Jeder Schiedsrichter wird es bestätigen: Fußballer sind geborene Schauspieler. Kein Wunder, dass man die bekannteren unter ihnen gern für Leinwandauftritte verpflichtet. Talente sind daraus hervorgegangen. Eric Cantona zeigte seinen skurrilen Humor als Gast in etlichen französischen Filmen, ehe er sein Meisterstück lieferte: In „Looking for Eric“ ist Fußballphilosophie für eine ausgebeutete Arbeiterklasse nützlicher als das kommunistische Manifest.
Doch meist ist der Eindruck schauspielender Fußballstars desillusionierend, und Torhütern begegnet man selten auf der Leinwand. Schließlich sieht man ihre Qualitäten auch sonst weniger im Agieren als im Parieren. Umso bemerkenswerter ist da das Debüt von Ex-Nationaltorwart Jens Lehmann im deutschen Südafrika-Drama „Themba“.
Für einen Filmauftritt von wenigen Minuten hat er es sogar auf das Filmplakat geschafft. Vielleicht, weil er schon in einem seiner größten Spiele ein bewährtes Theatermittel ergriff, den Spickzettel? Seine Notizen über Vorlieben der argentinischen Elfmeterschützen bei der Weltmeisterschaft 2006 gehören heute zur Schausammlung im Bonner „Haus der Geschichte“. Tatsächlich macht Jens Lehmann noch die beste Figur in diesem merkwürdig schleppend erzählten Jugendfilm, der die formelhafte Aufstiegsgeschichte eines jungen Fußballspielers in den Dienst plakativer Aids-Aufklärung stellt.
Die Kamera liebt Lehmann
Lehmanns Rolle eines charismatischen Trainers und Jugendförderers stellt das Prinzip der meisten Fußballerauftritte im Kino auf den Kopf. Hier sind die hölzernen Sätze zur Abwechslung einmal nicht dem durchreisenden Gaststar aus der Sportwelt vorbehalten. Die spricht hier jeder. Doch allein bei Lehmann klingen sie einigermaßen authentisch. Er wirkt warm, freundlich und natürlich. Die Kamera liebt ihn.
Jens Lehmann, 40, war gut zwei Jahrzehnte lang einer der besten Torhüter Europas, ehe er in diesem Mai seine Karriere beendete. Er spielte für Schalke, Dortmund, London, Stuttgart, stand bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 und bei der Europameisterschaft 2008 im Tor des deutschen Nationalteams.
In dem Film „Themba“ spielt Jens Lehmann einen Talentscout, der einen jungen Fußballer entdeckt und fördert. Der kleine Themba entwickelt sich prächtig und schafft es schließlich sogar bis in die südafrikanische Auswahl – bis er erfährt, dass er mit dem HI-Virus infiziert ist. ill
Zu Recht protestierte er gegen seine Synchronisation durch einen professionellen Schauspieler in der englischsprachigen Originalversion des Films. Auf deutsch klingt nun wenigstens Lehmann wie Lehmann, während alle anderen ihre statementhaften Sentenzen mit fremden Stimmen sprechen. Auch wenn die Regisseurin Stefanie Sycholt in Pretoria auf die Welt gekommen ist: Keinen Augenblick vergisst man in diesem Film, dass es ein Blick von außen ist, auf ein Land gerichtet, das nur aus Armut, Aids und Fußball zu bestehen scheint. Selbst der obskure Ethnopop-Soundrack der Komponistin Annette Focks klingt nach einem Münchner Studio. Schon Clint Eastwood hatte bei „Invictus“ Probleme, Sport und Politik unter einen Hut zu bekommen. Hier aber gibt es nicht einmal das Minimum, das Sportfilme zusammenhält – mitreißende Mannschaftsszenen.
Die Geschichte des Kinofußballs mit „echten“ Stars tat sich darin schon häufiger schwer. Das spektakulärste Beispiel ist wohl der Beckenbauer-Film „Libero“, 1973 halbdokumentarisch inszeniert vom Regie-Debütanten Wigbert Wicker: Fußballer spielen sich selbst, umgeben von echten Schauspielern wie Harald Leipnitz und Klaus Löwitsch, die ebenfalls als sie selbst firmieren und dabei erkennbar im Vorteil sind. Am 11. September erscheint die DVD, Anlass ist der 65. Geburtstag des Protagonisten. Dann könnte „Libero“ endlich zum Kultfilm werden, mit hinreißenden Dialogszenen von unfreiwilliger Komik: „Es war schön zu gewinnen. Doch wenn wir gewonnen haben, haben andere verloren.“
Paul Breitner verschlug es drei Jahre später in Peter Schamonis deutschen Western „Potato Fritz“. An der Seite von Hardy Krüger und Stephen Boyd gibt er den Sergeanten Stark. Coolere Filmauftritte hatten Kicker selten. Erfolgreichere allerdings durchaus. Einer der frühesten Grenzgänger war Argentiniens legendärer Torjäger Alfredo Di Stéfano, der zwischen 1949 und 1963 in etlichen Filmen spielte. Pelé, Bobby Moore und Osvaldo Ardiles sah man im exzellenten Kriegsgefangenen-Drama „Flucht oder Sieg“, das John Huston mit Sylvester Stallone und Michael Caine drehte.
Als erfolgreichster schauspielernder Fußballer aber gilt der Waliser Ex-Nationalspieler Vinnie Jones. 1998 gelang ihm der perfekte Umstieg mit einer Nebenrolle in Guy Ritchies Kifferkomödie „Bube Dame König Gras“. An der Seite von John Travolta sah man ihn in „Swordfish“, neben Hugh Jackman überzeugte er in „X Men – Der letzte Widerstand“. Vielleicht wird Jens Lehmann ja der nächste erfolgreiche Umsattler. Die nötige Leinwandpräsenz hat er.
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