Mr. Lowe, Mr. Tennant, Sie haben das Kunststück fertiggebracht, den deutschen Maler Gerhard Richter in einem britischen Pop-Text unterzubringen, in ihrem Song "Love etc." - so was hat man nicht alle Tage. Haben Sie einen Richter daheim in Ihrer Sammlung?
Chris Lowe: Lustig, dass Sie ihn in diesem Moment erwähnen. Ich habe gerade einen Richter-Katalog vor mir liegen, einen Band mit seiner Porträtmalerei aus seiner Ausstellung in London. Sie wirken wie unscharfe Fotografien, und sie haben erstaunliche Details. "Horst mit Hund" ist ein tolles Bild. Aber er beherrscht so viele unterschiedliche Stile, die ich alle mag. Leider besitze ich keines der Originale.
Tour-Termine in Deutschland: 5.12. Berlin, 6.12. Rostock, 9.12. Hamburg, 11.12. Magdeburg, 12.12. Münster, 14.12. Frankfurt
Aktuelles Album: "Yes" (Emi); ein "exzellentes Album", fand der britische Rolling Stone und entdeckte "eine Neigung zum Kunstvollen, mit Schnipseln aus Tschaikowsky und Atmosphärischem wie aus einem Spaghetti-Western, alles umhüllt von Synthesizern und House-Beats. Neil Tennant und Chris Lowe sind nun jenseits der 50, und einige ihrer Songs haben überraschend philosophische Wendungen."
Neil Tennant: Ich wünschte, ich hätte einen Richter gekauft, als das noch erschwinglich war. 1992 habe ich eine Schau in New York besucht - und war zu schüchtern, nach der Preisliste zu fragen.
Wenn Sie sichs aussuchen könnten - was wäre Ihr Favorit?
Tennant: Eines seiner gemalten Polaroids. Ich habe mich immer für die Grenze interessiert, an der gegenständliche Kunst auf das Abstrakte trifft, wo die greifbare Welt beginnt, ein paar Risse zu bekommen.
Lowe: Eines seiner abstrakten Bilder aus den 70ern, auf denen er systematisch kleine Farbquadrate aneinander reiht, die liebe ich sehr. Unser letztes Album-Cover, "Yes", ist definitiv von diesen Bildern inspiriert.
Richter gilt in Deutschland eher als Maler düsterer Alltagsszenen: Trübe Landschaften, Schäferhunde, tote Terroristen.
Tennant: So was mag ich allerdings auch, eine fabelhafte Schwarz-Weiß-Malerei.
Lowe: Wir sind auf Richter gestoßen, als wir in Köln eine Zwischenstation machten. Wir hatten eine Stunde Zeit, hockten erst in einem Bierkeller am Bahnhof und schauten uns dann noch im Dom um. Richters neues Kirchenfenster ist wirklich wunderschön, die reine Farbenpracht. In Deutschland gab es Diskussionen, habe ich gehört?
Ja, recht heftige. Schließlich hatten die Kirchenleute bei Richter Bilder von modernen Märtyrern bestellt, und er lieferte abstrakte Farbquadrate, vom Computer nach dem Zufallsprinzip angeordnet - Tenor der Kritiker war: Gott würfelt nicht.
Tennant: Verstehe. Bei uns in England haben wir häufiger moderne Künstler, die Kunst für die Kirche machen. Ich habe in Liverpool studiert, und dort gibt ist die Kathedrale selbst ja ein moderner Bau aus den 60ern, der bei den Leuten ziemlich beliebt ist - sie nennen ihn "Paddys Wigwam", wegen seiner exzentrischen Zeltform. Es sieht wunderschön aus, wenn die Sonne durch die bunten Fenster scheint. In Köln wirkt es ganz ähnlich.
Sie scheinen speziell zur Pop Art ein inniges Verhältnis zu haben - woher kommt das?
Lowe: Ich habe seit meinen Jugendzeiten eine enge Beziehung zu dieser Kunst, zu Andy Warhol und seinen Zeitgenossen. Ich mag immer noch die herrlichen Farben, die Unmittelbarkeit, die Oberflächlichkeit. Kann sein, dass es an meinem Alter liegt, aber Pop Art und Popmusik sind für mich immer miteinander verbunden gewesen.
Wenn man sich Originale wie Warhols Siebdrucke von Suppendosen heute im Museum anschaut, wirken sie ziemlich verstaubt.
