Strommasten knickten um wie Streichhölzer. Häuser wurden weggeschwemmt, als ob sie aus Pappkarton bestanden hätten. Mindestens 650 Menschen starben, als in der Nacht von Freitag auf Sonnabend riesige Wassermassen über die Ufer der Flüsse traten. Die Städte Cagayan de Oro und Iligan City an der Nordküste der philippinischen Insel Mindanao wurden in Sekundenschnelle überschwemmt und verwüstet.
Die Zahl der Toten stieg auch am Sonntag noch stündlich, denn die Fluten, die viele Bewohner der betroffenen Region im Tiefschlaf erwischten, zerstörten auch weite Teile der Umgebung. Gemeinden wurden verwüstet. Angesichts weggeschwemmter Straßen fiel es den rund 20 000 Soldaten im Rettungseinsatz am Sonntag noch immer schwer, einen genauen Überblick zu erhalten. Viele Opfer wurden von den Fluten ins Meer gespült. Laut offiziellen Angaben wurden am Sonntagabend immer noch 450 Menschen vermisst, das Rote Kreuz rechnet gar mit 808 vermissten Personen. Rund 100 000 der etwa 500 000 Bewohner von Cagayan de Oro sind obdachlos.
„Das Wasser hat das Elendsviertel, das neben unserem Haus stand, einfach ausradiert“, beschrieb ein Mann die Katastrophe. Er selbst konnte sich mit seiner Familie und 30 Nachbarn in die zweite Etage seines Hauses flüchten. Der Slum in Iligan City, der genau zwischen den übertretenden Flüssen lag, wurde zu 70 Prozent zerstört. Die meisten Toten stammen aus dem Armenviertel.
Am Sonntag gab es zumindest in einigen Stadtteilen wieder Strom. Aber die Leitungswasserversorgung lag immer noch brach. Arsenio Alagenio in dem Ort südlich von Cagayan gelegenen Ort Baungon konnte das Grauen kaum in Worte fassen. „Das ist das Schlimmste, was ich je erlebt habe“, erzählte er. Er war Sonnabend zusammen mit einigen anderen Männern und einem Polizisten von den Fluten erwischt worden, als die Gruppe in einem Nachbarort Schäden begutachten wollte. „Peanor, der Polizist, wurde weggeschwemmt. Wir haben seinen Kopf noch zwei Mal gesehen, dann blieb er verschwunden. Wir haben flussabwärts nur noch seinen Rucksack gefunden.“
Leichtsinn der Behörden
Viele Opfer der Katastrophe mussten mit dem Leben für den Leichtsinn der Behörden bezahlen. Sie hatten zwar bereits vier Tage vor der Katastrophe mehrmals täglich vor dem herannahenden Wirbelsturm „Washi“ gewarnt. Aber als der Tropensturm schließlich zwölf Stunden lang bis zu drei Zentimeter Wasser pro Stunde ablud, blieben die Bewohner noch gelassen und die Behörden gaben keinen zusätzlichen Alarm. Denn der Regen ging überwiegend in den Bergen der Umgebung nieder. Die durchschnittlich 20 Taifune, die jährlich die Philippinen heimsuchen, verwüsten zudem im allgemeinen die Insel Luzon weiter im Norden. Mindanao wird, wenn überhaupt, im Durchschnitt nur alle zwölf Jahre von Unwettern betroffen.
Vicente Emano, der Bürgermeister der am schlimmsten betroffenen Stadt Cagayan de Oro übte heftige Kritik am Warnsystem der Behörden. „Ja, ein paar Offizielle sind vor dem bevorstehenden Unwetter gewarnt worden“, sagte er am Sonntag, „aber die Bevölkerung wurde nicht ausreichend informiert.“ Es ist nicht ausgeschlossen, dass der Vorwurf des Bürgermeisters zutrifft. Denn das Verhältnis der Zentralbehörden auf den überwiegend katholischen Philippinen zu den Lokalbehörden des von Moslems dominierten Mindanao ist oft nicht das Beste.
Die Inselbewohner wiegten sich denn auch noch in Sicherheit, als der Sturm längst über Mindanao wütete und die Katastrophe ihren Anfang nahm. Die Wassermengen, die aus den Bergen Richtung Tal schossen, traten über die Flussufer. Einem Schlammtsunami ähnlich schoss das Wasser blitzschnell über die dicht besiedelten Gebiete hinweg. Am schlimmsten wütete die Blitzflut entlang der Flussufer – dort, wo Tausende Filipinos in Elendsvierteln hausten. „Ganze Familien sind verschwunden“, berichtete ein Überlebender, „und es gibt nun niemand mehr, der ihr Fehlen meldet.“
Nur noch Tote werden geborgen
Die wenigsten hatten so viel Glück wie die 42-jährige Carmelita Pulosan. „Wir hörten einen lauten Knall“, erzählte sie, „und waren plötzlich mitten im Fluss.“ Mit acht Verwandten kletterte sie auf das Wellblechdach ihrer Hütte und musste ohnmächtig mitansehen, wie sie ins offene Meer hinausgetrieben wurden.“ Ein Frachter fischte sie Stunden später raus.
Auch am Sonntag suchten Fischkutter und Rettungsboote noch nach Überlebenden im offenen Meer. Doch die Besatzungen mussten sich damit abfinden, wie die Rettungsmannschaften, auf dem Festland nur noch Tote zu bergen. „Unsere Soldaten sind damit beschäftigt, Särge zu zimmern“, erklärte General Roland Amarille, „wir brauchen unbedingt Plastiksäcke und Kalk für die vielen Toten. Denn die Leichen stapeln sich mittlerweile sogar auf den Fluren der Leichenschauhäuser.“
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