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Plagiatsfall Hegemann: Der Abgeschriebene

Ex-Blogger "Airen" ist irritiert über seinen plötzlichen Ruhm. Er bereut es inzwischen, an die Öffentlichkeit gegangen zu sein. Von Johannes Gernert und Boris Halva

Ist inzwischen sehr bekannt, will aber anonym bleiben: Airen.
Ist inzwischen sehr bekannt, will aber anonym bleiben: Airen.

Der Medienrummel scheint ihm derzeit ein bisschen über den Kopf zu wachsen. Schon vor dem Wochenende sagte der ehemalige Blogger Airen eine Interviewanfrage ab. Auf keinen Fall, es sei zu viel los im Moment, schrieb er da. Am Montag klingt die Absage auf eine weitere Anfrage förmlicher: "Ich habe mit meinem Verlag abgesprochen, mich zunächst nicht mehr zu äußern und muss mich daran auch halten. Ich hoffe, Sie können das verstehen."

Zuletzt hatten verschiedene Medien berichtet, der Ullstein Verlag werde Airens Buch "Strobo", aus dem die 17-jährige Helene Hegemann einige Passagen für ihren Bestseller "Axolotl Roadkill" (ebenfalls bei Ullstein veröffentlicht) abgeschrieben hatte, im Herbst als Taschenbuch herausbringen - sozusagen als Entschädigung. Aber gerade zu diesem Thema "soll ich die Klappe halten. Es ist mir echt unangenehm, so abzublocken, aber ich darf leider nichts sagen", schrieb der in Berlin lebende Ex-Blogger, der seine Identität weiterhin geheimhalten will, am Montag in einer Mail an die FR.

Original & Kopie

Airen, 27, ist der Autor des Buches "Strobo" (Sukultur), aus dem die 17-jährige Autorin Helene Hegemann für ihren Roman "Axolotl Roadkill" ganze Passagen übernommen hat. Hegemann hat inzwischen zugegeben, dass ihr viel diskutiertes Buch kopierte Passagen aus dem Werk des Ex-Bloggers enthält.

Airen lebt in Berlin. Er ist inzwischen verheiratet und hat eine Tochter. Er will seine Identität geheim halten, aus Angst, seine Vergangenheit könnte ein Nachteil bei der Jobsuche sein. Angesichts der Popularität des Falls dürfte das zunehmend schwerer werden.

Der Blogger und sein Verlag möchten, dass Ullstein in der nächsten Auflage von "Axolotl Roadkill" Verweise auf die Quellen einfügt. Ullstein soll Medienberichten zufolge zugesagt haben, "Strobo" im Herbst als Taschenbuch herauszugeben. Bestätigt wurde dies weder vom Autor noch vom Verlag. (boh)

Helene Hegemann hat den Ex-Blogger Airen berühmt gemacht.
Helene Hegemann hat den Ex-Blogger Airen berühmt gemacht.
Foto: dpa

Genau das ist sein Dilemma: Seine Bekanntheit wächst täglich - dabei möchte er unerkannt bleiben. Als der 27-Jährige vor ein paar Tagen einigen Zeitungen erste Interviews gab, traf er sich mit den Journalisten in Wohnungen von Bekannten. Dem Spiegel stellte er gestern ein Bild von sich zur Verfügung, auf dem man ihn im Gegnensatz zu den verfremdeten Bildern, die sonst von ihm im Umlauf sind, gut erkennen kann. Inzwischen bereue er selbst das, schrieb Airen der FR.

Ob er es nun will oder nicht: Das Plagiat von Helene Hegemann hat ihn berühmt gemacht. Je weiter der Roman der jungen Bestsellerautorin in den Buchhitlisten aufstieg, desto mehr Leute fragten sich zunächst: Wie sehr gleichen sich Hegemann und ihre Romanfigur Mifti? Es war doch ein etwas abgefahren abgefucktes Leben, das Hegemann da beschrieb, mit all der Techno-Ekstase, dem Sex und den Drogen. Dann kam heraus, dass sich die Autorin diese Mifti-Figur ihres Romans "Axolotl Roadkill" teilweise zusammengeklaut hat. Ein Identitätsdiebstahl. Die kopierten Charakterzüge stammen von dem Blogger Airen. In seinem Internettagebuch hat er schon vor fünf Jahren von exzessiven Techno-Nächten voller Sex und chemischer Drogen berichtet.

Nach allem, was man jetzt über ihn weiß, ist Airen 1981 in Bayern geboren, kam mit 17 nach Berlin und machte 2001 Abitur. Dem Wirtschaftsstudium folgte ein Praktikum in einer Unternehmensberatung. Er fühlte sich da sehr alleine. An den Wochenenden ließ er sich von der Club-Kathedrale namens "Berghain" aufsaugen, die kürzlich zum besten Technoladen der Welt gewählt worden ist. Er hatte Sex mit Männern und Frauen, wurde wegen Drogen festgenommen, saß im Gefängnis. Erwacht aus dem Valiumschlaf tippte er weltschmerzverzerrte Erinnerungen in den Blog, der für ihn wie ein Freund war, dem er alles erzählen konnte.

Ein kleiner Verlag hat die Episoden gedruckt. "Das Buch ist im Rausch erlebt und im Rausch geschrieben", sagt Airen kürzlich in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. "Helene Hegemann hat das nicht erlebt. Ich habe das so erlebt." Die Autorin hat das angeblich Echte für ihre Mifti geklaut und es zu einer Fiktion gemacht, von der manche dachten, sie sei keine.

Das Ursprungs-Ich dieser literarischen Verfälschung will nicht zu viel über sich preisgeben. Für die hemmungslose Feier-Subkultur ist Berlin zwar weltweit bekannt. Als Empfehlungsschreiben für einen Job taugen Airens Blog-Einträge kaum. Die Vorsicht ist verständlich. Mit seiner Familie gab es wegen seiner Schilderungen aus dem Nachtleben offenbar schon Ärger. Würde er seine Identität preisgeben, ginge er damit fast so weit wie die britische Sex-Bloggerin "Belle de Jour" alias Brooke Magnanti, die im November 2009 aus der Online-Anonymität heraustrat und sich auf der Titelseite der Sunday Times abbilden ließ. Viele hatten bis dahin spekuliert, ihre Call-Girl-Geschichten erfinde ein alter Mann.

Für den anfangs unbekannten Airen, dessen medial gezeichnete Silhouette nun immer feinere Konturen gewinnt, ist es eine Gratwanderung: Er wünscht sich mehr Aufmerksamkeit für sein Buch, wohl auch, weil er gerade arbeitslos ist und das Geld gebrauchen könnte. Wenn er Helene Hegemann in der Harald-Schmidt-Show sitzen sieht, findet er - obwohl er ihre Geschichte mag - manches ungerecht: "Er hat ihr Buch zehnmal in die Kamera gehalten und meines überhaupt nicht." Andererseits kann sich Airen nicht über mangelnde Aufmerksamkeit beschweren: Beim Online-Buchhändler Amazon ist "Strobo" unter den Top 100, Hegemanns Buch unter den Top Ten.

Airen distanziert sich mittlerweile von seiner Vergangenheit. Er habe in Mexiko, wo er zwischenzeitlich gelebt hatte, seine Frau Nancy kennengelernt und sie geheiratet. "Ich hoffe jetzt, dass der Trubel bald wieder abflaut", sagt er. Eine banale Hochzeit ist jedenfalls nichts, was ihm Helene Hegemann für ihren nächsten Roman-Plot klauen dürfte.

Autor:  Johannes Gernert und Boris Halva
Datum:  15 | 2 | 2010
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