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18. Juni 2010

Polit-Posse: Papst auf Abruf

 Von Joachim Wille
Die nackte Wahrheit: Es ist nur ein Gaukler - sagt Peter Lenk. Foto: O. Hanser

Ist das etwa Benedikt? Eine nackte Figur in Konstanz erregt baden-württembergische CDU-Größen. Der Künstler Peter Lenk aber hält dagegen. Von Joachim Wille

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Zur Person

Peter Lenk, 63, ist ein Bildhauer aus Bodman am Bodensee mit dem Lebenselixier Provokation. Zu seinen bekanntesten Werken gehören die Imperia in der Hafeneinfahrt von Konstanz (1993), das Triptychon "Ludwigs Erbe" (2008) in Ludwigshafen am Bodensee und der "Pimmel über Berlin" (2009).

Im Skulpturenpark Bodman sind einige seiner Werke und Entwürfe zu sehen. Derzeit stellt Lenk mit seiner Tochter eine neue Figur fertig. Thema? Top secret. (jw)

Ortstermin Konstanz, Bahnhof, Touristenzentrale. Zum Gesichtstest.

Der nackte Mann sitzt auf einem Podest, links neben dem Eingang. Die Tiara auf dem kahlen Schädel weist ihn als gewählten Papst aus. Er ist faltig, guckt verkniffen, die Augenlider hängen tief. "Unser Benedikt", wie die Bild-Zeitung zu wissen glaubte? Wer meint, in dieser steinernen Visage den Ratzinger-Papst zu erkennen, muss entweder Hochprozentigem zu stark zugesprochen haben oder sonstwie umnebelt sein. Und doch hat dieses Missverständnis die aktuelle Konstanzer Polit-Posse um die Skulptur des Satire-Künstlers vom Bodensee, Peter Lenk, erst so richtig in Fahrt gebracht.

Peter Lenk
Peter Lenk
Foto: dpa

Der nackte Papst ist eigentlich nicht neu. Aber so nah hat man ihn noch nicht gesehen, das macht den Unterschied.

Schon seit 1993 thront das hutzlige Männlein auf einer Hand der neun Meter hohen Imperia - einer Statue, die an prominentester Stelle im Hafen der Bodensee- und Universitätsstadt Konstanz steht. Vorbild der Lenkschen Imperia war die Kurtisane dieses Namens, die zusammen mit Hunderten Kolleginnen während des vierjährigen Konzils von Konstanz - 1414 bis 1418 - den zahlreich dort anwesenden geistlichen und weltlichen Potentaten den Aufenthalt verschönert haben soll.

Sind doch nur Gaukler

Neben dem hüllenlosen Papst, angeblich dem auf dem Konzil gewählten Martin V. nachempfunden, trägt die 18 Tonnen schwere leichte Dame auf der anderen Hand noch die Figur des damaligen Kaisers Sigismund. Lenk selbst bezeichnet die beiden als Gaukler, die sich die Insignien der Macht nur widerrechtlich aufgesetzt hätten.

Seit kurzem nun also sitzt der Lenk-Papst als 700 Kilo schwere Beton-Kopie im Touristen-Büro, aber nur noch auf Abruf. Denn der nackte Papst soll weg, egal, ob die Figur Benedikt XVI. darstellt oder Martin V. oder sonstwen. Aber Lenk legt sich quer. Das versteht er als seinen Job.

Der passionierte Bildhauer-Provokateur, der schon Bild-Chefredakteur Kai Diekmann mit Sechs-Meter-Penis, eine barbusige Angela Merkel und einen CDU-Fraktionschef Volker Kauder mit Bananen-Röckchen satirisch aufspießte, fühlt sich verarscht. "Erst beknien sie mich, was für die Stadt und ihr neues Touristenzentrum zu machen, und nun das", sagt der 63-jährige schnauzbärtige Schlaks, der in Bodman am Bodensee lebt und arbeitet.

