Als man Heide Simonis die Macht genommen hatte, begann sie zu singen und zu tanzen. Hans Eichel zerlegte sein halbes Haus. Günther Beckstein floh nach Tibet. Plötzlich hatten sie eine Freiheit, die sich keiner von ihnen ausgesucht hatte. Sie leiden darunter noch heute.
Ihre Politik-Kollegen Ole von Beust und Roland Koch haben sich in diesem Jahr selbst entmachtet. Ende August ist für beide Schluss. Der eine will jetzt häufiger auf seine Lieblingsinsel Sylt und danach ein bisschen als Anwalt jobben. Der andere macht erst mal Urlaub, Ratschläge will er sich künftig verkneifen. Beide sagen, sie freuen sich auf ihre Zukunft. Simonis, Eichel und Beckstein sagen: Die werden sich noch wundern.
Auf dem Klingelschild in Kiel steht „Siemonis“. Mit E. Sie findet das witzig. Sie hat es nicht ändern lassen. Es ist ein Fortschritt gegenüber dem Tarnnamen „Hesius“ an ihrer vorigen Wohnung. Das U stand für ihren Mann Udo, der Rest für sie. „Siemonis“ kommt den Tatsachen näher. Sie ist jetzt fast schon bei sich selbst angekommen.
Heide Simonis empfängt den Besucher in ihrem Wohnzimmer. Sie trägt eine lila Bluse und eine lilageränderte Brille, ein Vanilleduft begleitet sie. Ihr neues Leben liegt in Fetzen vor ihr. Es sind Hunderte Stoffquadrate, in allen möglichen Farben und Mustern, sie hat sie über den Teppich verteilt. Sie muss sie nur noch vernähen, dann hat sie ihren nächsten Quilt fertig. „Da brauche ich ein ganzes Jahr für“, sagt Simonis. „Ich hab’ ja jetzt viel Zeit.“ Sie hat jetzt sehr viel Zeit. Deswegen hat sie gerade wieder ein Buch geschrieben. Es heißt „Verzockt!“ und ist ein ziemlich wütendes Pamphlet gegen die Versager vom Finanzmarkt und in der Politik. Ein Krimi ist in Arbeit. Die Heldin ist eine Frau. Und nachher um vier muss das Gespräch leider beendet sein. Da hat sie Gesangsunterricht. „An tollen Tagen“, sagt Simonis, „kriege ich sogar das Hohe C gestemmt.“
Simonis ist jetzt 67 und scheint nicht mehr allzu gut zu Fuß zu sein, selbst in ihrer Wohnung setzt sie vorsichtig und etwas unstet Schritt vor Schritt. Aber es sieht nicht so aus, als wolle sie zur Ruhe kommen.
Fünf Jahre ist es jetzt her. „Die Schlachtbank-Geschichte“, wie sie es selber nennt. Vier Mal hatte sie sich an jenem 17. März 2005 im Kieler Landtag zur Wahl gestellt. Vier Mal wurde sie nicht gewählt. Bis dahin war sie immer eine der Ersten gewesen. Älteste von drei Schwestern. Mit 33 in den Bundestag. Erste Ministerpräsidentin eines Landes. Und nun plötzlich auch: erste gewesene Ministerpräsidentin. Ein Jahr habe sie gebraucht, bis ihr Leben wieder „so richtig eingerüttelt“ war. Die „emotionale Wut“ aber spürt sie bis heute. Der Genosse, der sie damals nicht wählte, er ist auch fünf Jahre später „ein Arschloch“. Sie würde viel darum geben, wüsste sie, wer es war.
Sie hatte doch einen Plan. Noch einmal Regierungschefin, dann nach zwei Jahren die Stabübergabe, der geordnete Rückzug. Pattex-Heide? Über das alte Klischee lacht sie. „Blödsinn.“ Macht habe sie gewollt, um etwas zu machen. Deshalb wäre ihr nie eingefallen, einfach so zu gehen. Um etwa mehr Zeit für das Leben auf einer Insel zu haben. Oder weil es Anderes im Leben gebe. Oder weil sie, wie Horst Köhler, den nötigen Respekt für das Amt vermisste. „Männer!“, sagt Simonis. Und: „Die sagen nicht die Wahrheit!“
Simonis wundert sich über eine so ungenierte Pflichtvergessenheit. Als 2003 bei ihr Brustkrebs diagnostiziert wurde, da ließ sie sich samstags operieren, und dienstags drauf verlieh sie Gerhard Stoltenberg die Ehrenbürgerwürde. So mache man das. Da sei sie wie ihr Vater, der „verdammte Preuße“.
Aber gut, jetzt sei es eben vorbei. Nach 30 Jahren Politik. Sie hat nicht geweint, „das hätte noch gefehlt“. Aber sie hat gelitten. Und sie ist sicher: „Koch und Beust werden auch leiden – da können die sagen, was sie wollen.“ Man wird nicht mehr eingeladen. Man sitzt nicht mehr ganz vorne. Man kann nicht mehr mit jedem reden. – Und auch nicht mehr mitbestimmen? „Ja, ja, das kommt noch dazu.“ Man war mal was. Und ist plötzlich nichts mehr.
Was sie seither anpackte, ging merkwürdig schief. Als Unicef-Chefin musste sie 2008 abdanken, obwohl sie den Spendenskandal doch aufklären wollte. Durch „Let’s dance“, die RTL-Show, wurde sie zu „Hoppel-Heide“. Im Frühjahr gab sie fürs ZDF die „Promi-Paukerin“ – hat auch nicht so geklappt. Sie ist jetzt oft zu Hause und sammelt Sachen für ihre Wohnung. Die mutet schon jetzt wie ein Großraum-Museum an, mit Regalen voller Art-Deco-Vasen, Puppen, Lock-Enten und einer Galionsfigur, die sie von ihren Ministern zum Sechzigsten geschenkt bekam. Manchmal ruft sie Genossen an, manchmal, eher selten, wird sie angerufen, manchmal zeigt sie sich für gute Zwecke. Seit einem Vierteljahr ist sie außerdem wieder Präsidentin. Vom Sängerbund Schleswig-Holstein. Der hat mehr Chöre als die SPD Ortsvereine. „Tja“, sagt Simonis, „irgendein Amt hab’ ich immer.“
Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Genau die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.
Werben auf dem iPad
Das iPad als Werbeform bietet besonders viele Möglichkeiten. Gerne beraten wir Sie persönlich.