Das "Phantom" erblickte das Licht der Kriminalisten-Welt vor gut acht Jahren. Bei der Untersuchung ungeklärter Altfälle meldete das LKA Rheinland-Pfalz 2001 einen Treffer: An dem Blumendraht, mit dem die Rentnerin Lieselotte Schlenger 1993 in Idar-Oberstein ermordet worden war, fand sich DNA. Es war der Gencode jener Frau, die ihre Spur auch an einem Tatort im südbadischen Freiburg 2001 hinterlassen hatte. Dort war der Rentner Josef Walzenbach erdrosselt worden. Jetzt fahndeten Sonderkommissionen in zwei Bundesländern nach einer vermutlich skrupellosen Mörderin. Die Frau hatte keinen Namen, keine Nationalität, kein Gesicht. Acht Jahre später scheint festzustehen: Es hat sie nie gegeben.
Die Phantom-These ist von der Wattestäbchen-Hypothese abgelöst worden. Baden-Württembergs Justizminister Ulrich Goll hält sie für die "höchst wahrscheinliche" Erklärung. Die bisher 40 Funde identischer genetischer Codes an Tatorten in Deutschland, Österreich und Frankreich stammen schon von einer Frau; es ist aber womöglich die Arbeiterin einer Firma, die jene Wattestäbchen herstellt, mit denen Kriminalbeamte Spuren sichern.
Von einem österreichischen Unternehmen stammen nach FR-Recherchen die möglicherweise mit DNA verunreinigten Wattestäbchen. Die Firma hat verschiedene Landeskriminalämter in Deutschland mit Laborartikeln beliefert. Sie soll Ableger auch in Baden-Württemberg und Bayern haben.
Der Leiter des Kriminaltechnischen Instituts des Landeskriminalamts Baden-Württemberg, Werner Kugler, sagte, derzeit werde der Vertriebsweg der Wattestäbchen nachvollzogen, "um festzustellen, wo eine DNA-Verunreinigung stattgefunden haben könnte". Die infrage kommenden Wattestäbchen seien aus dem Ausland importiert worden. Die Kunststoffröhren und der dazugehörige Deckel würden aber in Deutschland produziert.
Eine Zuliefererfirma in Deutschland füge die Einzelteile zusammen. "Dort sind gerade Kollegen, um herauszu- finden, ob das Zusammenfügen der Teile automatisch oder händisch passiert", sagte Kugler. Es könne sein, dass eine Mitarbeiterin die Wattestäbchen beim Zusammenfügen mit ihrer DNA verunreinigte. "Ein sicherer Ausschluss ist nur durch eine Vergleichsspeichelprobe möglich." Ergebnisse gebe es nächste Woche.
Mehrere tausend Wattestäbchen in ganz Baden-Württemberg wurden vom LKA aus dem Verkehr gezogen. Es handelt sich dabei "um alle in Frage kommenden Chargen", die verunreinigt sein könnten, so das LKA.
Das Land Baden-Württemberg will den Hersteller von Wattestäbchen verklagen, wenn Verunreinigungen zu falschen DNA-Proben im Fall des "Heilbronner Phantoms" geführt haben. "Dann wird einiges auf die Firma zukommen", sagte Innenminister Heribert Rech (CDU). Seit dem Heilbronner Polizistenmord 2007 habe die Polizei "riesige" Arbeits- und Materialkosten gehabt.
Bestätigt sich dieser Verdacht, dem Landeskriminalämter offenbar seit fast einem Jahr nachgehen, ist der Ermittler-GAU perfekt. Dann fällt auch die Gewissheit, die DNA-Beweise bisher verbreiten. Dann seien neue Sicherhungsverfahren für DNA-Untersuchungen nötig, sagt Minister Goll. Und Konrad Freiberg, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei, fordert "gezielte Qualitätsvorgaben" für die Produzenten polizeilicher Arbeitsmaterialien, verbunden mit "strengen Kontrollen". Um Kontamination mit DNA zu verhindern, sind etwa Reinraum-Produktionsbedingungen wie in der Chip-Industrie denkbar.
Frank Huber, 41, hat möglicherweise zwei Jahre seines Polizistenlebens mit der Suche nach einem Fabelwesen verbracht. Kriminalrat Huber, ein drahtiger, energischer Mann, leitet die Soko Parkplatz. Am 25. April 2007 war auf einem Festplatz in Heilbronn die Bereitschaftspolizistin Michèle Kiesewetter mit Schüssen regelrecht hingerichtet worden, ihr Kollege im Wagen überlebte schwer verletzt. Später fand sich in dem Polizeifahrzeug die DNA des "Phantoms"; es war die Spur 27 einer bis heute auf 40 angewachsenen Liste von DNA-Funden der "UWP", der unbekannten weiblichen Person.
"Wir sind breit aufgestellt", sagte Huber noch vor kurzem der FR. Im Lauf der Ermittlungsjahre hatte die Kripo nicht nur das "Phantom" gejagt, sondern war unterschiedlichen Hypothesen nachgegangen: Sie hatte mit sehr hohem Aufwand im Drogenmilieu recherchiert, in der Obdachlosenszene, bei Drückerkolonnen, sie hatte umfangreiche Speicheltests vorgenommen, im Umfeld von Schaustellern und Gebrauchtwagenhändlern ermittelt - und war doch keinen Schritt weitergekommen.
Die Soko hatte die Methode der Operativen Fall-Analyse, das sogenannte Profiling, eingesetzt, und sich einem externen Controlling unterworfen. Und sie hatte auch nach möglichen Mängeln in der kriminaltechnischen Analyse gesucht. Das LKA Baden-Württemberg machte eine Serie von Leertests, um Fehlerquellen in den Polizeilabors auszuschließen. Wie LKA-Pressesprecher Horst Haug der FR sagte, wurden dabei Behälter mit destilliertem Wasser dem DNA-Analyseprozess unterworfen. Die Idee: Wenn Apparaturen mit DNA verunreinigt sind, hätte sich die DNA in dem Wasser finden müssen. War sie aber nicht.
Unter den 40 Funden der "Phantom"-DNA gab es bereits einige sehr unplausible - so im Auto einer Selbstmörderin; am Projektil einer Pistole, die bei einem Bruderzwist eingesetzt wurde; an einer Spielzeugpistole in einer Wohnung von Vietnamesen in Frankreich, die von Chinesen überfallen wurden. Am Ende ließ ein Fall im Saarland die Ermittler nachhaltig an der "Phantom"-These zweifeln: Bei der Untersuchung von Fingerabdrücken eines Asylbewerbers stieß die Polizei auf die DNA-Spur des "Phantoms". Bei einer Gegenprobe wenig später mit einem anderen Wattestäbchen aber tauchte diese DNA nicht mehr auf.
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