Lowe: Ja, das ist schon richtig, und deshalb schaue ich mir manche Bilder lieber im gedruckten Katalog an, da wirkt alles frisch und schön glänzend. So sollte Pop wirken: direkt und pur. Es klingt vielleicht paradox, aber es ist so: Pop ist für den sofortigen Gebrauch gemacht - und doch ist es das, an was du dich aus deiner Kindheit erinnerst. Es ist vor allem nichts, was sich zu Ernst nimmt.
Tennant: Es ging den Popkünstlern doch vor allem darum, den Wert der Massenkultur anzuerkennen. Und das ist für uns auch heute noch richtig. Chris und ich waren immer ein Projekt der Massenkultur. Wir picken uns heraus, was wir brauchen.
"Beautiful people" ist ein Song, den Andy Warhol sicher gern mitgesummt hätte: Ein Lied über jemanden, der sich nur schöne Menschen um sich herum wünscht. Ein Beispiel für Ihren britischen Sarkasmus?
Lowe: Sarkastisch sind wir nicht, aber manche Songs haben sicher eine ironische Note. Dennoch sollen sie vor allem einen Sinn für Schönheit vermitteln. Auch da gibt es eine Nähe zur Kunst. Kennen Sie Jeff Koons riesengroß aufgeblasene Spielzeug-Figuren?
Nur aus dem Katalog.
Lowe: Sie mögen als ironischer Kommentar wirken, aber sie sind vor allem sehr, sehr schöne Objekte, riesengroß und glänzend.
Tennant: Leuten wie Warhol und Koons geht es doch auch darum, zu zeigen, wie viel Schönheit in ganz banalen Dingen stecken kann. Das ist eine Wahrheit, die wir auch auf unsere eigene Arbeit beziehen. "Beautiful People" ist ein gutes Beispiel dafür: Ein Lied über eine einfache Frau auf einer Parkbank, die all die vielen schönen Menschen um sie herum beobachtet und wünscht, genauso zu sein. Wir nehmen ihre Alltagssprache, um einen Popsong draus zu machen. Wir versuchen so, diese Leute zu heroisieren.
Popsongs sind meist weniger komplex als Werke von Malern wie Richter oder Hirst. Wie kann man diese Welten wirklich miteinander verbinden?
Tennant: Wir mögen Dinge, die möglichst einfach auf den Punkt gebracht sind. Erinnern Sie sich an die Covergestaltung unseres ersten Albums, "Please" von 1986: eine winzige Fotografie von uns mit einem dünnen Schriftzug auf einer großen weißen Fläche - das war geradezu schockierend minimalistisch in jener Zeit. Aber es war unsere Art, uns auszudrücken. Es war nicht dürftig, kein simpler Scherz, sondern geradeheraus. Und das ist bis heute so geblieben. Einen einfachen Akkord, einen einfachen Songtext zu finden: Das ist Kunst. Wir hassen die Fülle von beliebigen Details auf Bildern, und alle Albumtitel bestehen aus einem einzigen Wort.
Eine Masche, könnte man sagen.
Tennant: Nein, ein klares Konzept. Es ist eine wirklich anspruchsvolle Herausforderung für deinen Intellekt: Packe all den Inhalt deines Albums, alle Musik und Worte, in ein Wort.
Die Zusammenarbeit mit Künstlern geht nicht immer gut. Als Wolfgang Tillmanns ein Video für sie drehte, haben fast alle Musiksender es abgelehnt. War das zu viel der Kunst?
Lowe: Es war schon eine ziemliche Herausforderung für die MTV-Generation. Es zeigt Mäuse, die in Londoner U-Bahn-Anlagen herumkrabbeln. Man sieht nur, wie sie da unten nach Nahrung suchen - eine gute Idee, denn unser Song "Home and Dry" handelt vom Herumfahren und die Suche nach Geborgenheit. Aber es ist schon ein brutales Video, ohne all die üblichen Video-Effekte.
Tennant: Es war eine großartige Arbeit. Der einzige Fehler war: Wolfgang hätte diesen Film im 35-Millimeter-Format machen und im Kino zeigen sollen. Dann hätten die Leute es geliebt. Heute ist es Teil unserer DVD-Video-Kollektion - "Pop Art".
Interview: Thomas Wolff
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