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Philip Seymour Hoffman: "Die Menschen sind nicht normal"

Oscar-Preisträger Philip Seymour Hoffman spricht im FR-Interview über seltsame Typen und Musik seiner Jugend. Im Kino startet sein neuer Film "Radio Rock Revolution". ( mit Trailer)

Die Menschen sind seltsam, sagt Philip Seymour Hoffman, also kann ich auch keine normalen Menschen spielen.
Die Menschen sind seltsam, sagt Philip Seymour Hoffman, "also kann ich auch keine normalen Menschen spielen".
Foto: universal

Mr. Hoffman, Metallica oder Motörhead?

Ha! Ich bin zwar kein Metalhead - aber die mag ich beide.

Zur Person

Philip Seymour Hoffman, 41, spielte in über 40 Filmen, darunter "Magnolia", "Happiness" und "Der talentierte Mr. Ripley". Er ist auch, nachdem er 2006 für "Capote" den Oscar als bester Hauptdarsteller erhielt, weiterhin für Nebenrollen begehrt. Für sein Spiel in "Glaubensfrage" wurde er 2009 für den Oscar nominiert.

Hoffman, geboren im US-Staat New York, jobbte nach dem Abschluss an der New Yorker Tisch School of Arts als Kellner und Rettungsschwimmer. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.

"Radio Rock Revolution", der neue Film mit Hoffman, ist gerade in den deutschen Kinos angelaufen.

Beatles oder Stones?

Äh … ich weiß nicht.

Madonna oder Björk?

Oh Gott.

Interessieren Sie sich überhaupt für Musik?

Ja klar. Aber echt, Mann, sich zwischen solchen Alternativen entscheiden zu müssen, ist mir zu schwer.

In Ihrem neuen Film riskieren Sie am Ende Ihr Leben, damit die Musik nicht aufhört zu spielen. Gibt es eine Band, für die es sich zu sterben lohnt?

Nein. Keine Band. Es gibt Menschen, für die es sich lohnen würde.

Zum Beispiel?

Meine Kinder. Meine Familie. Keine Band.

Sie sind ein 80er-Jahre-Kind …

Na, na, 70er!

Schon klar. Aber die ganze Sache mit Pickeln, Stimmbruch, Mädchen kam ja wohl etwas später. Wie klingt der Soundtrack Ihrer Jugend?

Nach Disco. Nach Bee Gees und dem ganzen Kram. Und im College dann nach R.E.M., eine klasse Band.

Radio Rock Revolution (Trailer) Kinostart: 16. April 2009

Haben Sie sich jemals gewünscht, Rockstar zu werden?

Nein. Die Vorstellung, mich auf einer Bühne singen zu sehen, übersteigt meine Phantasie.

Stattdessen sind Sie nun Filmstar geworden und spielen in der Regel ziemlich seltsame Typen. Wieso eigentlich?

Weil Menschen nun mal seltsam sind. Sie sind seltsam, ich bin seltsam. Den "ordinary Joe" gibt es nicht. Zeigen Sie mir einen. Ich habe noch keinen gefunden.

Wie wär's mit Joe, dem Klempner, der vergangenen Herbst wochenlang durch den US-Wahlkampf geisterte.

Joe, the Plumber! Das ist ja wohl der seltsamste kleine Irre auf dem Planeten.

Würden Sie ihn spielen wollen?

Warum nicht. Aber noch mal: Die Menschen sind nicht normal. Keiner ist es. Also kann ich auch keine normalen Menschen spielen.

Ihre Figuren sind oft - wie soll ich sagen - etwas angeschmuddelt und …

… hässlich?

Ja, irgendwie schon. Sind Sie eitel?

Wer ist das nicht?

Auf der Leinwand hat man bei Ihnen den Eindruck nicht.

Da täuschen Sie sich. Nur weil ich mich auf der Leinwand nicht immer glatt rasiert zeige, heißt das nicht, dass ich uneitel bin. Meine Eitelkeit besteht zum Beispiel darin, dass ich genau kontrollieren will, wie man meine Filmfiguren betrachtet.

Mein Eindruck ist, dass niemand in Ihrer Generation eine so große Bandbreite von Filmfiguren darstellen kann. Wollen die anderen nicht - oder können sie nicht?

Ich glaube das nicht. Ich denke, da draußen sind viele gute Schauspieler, die das auch können. Schauen Sie sich alleine aus meiner Altersgruppe Robert Downey Jr. an oder Sean Penn oder Benicio del Toro. Aber eins stimmt auch: Die Zeiten für Allround-Schauspieler waren schon mal besser.

Sie scheinen immer noch zu machen, was Sie wollen. Wie gelingt einem das?

Das hat mit Entscheidungen zu tun. Was tust du? Und mit wem? Wovon lässt du besser die Finger? Ich glaube, ich habe mich bisher meistens richtig entschieden.

Der Oscar, den Sie für "Capote" erhielten, hat sicher auch nicht geschadet.

Das hat er nicht. Wenn du so einen Knaben gewinnst, bekommt dein Name natürlich mehr Gewicht. Plötzlich gehen einige Türen auf, die vorher verrammelt waren. Und du kannst vielleicht sogar dafür sorgen, dass ein Film gemacht wird, der sonst womöglich liegen bliebe.

Sie spielen nach wie vor auch sehr viel Theater. Ist das Ihr Fluchtort vor dem Hollywood-Irrsinn?

Obacht. Theater ist ziemlich irrsinnig. Da geht es oft genauso rücksichtslos und unbarmherzig zu wie im Filmgeschäft.

Aber es geht auch um weniger Geld.

Das stimmt, deswegen ist das Risiko kleiner. Anderseits gibt es im Theater bei einer Panne keine Wiederholung. Du kannst da einen sehr schnellen Tod sterben. Und das, nachdem du dir monatelang in Proben den Arsch aufgerissen hast. Also: Theater ist ein völlig anderes Monster als Film. Aber es kann einem umgekehrt so viel Freude bereiten, wie kein Film sie dir beschert. Deswegen mache ich das und werde auch nie damit aufhören.

Mr. Hoffman, als Sie auf dem College waren, soll Ihr Zimmergenosse mal zu Ihnen gesagt haben: "Du und ich, wir müssen eines Tages richtig gut sein, sonst werden wir es zu nichts bringen." Wissen Sie, was er heute macht?

Ja, er lebt jetzt in Los Angeles und spielt in einer Band. Im übrigen hat er Recht gehabt: Wir wussten schon damals, wenn wir jemals die Rollen von Schauspielern haben wollen, die wir bewundern - also etwa Gene Hackman oder Al Pacino - dann müssen wir tierisch hart dafür arbeiten. Talent ist gut. Reicht aber nicht.

(Interview: Jörg Schindler)

Datum:  16 | 4 | 2009
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