Für Piraten ist dieses Schiff eine Provokation: Es fährt unter Schweizer Flagge (viel zu holen), liegt tief im Wasser (leicht zu entern), und seine Spitzengeschwindigkeit beträgt 26 Kilometer in der Stunde (geringe Fluchtgefahr). Der mit Sonnenenergie betriebene Katamaran PlanetSolar, der dieser Tage durch den Golf von Aden schleicht, um ins Rote Meer zu gelangen, könnte eine leichte Beute für die somalischen Freibeuter sein. Aber der Schein trügt, das Schiff ist schwer bewacht. Um es zu kapern, müssen die Piraten sich etwas Besonderes einfallen lassen. Noch haben sie nicht zugeschlagen.
Die Crew ist nun schon fast anderthalb Jahre unterwegs
Angetrieben wird der Katamaran PlanetSolar durch Sonnenenergie. Das gesamte Deck ist auf einer Fläche von gut 500 Quadratmetern mit Solarkollektoren gepflastert. Mehr als achthundert Module liefern die Energie für vier Elektromotoren mit einer Gesamtleistung von 326 PS (240 Kilowattstunden).
Die Höchstgeschwindigkeit beträgt 14 Knoten, was 26 Kilometer pro Stunde entspricht. Im Durchschnitt ist der Katamaran bisher mit sieben Knoten (13 Kilometer pro Stunde) vorangekommen.
Die Passage zwischen der Arabischen Halbinsel und dem Horn von Afrika ist die gefährlichste Etappe auf der langen Reise der PlanetSolar. Seit dem Start in Monaco am 27. September 2010 ist die kleine Crew nun schon fast anderthalb Jahre unterwegs. Sie hat Stürmen im Atlantik und zehn Meter hohen Wellen vor Australien getrotzt, technische Pannen in der Südsee und vor Abu Dhabi gemeistert, sie hat korrupte Militärs in Vietnam ausgetrickst und im Pazifik springenden Walen in die Augen geschaut. Und in den Häfen dieser Welt hat sie Tausende von Menschen begeistert: mit ihrem schnittigen Katamaran, dem nach eigenen Angaben weltweit größten Solarboot, aber vor allem mit ihrer Mission.
PlanetSolar kam wegen tagelangem Regen kaum von der Stelle
Dieses Ziel ist es, was die Seeleute zusammenschweißt: Sie wollen die ersten sein, die mit einem Solarschiff einmal die ganze Welt umrunden. „Dann ist bewiesen, welch großes Potenzial die Sonnenenergie für die Schifffahrt hat“, sagt Raphael Domjan, der schweizerische Initiator des Projekts. Auf dessen Erfolg hofft auch der Darmstädter Unternehmer Immo Ströher, der den Bau des 15-Millionen-Euro-Schiffes finanziert hat und für einen Großteil der laufenden Kosten, inklusive Sicherheit, aufkommt.
Gebaut wurde das Schiff auf der Kieler Yachtwerft Knierim. Der Katamaran aus kohlefaserverstärktem Material entstand in nur 14 Monaten, vom Stapel lief er im März 2010. Der Konstrukteur gestaltete das Schiff als Wave Piercer, das heißt: Die beiden Rümpfe gleiten nicht über die Wellen, sondern durchschneiden sie. Dass ein Unwetter trotz dieses Designs immer noch sehr unangenehm ist, merkte die Besatzung schon bald nach dem Ablegen in Monaco. Es regnete damals tagelang, das Schiff kam kaum von der Stelle. Außerdem wurde die Crew von heftigem Seegang überrascht. „Da hat sich eine fiese Welle aufgebaut im Mittelmeer, fünf Meter hoch und dazu sehr kurz. Das ist für Yachten nicht so erfreulich, denn man fährt hoch, knallt runter und trifft gleich auf die nächste Welle. 36 Stunden hat das Unwetter uns beschäftigt“, erinnert sich der heute 27 Jahre alte Bootsmann Jens Langwasser aus Rostock.
PlanetSolar muss den Golf von Andenüberqueren
Aber das ist eine Weile her. Im Mai wollen Domjan und seine Leute wieder in Monaco einlaufen. Um ihr Ziel via Suezkanal und Mittelmeer zu erreichen, müssen sie jedoch erst einmal heil durch den Golf von Aden kommen. Einen anderen Weg gibt es für die PlanetSolar nicht, weil sie auf die Energie der Sonne angewiesen ist. Deshalb führt die genau ausgetüftelte Route immer in der Nähe des Äquators entlang. Der große Umweg über das Kap der Guten Hoffnung, den viele Handelsschiffe mittlerweile nehmen, ist für den Solar-Katamaran keine Alternative.
"Die Piraten seien bestens informiert"
Und so kommt es, dass für eine Weile niemand Geringeres als der Ex-Armeechef der Schweiz, Christophe Keckeis, das Kommando an Bord übernommen hat. Die Piraten seien bestens informiert, sagt Keckeis, sie wüssten genau, dass mit der PlanetSolar ein hohes Lösegeld zu erzielen sei: „Ein Schiff, das unter Schweizer Flagge fährt, einen deutschen Eigentümer hat und einen französischen Kapitän, das ist gleichbedeutend mit Reichtum.“
Schweigepflicht bis Anfang März
Wie Keckeis die Crew und das Schiff schützen will, wird nicht verraten – die Piraten könnten die Informationen für sich nutzen. Dass sie mit entschlossenem Widerstand rechnen müssen, ist jedoch klar. Vielleicht reist derzeit eine Equipe der französischen Marine mit der Besatzung, so wie es Christophe Keckeis kürzlich in einem Fernsehinterview als ideale Lösung vorgeschlagen hatte. Vielleicht wachen aber auch Söldner eines privaten Unternehmens über die PlanetSolar.
Derzeit kann über die Geschehnisse an Bord nur spekuliert werden. Die Internetseite der sonst so auskunftsfreudigen Crew wurde Anfang Februar eingefroren, die Bordjournaleinträge mit genauen Positionsangaben bis auf weiteres vertagt. „Wir sind bereit, technisch und psychologisch. Seit einigen Tagen schon konzentrieren wir uns ganz auf die Mission, die uns erwartet“, schreibt Raphael Domjan in seiner letzten Logbuchnotiz. Und er gibt sich zuversichtlich: Anfang März werde man sich wieder treffen, dann sei die PlanetSolar in den warmen Gewässern des Roten Meeres angekommen. Sein nächstes Öko-Abenteuer hat der 39-jährige Visionär aus der Schweiz jedenfalls schon im Kopf. Details lässt er sich nicht entlocken. Schließlich hat er gerade Wichtigeres zu tun.
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