Die vier Wochen Mindest-Schauzeit, die der Künstler sich und seinem Papst erstritt, als der Streit hochkochte, sind vorbei, doch nun geht er in die Verlängerung. Mindestens bis Ende September will er seine 700 Kilo schwere Figur öffentlich ausgestellt sehen - "bis der Kurzsichtigste gemerkt hat, dass es sich nicht um Papst Benedikt handelt". Dann, meint Lenk, könnte der Papst-Platz neben der Touri-Theke für die Werke anderer Künstler genutzt werden. "Dann hätte die Provinz-Posse für die Kunst in Konstanz wenigstens noch etwas Positives", sagt er.

Der Chef der städtischen Konstanzer Tourist-Information (TIK), Norbert Henneberger, hatte den Papst Anfang Mai noch stolz als Attraktion des frisch renovierten Konstanzer Bahnhofs präsentiert. Er hatte ja auch die Idee dazu gehabt und Lenk vom Papst-Remake überzeugt. Nur wenige Tage danach kam der Rückzieher. Die TIK teilte mit, die Lenk-Leihgabe wieder abbauen zu wollen. Es habe "Missverständnisse" gegeben, meinte Henneberger etwas unscharf. Aber welche eigentlich?

Falsch verstanden hatte auf jeden Fall die Bild-Zeitung die Sache. Lenk bekam sein Fett ab. Bild schrieb in der Südwest-Ausgabe moralisch tief empört: "Die Figur zeigt unseren Papst Benedikt XVI., splitterfasernackt." Ausgerechnet den Papst also, den Konstanz gerne bei den geplanten Feiern zum 600-jährigen Jubiläum des historischen Konzils anno 2014 begrüßen würde.

"Widerwärtige Kunst"

Offenbar angeregt durch die Bild-Interpretation stiegen in derselben Ausgabe denn auch zwei baden-württembergische CDU-Größen ein. Generalsekretär Thomas Strobl meinte: "Das Treiben des Herrn Lenk macht nicht einmal vor religiösen Gefühlen halt." Und der Stuttgarter Innenminister Heribert Rech sekundierte: "Kunst darf sich nicht die Freiheit nehmen, widerwärtig zu werden." Bild musste eine Gegendarstellung drucken.

Doch damit war die Sache nicht aus der Welt. Die Relegation läuft weiter, obwohl die Empörung der Konstanzer sich in Grenzen hält. Die örtliche Union mosert zwar, und die katholische Kirche zeigt sich indigniert. "Keine Stadt der Welt würde wohl ihre hoffentlich zahlreichen Besucher von 2014 bis 2018 mit einer Figur begrüßen, die viele befremdet oder mit Abscheu bis Ekel erfüllt", meint zum Beispiel Pfarrer Mathias Trennert-Helwig von der Münsterkirche. Auch erschienen geharnischte Leserbriefe im Regionalblatt Südkurier.

Doch eine Demo hat es noch nicht gegeben - und auch keinen Protest gegen den Imperia-Papst im Touristen-Büro. "Die meisten, die ihn hier gesehen haben, waren angenehm überrascht", berichtet dort der Mann an der Info-Theke. Touristik-Chef Henneberg hält sich nach seiner Bauchlandung inzwischen ziemlich bedeckt. "Die Meinungen zur Figur gehen weit auseinander", lässt er als Erkenntnis aus den letzten Wochen wissen. Und dass der TIK-Aufsichtsrat nun am 30. Juni endgültig entscheiden soll, ob die Figur entfernt wird.

Lenk ist gespannt, aber so sehr auch wieder nicht. "So einfach", sagt er, "kriegen sie den Papst da nicht raus". Der Künstler hat Erfahrung mit den Konstanzern. Seine berühmte Imperia sollte auch weg. Sie steht nun seit 17 Jahren. Und heute rühmt sich die Stadt ihres Wahrzeichens.

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