aber wir tun das auch für uns zu besonderen Gelegenheiten. Wir haben unsere Heiler und unsere Sprache. Weil wir nicht vergessen wollen, wer wir sind, woher wir kommen. Deshalb haben wir uns bewusst dazu entschieden, im Regenwald zu leben.“ Überall im Land hätte sich ihr Großvater umgesehen, als er vor 30 Jahren mit ein paar Männern aus dem Stamm aufbrach von der Provinz Darién aus an der Küste zu Kolumbien, um den Guerillas, den Drogen und der Armut zu entgehen.

"Unser Volk würde verschwinden"

„Hier, am Chagres mit seinem Dschungel und seinen verästelten Nebenarmen ist für uns der schönste Platz zum Leben. Hier haben wir mit fünf anderen Dörfern am Fluss-Ufer unsere neue Heimat.“ Auch wenn sie inzwischen im Nationalpark liegt und die Emberas nicht mehr so frei fischen, jagen und Holz holen dürfen wie früher. „Das ist der Grund, warum wir das Geld der Touristen brauchen“, sagte Elvira. Damit sie ihre Kinder in die Schule schicken können. Und natürlich wollen sie doch ein wenig von der modernen Welt hereinholen. Die Satellitenschüsseln auf den beiden größeren Hütten sind nicht zu übersehen.

Ein bisschen sorgen sich die Emberas um ihre Zukunft. Denn hier im Nationalpark liegen die Quellen und Reservoirs des Süßwassers, das den Kanal speist. Seit 100 Jahren funktioniert alles gut. Aber was passiert mit der Natur, wenn der neue Kanal möglicherweise viel mehr Wasser verbraucht? Doch um kein Geld der Welt, sagte Elvira zum Abschied, würden sie nach Panama-City gehen, wohin es so viele verschlägt. „Unser Volk würde verschwinden. Zu voll, zu stressig, zu umtriebig, zu viele Versuchungen.“
Gerade das begeistert Eric Theise an dieser Stadt. „Hier herrscht eine Aufbruchstimmung, die jeden mitreißt“, sagt der Amerikaner. Und murmelt im Takt „wild, wild West“, während er einen bunten Cocktail nach dem anderen mixt. Alle Ausländer landen irgendwann zum Absacker in seiner Bar „Mojito’s sin Mojito“.

Weltkulturerbe

Ein verwunschener Garten mit einfachen Tischen und Stühlen, zerbröselnden dicken Steinwänden, eleganten Arkaden, einem Wellblechdach. Und über der Theke dreht sich quietschend ein Ventilator. Das Gebäude war mal ein öffentliches Bad und dann lange dem Verfall preisgegeben, bevor es Eric aus seinem Dämmerschlaf riss. Ohne zu zögern, hatte der Mitvierziger seine Kleiderfabrik in New York eingetauscht und sich hier niedergelassen. Nein, nicht im modernen, schnell wuchernden Teil der Stadt, reich geworden durch den Kanal und oft dubiose Geldgeschäfte. Sondern mitten im „Casco Viejo“, dem alten Viertel. Morbide, spannend und auf seine Weise reizvoll. Eine Schatztruhe, die überquillt vor Residenzen, Adelshäusern und Großgrundbesitzer-Villen im französischen und spanischen Kolonialstil, vor Kirchen und Klöstern und Festungsmauern. An vielen Ecken sehr heruntergekommen, an manchen auch gefährlich, an anderen wunderbar aufpoliert.

Da hat es Eric gut. Auf dem mit rotem Ziegelstein gepflasterten Platz vor seiner Bar ist alles schon von Grund auf erneuert worden. Das Gotteshaus strahlt blütenweiß. Ein barocker Springbrunnen plätschert vor sich hin. Frisch abgestrahlt, ruht die Büste eines Befreiers mit Bart unter einem akkurat geschnittenen Frangipani-Baum. Ein Luftballonverkäufer findet noch immer Kundschaft. Und vor den Straßencafés bringen feurig drein blickende Mariachi-Musiker Ständchen. Der Ernennung zum Weltkulturerbe sei dank.

„Kommt in zwei Jahren wieder, dann sieht die Umgebung schon wieder ganz anders aus“, sagt Eric und zeigt auf ein reich mit Stuck verziertes Palais, aus dessen leeren Fensterhöhlen Geier glotzen. Dort ziehe eine Brauerei ein. In das Haus gegenüber, das nur noch Fassade ist mit total verrotteten schmiedeeisernen Balkonen, habe sich ein Gastronom verliebt. Und aus dem Gerippe daneben werde wieder das Grand Hotel. Die Fassade schmeichelt bereits in pudrigem Vanille. „All das“, sagt Eric „ist der Spirit von Panama“.

Kolonialer Flair

Das würde Ronaldo Queran so nicht unterschreiben. Das wahre Herz Panamas schlage im zentralen Landesinnern, sagt er. Dort, wo die Traditionen noch hoch gehalten werden, wie auf der Halbinsel Azuero oder in der angrenzenden Provinz Coclé. „Meine Heimat“, sagt der kleine Mann voller Hingabe und klappt mit Entschlossenheit die Hutkrempe aus der Stirn. „Das“, sagt Ronaldo, „geht so locker nur beim echten Panamahut, der Essenz aller Hüte“. Er unterscheide sich deutlich von der leichten, bei den meisten als Panamahut bekannten Kopfbedeckung mit dem Falz aus Ecuador. Ronaldo muss es wissen, denn die Herstellung von Hüten ist das Geschäft vieler Familien in der Umgebung.

Er wohnt in La Pintada, ein aus der Zeit gefallenes Bauernnest mit kolonialem Flair, umgeben von Zuckerrohrfeldern, Weiden, Cashewnuss- und Eucalyptusbäumen, in deren Astgabeln Faultiere hängen. Wieder eine völlig andere Welt – von Panama-City in nur zwei Stunden erreichbar.

Gemächlich sitzt Ronaldo vor seinem Haus und sortiert Fasern. Kein Auto ist unterwegs auf der einzigen asphaltierten Straße. Dafür zwei waschechte Cowboys auf Pferden, die Macheten stecken im Sattel. „Ich habe meinen Kühen in den Bergen Salz gebracht zum Lecken, damit sie Durst bekommen. Und wenn sie mehr Wasser trinken, geben sie auch mehr Milch“, sagt Martin Fernandez, der Ältere der beiden. Damit komme er ganz gut über die Runden, aber er brauche auch nicht viel, grinst er und zeigt dabei eine Reihe von Zahnstummeln. Dann zieht er seinen Arbeitshut noch tiefer ins Gesicht und reitet weiter.

„Wenn Ihr festliche Hüte sehen wollt, so fein gearbeitet, dass sie als Wassergefäß dienen könnten, müsst Ihr gleich in den Nachbarort Penonomé fahren. Dort ist heute Umzug für die Wahl der besten Lehrerin“, empfiehlt Ronaldo. Ein Umzug wie bei uns am Rosenmontag. Die Kandidatinnen stehen mit ihren Begleitern auf den Wagen und winken den Zuschauern zu. Alle tragen Trachten, die an Spanien vor hunderten von Jahren erinnern.

So auch Gianela, Ronaldos 25 Jahre alte Nichte. Neckisch lässt sie ihre blütenweiße Pollera schwingen, einen langen Glockenrock aus feiner Baumwolle mit bunten Stickereien und Blumenmustern an den Volants. Was für ein Unterschied zu Elvira, der T-Shirt-tragenden Embera-Frau im Regenwald.

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