Frankfurter Rundschau
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Polizistenmord in Heilbronn
Spuren und Spekulationen
Andreas Förster
Polizisten suchen im explodierten Haus nach Spuren.
Foto: dapd
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Der Polizistenmord in Heilbronn ist noch immer nicht aufgeklärt. Die Verdächtige schweigt - dennoch werden immer mehr Details über das Leben der Verdächtigen bekannt.

Auch fünf Tage nach dem Tod zweier Bankräuber in Eisenach und der Explosion ihres Wohnhauses in Zwickau steht noch immer nicht fest, ob die Täter mit dem mysteriösen Polizistenmord von Heilbronn in Verbindung gebracht werden können. Zwar wurden Waffen gefunden, die aus dem damaligen Verbrechen stammen. Ein erster DNA-Test der festgenommenen Komplizin der Bankräuber ergab jedoch keine Übereinstimmung mit Genspuren, die an dem Heilbronner Tatort 2007 gesichert werden konnten.

Am 25. April 2007 war die aus Thüringen stammende 22-jährige Polizistin Michele Kiesewetter scheinbar grundlos mit einem Kopfschuss auf einem Parkplatz ermordet worden. Ihr zwei Jahre älterer Streifenkollege wurde durch einen Schuss lebensgefährlich verletzt, er erinnert sich heute nicht mehr an den Überfall. Der Stuttgarter Generalstaatsanwalt Klaus Pflieger war am Dienstag dennoch vorgeprescht und hatte erklärt, der rätselhafte Polizistenmord sei nach den Ereignissen von Eisenach und Zwickau nun aufgeklärt. Skeptiker aber warnten da bereits vor voreiligen Erfolgsmeldungen.

Indizien sprechen für eine Verbindung

Tatsächlich sprechen bislang nur Indizien für eine Verbindung des Räubertrios, das aus der Thüringer Neonaziszene stammt, zu dem Mordfall. So fand man im ausgebrannten Wohnmobil neben vielen anderen Waffen auch die beiden Heckler & Koch-Dienstpistolen der Opfer. Zudem sollen sich im Fahrzeug die Handschellen befunden haben, die die Täter 2007 der toten Polizistin abgenommen hatten. Im Zwickauer Wohnhaus schließlich, das das Tätertrio 2008 bezogen hatte, ist die Spurensicherung auf eine Pistole gestoßen, die vom selben Typ wie die Mordwaffe von Heilbronn ist. Ob es sich aber auch um die Tatwaffe handelt, müssen weitergehende Untersuchungen zeigen.

Licht ins Dunkel des verworrenen Falles könnte die 36-jährige Beate Zschäpe bringen, die sich am Dienstag in Begleitung eines Anwalts der Polizei in Jena gestellt hatte. Sie hat bislang aber keine Angaben gemacht, wie Polizei und Staatsanwaltschaft am Mittwoch auf einer Pressekonferenz in Zwickau erklärten. Zschäpe hatte mit den beiden vermutlich durch Selbstmord in dem Wohnmobil getöteten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in Zwickau gelebt. Sie ist jetzt dringend verdächtig, vier Stunden nach dem Tod ihrer Freunde in Eisenach das Zwickauer Wohnhaus in die Luft gejagt zu haben, nachdem sie noch schnell ihre beiden Katzen einer Nachbarin übergeben hatte.

Auf der Pressekonferenz sagte der Leiter der Polizeidirektion Südwestsachsen, Jürgen Georgie, dass der Haftbefehl gegen die 36-Jährige auf schwere Brandstiftung laute. Man gehe allerdings nicht davon aus, dass die Frau auch in Eisenach am Tatort gewesen sei. Georgie sprach zudem von der „begründeten Annahme“, dass die beiden toten Männer auch für weitere Banküberfälle in der Vergangenheit verantwortlich sein könnten. Darauf ließen Kleidungsstücke schließen, die im explodierten Wohnhaus in Zwickau gefunden worden seien.

Unterschlupf im Nobelstadtteil

Ein wenig deutlicher stellt sich inzwischen das Leben des Trios in Zwickau dar. Nach Angaben von Nachbarn gegenüber örtlichen Medien seien die drei, die 1998 spurlos aus Jena verschwunden waren, Anfang 2008 in dem vornehmen Zwickauer Stadtteil Weißenborn aufgetaucht. Sie waren damals in ein frisch saniertes Mehrfamilienhaus in der Frühlingsstraße eingezogen, ein prächtiges Gebäude mit Spitzbogenfenstern, mit Garten und griechischem Restaurant im Erdgeschoss. Zwei Wohnungen bezog das Trio, um sie zu einer 120 Quadratmeter großen Wohnung mit Fitnessraum umzubauen. Laut Polizei gebe es noch eine vierte Person, die die Wohnung offiziell gemietet und an das Trio untervermietet habe. Diese Person, die bislang als Zeuge in dem Verfahren gilt, habe auch in regelmäßigem Kontakt zu den dreien gestanden.

Für die Nachbarn galten Beate Zschäpe und Uwe Mundlos, die unter den Aliasnamen Susann und Matthias Dienel auftraten, als Ehepaar; Uwe Böhnhardt, so glaubte man, sei der Bruder der Frau. Während die Männer still und unauffällig blieben, habe die Frau gern ein Schwätzchen gehalten, sagen die Nachbarn. Sie habe erzählt, sie arbeite von zu Hause aus, ohne aber zu sagen, was genau sie tat. An das weiße Wohnmobil mit dem vogtländischen Kennzeichen, das am Freitag in Eisenach ausbrannte, konnten sich einige Anwohner der Frühlingsstraße erinnern. Zwei Wochen soll es schon vor dem Haus gestanden haben, alle dachten, es sei von den dreien für einen Urlaub angemietet worden. Ungewöhnlich sei dies nicht gewesen, die drei hätten oft verschiedene Leihwagen gefahren.

Möglicher Aufenthalt in Südamerika

Völlig im Dunkeln liegt bislang, was das Trio zwischen seinem Abtauchen 1998 und dem Wohnungseinzug in Zwickau gemacht hat und wo es sich versteckt hielt. Waren die drei Personen vielleicht im Ausland, in Osteuropa oder in Südamerika, wie es einige vermuten, die sie noch aus den neunziger Jahren in Jena kennen? Liegt hier vielleicht auch der Schlüssel für den Mord von Heilbronn, weil die Flüchtigen fürchteten, von der aus Thüringen stammenden Polizistin erkannt worden zu sein? Und was ist dran an den Spekulationen über eine mögliche Anbindung der drei an den Verfassungsschutz?

Zumindest zu letzterem hat es am Mittwoch bereits eine eindeutige Erklärung gegeben. Der Thüringer Verfassungsschutz stellte in einer im Internet veröffentlichten Erklärung fest, dass es keine Anhaltspunkte für eine „nachrichtendienstliche Zusammenarbeit“ mit den mutmaßlichen Bankräubern gebe. Auch hätten „staatliche Stellen“ den rechtsextremen Bombenbauern, die vor rund 13 Jahren trotz Observation hatten abtauchen können, seinerzeit nicht bei der Flucht geholfen. Vielmehr habe der Geheimdienst seit damals keine Kenntnis über ihren Aufenthaltsort gehabt, hieß es in der Mitteilung der Behörde.

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