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14. Dezember 2010

Pestizide: Der stille Artenschwund

 Von Stephan Börnecke
Ein junger Kiebitz.  Foto: dpa

Eine neue Klasse von Insektiziden beunruhigt die Experten. Sie warnen vor einem ökologischen Desaster.

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Feldlerche, Brachvogel und Kiebitz: Seit Jahren kämpfen diese Vögel einen schier aussichtslosen Kampf gegen die Methoden der modernen Landwirtschaft. Nun behauptet der niederländische Toxikologe Henk Tennekes, dass eine neuere Gruppe von Insektiziden, die Neo-Nicotinoide, verantwortlich ist für eine Verschärfung des Überlebenskampfes auf Feld und Wiese. „Vor unseren Augen“, sagt Tennekes, „findet der ökologische Kollaps statt“, einer, der womöglich den durch das Insektizid DDT einst verursachte Vogelsterben übertrifft.

Als erstes bekamen es die Bienenzüchter zu spüren. Zunächst in Frankreich, 2008 aber auch im Oberrheingraben starben Tausende von Bienenvölkern an einer Vergiftung mit dem Wirkstoff Clothianidin. Das zum Beizen von Samen verwendete Mittel, es gehört ebenfalls zu den Neo-Nicotinoden, war durch Abrieb bei der Maissaat frei geworden. Als der Zusammenhang klar wurde, zog das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit zwei der Mittel vorübergehend aus dem Verkehr. Nicht nur, dass eines davon wieder zugelassen ist: Insgesamt sind 76 Produkte dieser Wirkstoffgruppe auf dem Markt, darunter mit Imidacloprid einer der Verkaufsschlager des Chemieriesen Bayer.

Der Toxikologe Tennekes, Leiter des niederländischen ETS-Instituts in Zuthen, misst dem Mechanismus dieser erst seit den neunziger Jahren vermarkteten Insektizide einen „revolutionären“ Charakter bei: Denn die Mittel müssen nicht unbedingt gesprüht werden. Sie können auch dem Saatkorn implantiert oder als Granulat ins Erdreich gemischt werden.

Aus Korn oder Boden gelangt das Insektizid in alle Teile der Pflanze. „Insekten, die daran knabbern, sterben.“ Da die Stoffe langlebig und wasserlöslich sind, waberten sie unkontrolliert durch die Umwelt. Die Folgen, wie Tennekes sie nicht nur für Feld-, sondern auch für Wasservögel beschreibt: Die Insektzide töten oder schwächen Insekten, rauben Vögeln die Nahrung. Allein bei Feldlerche, Wiesenpieper und Schafstelze sei örtlich von einem Jahr zum anderen ein Rückgang von 30 Prozent der Vögel beobachtet worden.

Bayer meldet Widerspruch an

Eine vom Umweltbundesamt geförderte Studie des Pestizid Aktions-Netzwerk PAN scheint Thesen, wie sie Tennekes in seinem Buch „The systemic insecticides: a disaster in the making“ (etwa: Systemische Insektizide: ein Desaster entsteht) beschreibt, zu stützen. Trotz teurer Wirkstoff- und Produktprüfung für die Zulassung hätten Pestizide einen „erheblichen negativen Einfluss auf die biologische Vielfalt“, vor allem aber: „Ein Großteil der Schädigungen vollzieht sich still.“

Natürlich meldet Bayer Widerspruch an: Weder neu noch wissenschaftlich belegt seien die Behauptungen des Niederländers. „Ökosysteme sind sehr komplex“, sagt Bayer-Sprecher Utz Klages. Er tippt eher auf den Klimawandel als eine mögliche Ursache für den Abwärtstrend in der Vogelwelt.

Selbst Ornithologen sind unsicher, was es mit Tennekes Thesen auf sich hat, nehmen die Thesen aber ernst. Dass Unkrautvernichter wie Round-up der Vogelwelt das Futter stehlen, liege auf der Hand, sagt Florian Schöne vom Naturschutzbund Nabu. Er wie der Ornithologe Martin Flade vom brandenburgischen Landesumweltamt machen für den akuten Rückgang der Feldvögel einen anderen Grund aus: das Ende der Flächenstilllegung. Dies, so Schöne, habe „die Rückzugsräume vernichtet“. Flade belegt die Annahme in einem Beitrag für das britische Fachblatt Ibis. Danach habe sich die ohnehin von der Landwirtschaft geschröpfte Grauammer im Westen Deutschlands nur in einer ganz kurzen Zeit erholen konnte: als der Anteil der Flächenstilllegung auf zehn Prozent stieg. Doch die Flächenstilllegung wurde 2008 abgeschafft, der Grauammer geht’s seither wieder mies. Tendenz: weiter fallend, denn Flade glaubt an einen scharfen Knick nach unten für viele Feldvögel, der bereits 2010 augenscheinlich geworden sei.

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